„Heute kann man darüber sprechen“

Die Beratungsstelle „Gegen unseren Willen“ in Limburg kümmert sich um Opfer sexueller Gewalt

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Frau Koepper, Frau Müller, mit Fällen aus der Filmbranche hat die „MeToo“-Debatte vor knapp einem Jahr begonnen. Welchen Einfluss hat das auf den Landkreis Limburg-Weilburg?

Barbara Koepper: Die Auswirkungen sind schwierig nachzuvollziehen. Wir fragen das nicht ab. Es gibt gerade in den letzten Monaten aber erhöhte Nachfragen. Wo wir den Einfluss stark merken, ist bei Schulklassen, hauptsächlich von berufsbildenden Schulen. Da wird heftig diskutiert. Dort machen wir Informationsbesuche, erzählen von unserer Arbeit und stellen uns der Diskussion. Inwieweit dies zu Einzelberatungen im Nachhinein führt? Das sagen uns die Leute nicht.

Jessica Müller: Was „MeToo“ bewirkt hat: Es wird mehr darüber geredet. Das führt vielleicht dazu, dass Betroffene sagen: Ich gehe mal zu einer Beratungsstelle.

2016 wurde in Deutschland das Sexualstrafrecht verschärft. Bringt das mehr Opfer dazu, sich zu melden?

Koepper: Wir merken, dass es verschärft wurde, weil es dadurch andere Anfragen gibt. „Nein heißt nein“ – was heißt das? Nicht nur die Betroffenen melden sich bei uns, sondern auch das Umfeld oder Behörden. Wo man dachte, das ist rechtlich nicht relevant, steht nun die Frage im Raum, ob es das ist.

Worum geht es dabei?

Koepper: Das ist das Ausnutzen von Überraschungsmomenten: „Ich wusste gar nicht, was der vorhat. Wir hatten uns nur locker verabredet. Ich bin gar nicht zum Nein-Sagen gekommen, das ging alles so schnell.“ Auch die Frage, ab wann gilt ein Nein als Nein und welche Rolle spielt körperliche Abwehr.

Erstatten die Opfer Anzeige?

Koepper: Nein, der überwiegende Teil möchte keine Anzeige. Etwa ein Drittel der Betroffenen, die sich bei uns melden, erstatten Anzeige.

Woran liegt das?

Koepper: Manche wollen nur, dass es aufhört. Da geht es um die Befürchtung, dass man sich bei einer Anhörung im Gerichtsverfahren äußern muss, dass die eigene Glaubwürdigkeit strapaziert wird. Manchmal liegt die Tat auch zu lange zurück. Oder es hängt an der Angst vor Repressalien durch den Täter. Gerade Vergewaltigungen sind Taten, die mit Drohungen einhergehen. „Ich werde dich finden, egal, wo du bist.“ Alles, was Sie aus Krimis kennen, findet hier auch Anwendung.

Mit welchen Fällen werden Sie am häufigsten konfrontiert? Kinder oder Erwachsene?

Koepper: Die Eingruppierung ist schwierig, weil wir Erwachsene haben, die zu einem gewissen Teil – ich würde mal sagen 30 Prozent plus X – schon als Kind sexuelle Gewalterfahrung gemacht haben. Auch bei der Unterteilung in Betroffene und Bezugspersonen lässt es sich nicht immer trennen. Da kommt beispielsweise eine Lehrerin wegen eines Kindes, erinnert sich dann an ihre eigenen Gewalterlebnisse und weint wegen ihrer Biografie. Die eigene Betroffenheit war nie der Anlass, hierher zu kommen. Aber auf einmal kommt das eigene „Ich kann nicht mehr schlafen“ und „Jetzt kommen die alten Bilder wieder hoch“. Und dann geht es darum, beides zu klären: Was braucht das Kind in der Klasse, was braucht die Lehrerin, um es auszuhalten? Von daher: Wie trage ich das am sinnvollsten in die Statistik ein?

