„Auch mal an die eigene Nase packen“

GESELLSCHAFT Chef des Deutschen Journalistenverbands: Frank Überall spricht bei Lions-Club-Empfang

Wie kann Journalismus helfen, Debattenkultur trotz Hass, Lüge und Hetze zu gestalten? Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), Frank Überall, spricht im Komödienbau auf Einladung des Lions Club Weilburg. „Lügenpresse“-Vorwürfe weist er zurück, erinnert Journalisten aber auch an ihre Verantwortung. (Foto: Gorenflo)
Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur sind eingeladen: Der Lions Club Weilburg nutzt den traditionellen Neujahresempfang als Benefizveranstaltung auch, um auf seine Hilfsprojekte aufmerksam zu machen und Gelder für diese zu sammeln. (Foto: Gorenflo)
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Der Festredner machte beim Empfang im Komödienbau deutlich, dass er die derzeitige Entwicklung nicht nur aus professioneller Sicht als eine problematische ansieht. „Als Mensch habe ich verschiedene Hüte auf“, sagte Überall. Zum Einen ist er Vorsitzender des DJV, aber auch Wissenschaftler und versucht in der Lehre, junge Menschen an die Debattenkultur heranzuführen. Weiter ist er aber auch Journalist sowie politisch interessierter Bürger.

„Diesen Menschen geht es darum, dieses System, die Demokratie, zu zerstören“

Überall machte einen Trend zu Lügen, Hass und Hetze vor allem in den so genannten sozialen Netzwerken aus – sowie viele große Missverständnisse. „Soziale Netzwerke muss man von professionellen Medien unterscheiden“, machte der Professor deutlich. Journalisten müssten ihren Beruf erklären und zeigen, was ihre Professionalität ausmache. „Es ist immer noch so, dass Massenmedien die gesellschaftliche Kommunikation strukturieren“, sagte Überall. Soziale Netzwerke würden sicherlich auch dazu beitrage, seien aber eine Art „digital verlängerter Stammtisch“. Dank Internet könne zwar jeder zum Sender werden, aber nicht jeder finde damit auch eine ganz große Öffentlichkeit. „Diese besondere Verantwortung haben wir als Journalisten und da müssen wir uns an der ein oder anderen Stelle mal an die eigene Nase packen und fragen, wie gehen wir mit den Dingen um, wenn wir zum Beispiel auch mal Fehler machen“, sagte der Festredner.

Man dürfe nicht auf einem hohen Ross sitzen, müsse runter kommen und mit den Menschen sprechen. Journalisten müssten dahin gehen, „wo es stinkt“ – in die sozialen Brennpunkte, dort, wo die Gesellschaft brodelt. Auf der anderen Seite müsse man aber auch noch seinen Job machen, recherchieren und berichten. Journalisten könnten nicht den ganzen Tag nur mit den Menschen kommunizieren und sich erklären. Gerade in sozialen Netzwerken gebe es viel Hass und Lüge. Journalisten würden dort oft als Lügenpresse bezeichnet. Als Wissenschaftler müsse er des Wort „Lüge“ auseinander nehmen, sagte Überall: Dieses meine, die Wahrheit zu wissen und vorsätzlich das Gegenteil zu behaupten. Man könne Journalisten vieles vorwerfen natürlich würden auch Fehler gemacht , aber dass Journalisten vorsätzlich die Öffentlichkeit in die Irre führten, sei ein politischer Kampfbegriff. „Diesen Menschen geht es darum, dieses System, die Demokratie, zu zerstören“, sagte Überall. Journalismus sei ein Pfeiler dieser Demokratie.

Der Vizepräsident des Lions Club Weilburg, Horst Koort hatte für den krankheitsbedingt verhinderten Präsidenten Thorsten Sprenger, die Gäste zum Neujahrsempfang des Serviceclubs begrüßt. Der Empfang ist eine Benefizveranstaltung, durch den Verkauf von Losen für die Tombola werden Mittel für die verschiedenen Hilfsprogramme des Clubs eingenommen, etwa Lions-Projekte in der Region, darunter Kinder- und Jugendprogramme, Kindergarten plus, Klasse 2000 und Lions Quest an heimischen Kitas und Schulen. „Wir haben 1,4 Millionen Mitglieder in 47 000 Clubs in 200 Ländern“, sagte Koort. Jedes Mitglied könne sich in das Clubleben einbringen. Hinter jedem Herr stünde eine ebenso engagierte Frau und der Vizepräsident dankte den Damen, die den Club unterstützen, denn ohne sie wäre vieles nicht zu meistern. „Die nächste Generation steht auch schon bereit.“

Der Neujahrsempfang symbolisiere in Weilburg traditionell den gesellschaftlichen Beginn des neuen Jahres, sagte der Schirmherr, Bürgermeister Johannes Hanisch (CDU), selbst Mitglied im Lions Club. Man komme zusammen, wünsche sich für das neue Jahr nur das Beste, aber der Empfang rege auch immer wieder zum Nachdenken und Besinnen auf das neue Jahr an.

„Mit dem Vortrag wird ein Thema angesprochen, das uns vor allem in den letzten Jahren sehr stark beschäftigt hat“, sagte Hanisch. Der Amtsantritt des Präsidenten Donald Trump in den USA, die Auseinandersetzungen um die Inhaftierung von Journalisten in der Türkei, aber auch die Debatte und Auseinandersetzungen am Rande der Bundestagswahl in Deutschland machten deutlich, dass eine werteorientierte Debatte, die auf Meinungsfreiheit und gleichzeitig Respekt für den Menschen fußt, einen wichtigen Beitrag für Wahrung von Menschenrechten und Demokratie leistet. Eine solche Debatte werde vor allem durch die Medien und den Journalismus geprägt und gesteuert.

„Im Jahr 2018 befinden sich der Journalismus und wir alle in einer immer schneller werdenden Welt, in der Kommunikation und Information innerhalb von Sekunden um die ganze Welt gehen“, sagte der Bürgermeister. Debatte finde nicht mehr etwa nur beim Einkaufen, sondern in der virtuellen Welt statt. „Hier ist es unserer aller Aufgabe, die Kultur einer Debatte zu erhalten und Vorverurteilungen oder falschen Informationen entgegen zu treten“, sagte Hanisch. Aus seiner Sicht komme Journalismus auch in diesem Kontext eine zunehmende Bedeutung zu.

Für passende Musik sorgte das Schüler-Ensemble des Gymnasiums Philippinum unter Leitung von Michael Glotzbach.


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