Zwangssterilisierte und NS-„Euthanasie“-Opfer: NS-Opfer zweiter Klasse?

Ihre herabsetzenden und menschenverachtenden Aussagen werden in der Diskussion über finanzielle Wiedergutmachung auch heutzutage noch zitiert. Über den scheinbar aussichtslosen Kampf für die Rechte der Betroffenen referierte Margret Hamm, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten (AG BEZ). Im Rahmen einer gemeinsamen Fortbildungsreihe der Gedenkstätte Hadamar und der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Weil-Lahn skizzierte Frau Hamm die Geschichte des 1987 gegründeten Bundes der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten. Der Gründung vorausgegangen waren seit den 1950er Jahren verschiedene gescheiterte Versuche, eine Interessenvertretung für Menschen zu etablieren, die im Nationalsozialismus zwangssterilisiert wurden oder deren Familienangehörige im Rahmen der NS-„Euthanasie“ ermordet wurden.

Nach heutigem Kenntnisstand fielen ca. 300.000 angeblich „lebensunwerte“ Menschen den nationalsozialistischen Krankenmorden zum Opfer, welche unter strenger Geheimhaltung durchgeführt wurden. Weitere etwa 350.000 Menschen wurden im Deutschen Reich in den Jahren 1933 – 1945 zwangssterilisiert. Grundlage für die Unfruchtbarmachungen war das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das die Nationalsozialisten im Jahr ihres Machtantritts erlassen hatten.

Menschen mit bestimmten Erkrankungen wie „angeborenem Schwachsinn“, Schizophrenie, Epilepsie, Depressionen oder körperlichen Behinderungen wurden auf Grundlage dieses Unrechtsgesetzes mittels eines chirurgischen Eingriffs sterilisiert. Viele der Zwangssterilisierten, so betonte Frau Hamm in ihrem Vortrag, waren keineswegs krank, sondern wurden von Staats wegen als schwachsinnig abgestempelt, weil sie zum Beispiel durch soziale Unangepasstheit oder abweichende politische Meinungen aufgefallen waren. Sowohl zwangssterilisierte Menschen als auch die Familien der Mordopfer litten und leiden auch heute noch unter der Stigmatisierung „erbkrank“ oder „lebensunwert“. Häufig leben sie laut Frau Hamm in großer Zurückgezogenheit.

Auch in der Gedenkstätte Hadamar hat man die Erfahrung gemacht, dass Angehörige von NS-„Euthanasie“-Opfern zum Teil Angst vor Diskriminierung aufgrund des Krankheitsfalls in ihrer Familie haben. Nicht selten wurden die Opfer innerhalb der eigenen Familie verschwiegen. So ist es häufig die dritte Generation, die sich heutzutage auf Spurensuche begibt und sich mit der Bitte um Informationen über ihre ermordeten Vorfahren an die Gedenkstätte wendet, berichtete Dr. Jan Erik Schulte, der Leiter der Gedenkstätte Hadamar. Der Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten bot und bietet den betroffenen Menschen die Möglichkeit zum Austausch, Hilfe im Alltag und Unterstützung bei der Durchsetzung ihrer Forderungen nach Entschädigungszahlungen. Ein weiterer Arbeitsbereich ist die Durchsetzung einer politischen Anerkennung der Opfer als NS-Verfolgte und deren gesellschaftliche Rehabilitierung. Im Gegensatz zu anderen NS-Verfolgten erhielten zwangssterilisierte Menschen und Nachkommen von Opfern der NS-„Euthanasie“ jahrzehntelang weder Anerkennung noch finanzielle Leistungen, da ihr Schicksal in der Bundesrepublik Deutschland als „nicht NS-typisches Unrecht“ galt.

Frau Hamm umschrieb in ihrem Vortrag diesen unterschiedlichen Umgang mit Opfergruppen als „Opferhierarchie“. Der geringe Stellenwert, den die hier thematisierte Gruppe von Menschen offensichtlich auf politischer Ebene hat, mag auch auf die Zusammensetzung des Gutachter-Ausschusses zurückzuführen sein, der 1961 im Bundestagsausschuss für Wiedergutmachung beratend tätig war. Dem Gremium gehörten sieben Sachverständige an, von denen drei (!) nachgewiesenermaßen an Zwangssterilisierungen in der NS-Zeit beteiligt gewesen waren, wie z.B. Prof. Helmut Ehrhardt, der im Nationalsozialismus als Gutachter für das Erbgesundheitsgericht über Zwangssterilisierungen mit entschieden hatte. Frau Hamm wies im Rahmen ihres Vortrags zum Erstaunen der Zuhörer darauf hin, dass die Argumentationslinien dieses zweifelhaften Gremiums auch heute noch bei Entscheidungen über Entschädigungszahlungen herangezogen werden. Erst 1974 hat der Deutsche Bundestag das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr angewendet wurde, offiziell außer Kraft gesetzt, jedoch nicht aufgehoben. Auf Initiative des Bundes der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten gab es 2007 einen weiteren Anlauf im Deutschen Bundestag, der jedoch mangels parteiübergreifender Einigkeit ebenfalls nicht zu einer Aufhebung, sondern nur zu einer Ächtung des Gesetzes führte. Somit sind die im Nationalsozialismus unter dem Deckmantel der „Euthanasie“ ermordeten und zwangssterilisierten Menschen seit einigen Jahren offiziell gesellschaftlich rehabilitiert und anderen NS-Verfolgten gleichgestellt. Eine entschädigungspolitische Anerkennung blieb hingegen unverändert weitgehend aus.

Auch wenn 1980 erstmalig eine Entschädigung an vereinzelte Opfer der NS-Gesundheitspolitik ausgezahlt wurde, beklagte Frau Hamm in ihrem Vortrag zahlreiche von der Arbeitsgemeinschaft dokumentierte Fälle von Behördenwillkür im Umgang mit Antragstellern. Im Anschluss an den Vortrag von Frau Hamm entspann sich unter Moderation von Dr. Gundula Rippen, der kommissarischen Klinikdirektorin von VITOS Hadamar und Weilmünster, eine lebhafte Diskussion unter den Zuhörern, die neben Fragen zur Historie der Aufarbeitung von NS-Unrecht auch aktuelle Themen wie Pränataldiagnostik, Sterbehilfe, Psychiatrie der Gegenwart und Kontinuitäten der Ausgrenzung in den Blick nahm. Margret Hamm, die ihren jahrzehntelangen Kampf für die Rechte der NS-Verfolgten fortführen möchte, äußerte abschließend den Wunsch, dass vor allem jüngere Generationen aus der Geschichte lernen und aktuelle Entwicklungen in Medizin, Gesellschaft und Politik nicht einfach hinnehmen, sondern stets kritisch hinterfragen mögen.


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