Sind es vor allem weibliche Opfer?

Koepper: Gerade ab 14 sind es weibliche Opfer, die zu uns kommen. Wenn Lehrerinnen oder Erzieherinnen zu uns kommen, geht es auch um Jungs.

Um welche Vorfälle geht es?

Koepper: In 90 Prozent plus X der Fälle ist mehr passiert als eine sexuelle Beleidigung – ohne, dass ich die jetzt verharmlosen möchte. Auch das ist ein Straftatbestand, aber das ist nicht das, weswegen Leute kommen. Überwiegend geht es um Vergewaltigung mit Eindringen in den Körper, ob vaginal, anal oder oral, auch als Versuch. Wir haben auch mit dem Bereich Internet zu tun, da geht es um Bilder-Erpressung oder Videos.

Nimmt gerade das zu?

Koepper: Ja. Das Medium hat sich ausgebreitet. Als ich angefangen habe, gab es auch Kinderpornografie. Heute ist das aber nur ein Mausklick. Damit können auch Menschen, die sich früher nicht getraut haben in einer Videothek nach Kinderpornografie zu fragen, sich dessen bedienen.

Müller: In den Schulklassen geht es um Themen wie Sexting, Cybermobbing, sexuelle Gewalt im Internet. Es ist beispielsweise so, dass Jungs Pornos auf dem Handy haben und diese Mädchen zeigen. Dann kommen die Anfragen aus den Schulen zu Präventions- und Informationsveranstaltungen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Gesellschaft mittlerweile mehr hinschaut, was der Nachbar macht, was in der Schulklasse passiert oder was in der Familie geschieht?

Koepper: Wellen gab es schon immer. Aktuell ist es „MeToo“, 2010 war es die Kirchen-Welle, als viele Missbrauchsfälle öffentlich wurden. Davor war es vielleicht mal ein aktueller Fall aus dem Landkreis, der Wellen geschlagen hat. Jede Welle für sich ist wichtig. Jede hat aber auch immer ein Abebben. Was geblieben ist, ist eine wahnsinnige Verunsicherung, gerade bei Missbrauch von Kindern aber auch bei der Frage, ob ein Mann seine Frau vergewaltigt. „Ich weiß es ja nicht. Was soll ich denn machen“ , heißt es oft.

Was soll man machen, wenn man einen Verdacht hat?

Koepper: Liege ich mit meiner Vermutung überhaupt richtig? Das ist das, was wir mit Menschen durchgehen. Woher haben sie ihre Vermutung? Ist es ein Bauchgefühl? Gab es Sätze oder etwas, was sie beobachtet haben? Ein reines Bauchgefühl kann völlig richtig sein. Wenn wir beispielsweise eine Tante haben, die den Fall ihrer Nichte anzeigen will, dann sage ich immer: Wenn es nicht im Interesse der Nichte ist, ist es die Frage, ob es der richtige Schritt ist. Das heißt nicht, dass wir gegen Anzeigen sind. Wir informieren, unterstützen, begleiten. Die Betroffenen sind aber diejenigen, die als Zeugen aussagen müssen. Man sollte überlegen: Was kann ich der Frau anbieten? Vielleicht zumindest mal ein Kärtchen zustecken? Kann ich einfach mal sagen: „Ich mach mir Sorgen. Ich finde nicht okay, was hier läuft.“ Oder Jugendliche mal ansprechen: „Wie geht es dir mit dem neuen Partner deiner Mutter?“ Es geht darum, sich diese Ansprache zu trauen, ohne direkt zu sagen: „Erlebst du sexuelle Gewalt?“ Das könnte eine Überforderung sein für einen selbst, aber auch für die Betroffenen.

Müller: Wir verstehen uns als frühe Anlaufstelle, sodass man, wenn man einen Verdacht hat oder nur etwas gehört oder mitbekommen hat, sich hier beraten lassen kann.

