Wenn Fragen die besseren Antworten sind

MIGRATION Der Gießener Student Ali Can sucht den Dialog mit besorgten Bürgern

Student und Autor Ali Can sucht als "Migrant des Vertrauens" ganz bewusst den Kontakt zu Menschen, die etwas gegen Zuwanderung haben, die deswegen zumindest besorgt sind. (Foto: Manfred Esser/Bastei Lübbe/dpa)

Ali Can scheut keine schwierigen Gespräche. Der Student ist Migrantensohn und sucht als „Migrant des Vertrauens“ ganz bewusst den Kontakt zu Menschen, die etwas gegen Zuwanderung haben, die deswegen zumindest besorgt sind. Doch der Dialog könne gelingen, sagt Can im Interview. Nötig seien gute Absichten, gegenseitiger Respekt - und manchmal auch unerwartete Helfer, die das Eis brechen.

Was kann ein „Migrant des Vertrauens“ besorgten Bürgern raten?

Ali Can: Er kann zunächst vor allem zuhören. Bei Gesprächen sage ich häufig erst einmal nichts, weil ich sehr interessiert bin an der Meinung des anderen. Ich sage dann, dass ich es gut finde, wenn sich jemand mit Themen wie Zuwanderung beschäftigt. Wenn er deswegen besorgt ist, ist das völlig menschlich, das ist auch okay. Man sollte ehrlich sein und Dinge aussprechen können, was ich dann auch sage. Danach stelle ich Fragen. Ich gebe keine Antworten. Manchmal sind Fragen die besseren Antworten. Ich frage nach den Erfahrungen der Menschen. So habe ich gemerkt, dass manche Pegida-Teilnehmer noch nie mit einem Moslem gesprochen haben.

Was hören Sie besonders oft von Ihren Gesprächspartnern?

Can: Dass sie Unterschiede sehen in den Kulturen und in der Religion. Die häufigste Bemerkung, die Menschen mir zutragen: Die Einwanderer hätten ganz andere Traditionen, eine ganz andere Kultur und passen mit ihren Werten nicht hierher. Das machen die meisten fest an Merkmalen wie Religion, Bräuche, Kleidung, also Kopftuch oder Burka. Vor allem beziehen sie sich auch auf die Situation in den jeweiligen Herkunftsländern. Manchmal ohne zu wissen, dass die Menschen, die hierher kommen, vor dortigen Extremisten geflohen sind. Das ist etwas, was ich dann häufig entgegnen muss.

Wie schaffen Sie es als Migrantensohn, mit Pegida- oder AfD-Anhängern ins Gespräch zu kommen?

Can: Ich habe festgestellt, dass man manchmal seine positive Absicht erstmal zeigen muss, damit sich die Menschen sicher sein können. Dass zum Beispiel ich, der einen Migrationshintergrund hat, nicht ihre Tradition, Werte und Identität wegnehmen möchte, sondern etwas mit ihrer Kultur anfangen kann. Bei einer Pegida-Demonstration habe ich erlebt, dass ein Schokoladen-Osterhase ein Gesprächsöffner und Eisbrecher war. Ich hatte ihn essen wollen. Ein Pärchen musste bei dem Anblick schmunzeln, der Osterhase hat irgendetwas ausgelöst. Weil er ja auch mit dem Christentum in Verbindung steht, kam wohl meine positive Haltung rüber. Dieser Osterhase war wie eine Verbindung.

Was macht Ihnen nach all den Begegnungen und Gesprächen Mut?

Can: Mut machend ist, dass - wenn man seine positive Absicht erst einmal geäußert hat - selbst der rechteste Mensch einem mit Respekt entgegentreten kann. Das habe ich mehrfach erlebt. Unabhängig von der politischen Orientierung ist es wichtig, sich mit Respekt zu begegnen. Das ist das A und O. Und es macht mir Mut, ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Denn wenn man sich gegenseitig besser versteht, kann man auch Gemeinsamkeiten aufbauen. Das ist wirklich der Weg, wie es funktionieren kann, dass wir eine Gesellschaft werden. Niemand mag es, vorverurteilt und pauschalisiert zu werden - ob nun als Migrant oder vermeintlicher Rassist. (dpa)

 

Zur Person

Ali Can (23) wurde in der Türkei geboren, kam als Kind nach Deutschland und war selbst Asylsuchender. Heute ist er Lehramtsstudent an der Uni Gießen und engagiert sich unter anderem mit einem Verein für Integration und friedliches Zusammenleben. Aus der Idee, sich mit Pegida-Anhängern auszutauschen, entstanden eine „Hotline für besorgte Bürger“ und ein Buch.


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