Viele Betroffene melden sich erst nach vielen Jahren oder trauen sich nicht, etwas zu sagen. Woran liegt das?

Müller: Betroffene schämen sich dafür, was passiert ist und geben sich die Schuld. Viele haben Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird und die Frage, wie das Umfeld wohl darauf reagieren wird, ist auch von Bedeutung. Zumindest kann man heutzutage darüber sprechen und sagen: „Ja, ich bin Opfer sexueller Gewalt geworden“. Wenn Sie 60 Jahre zurückschauen, war das anders.

Koepper: Die öffentliche Erlaubnis, darüber zu reden, ist größer geworden.

Aber auch heute gibt es Opfer, die sich nicht sofort an Anlaufstellen, ob Polizei oder Beratungsstellen, wenden.

Koepper: Die Erstreaktion, warum Spuren verloren gehen, das ist eine Schutzreaktion. Wenn jemand vergewaltigt wird, steht er erst einmal unter Schock. Das ist eine Art Traumatisierung. Das Erste, was man will, ist irgendwohin flüchten und duschen, duschen, duschen. Das soll alles weg. Da hat man nicht im Kopf, ob man eine Anzeige will oder nicht, ob es klüger wäre, zur Polizei zu gehen oder die Spuren sichern zu lassen. Das sind einfach Kräfte, die wirken. Meine normalen, reflektierten Fähigkeiten sind erst einmal nicht da. Der Mensch schaltet auf Überleben um. Die meisten brauchen Tage, Wochen, manchmal Jahre.

Gibt es keine andere Möglichkeit?

Koepper: Es gibt das vom Frauennotruf Frankfurt entwickelte Programm „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“. Das heißt, ich kann mich auch ohne Anzeige bei der Polizei an ein Krankenhaus wenden, die Spuren werden gesichert und ein Jahr lang als Asservat in der Gerichtsmedizin hinterlegt. Man hat solange Zeit, zu überlegen, ob man die Vergewaltigung anzeigen will oder nicht. Das soll es demnächst, voraussichtlich im Herbst oder Anfang nächsten Jahres, auch im Landkreis geben. Das machen wir in Kooperation mit dem Frauenbüro des Kreises und „pro familia“. Denn eine nicht gerade verschwindend geringe Zahl geht nicht in die medizinische Versorgung, weil sie Angst hat, dass die Polizei eingeschaltet wird. Diese Nicht-Versorgung führt dazu, dass unerwünschte Schwangerschaften, HIV und andere Geschlechtskrankheiten, körperliche Verletzungen wie Einrisse oder Hämatome nicht versorgt werden.

Wenn ein Kind sexuell missbraucht wird, gibt es dafür keine Anzeichen?

Müller: Leider gibt es kein „Missbrauchssyndrom“. Gerade wenn man als Kind sexuell missbraucht wird, können die Opfer einfach nicht darüber reden. Sie kennen die Begrifflichkeiten gar nicht.

Koepper: Die Art und Weise, wie sich Betroffene melden, ist nicht immer so konkret, wie das Gegenüber das gerne hätte. Beispielsweise ist eine Mutter hier in Beratung, da ist herausgekommen, dass der Schwiegervater das Kind beim Babysitten missbraucht hat. Dann sagt sie im Nachhinein: „Ja, ja, er hat immer gesagt, ich will nicht, dass der Opa auf mich aufpasst. Der stinkt und ist doof. Was habe ich gesagt? Rede nicht so über deinen Opa. Und nicht, wie kommst du darauf?“ In der ersten Reaktion geht es oft aneinander vorbei.

Müller: Der Sohn kann ja nicht sagen, dass der Opa ihn sexuell missbraucht hat, wenn er gar nicht weiß, was das ist.

Koepper: Oder: „Ich will nicht mehr zum Fußballtraining. Der Trainer ist voll doof.“ „Wenn du denkst, dass du nur Fernsehgucken darfst, hast du dich getäuscht“ – im guten Glauben, mein Kind zu motivieren, Sport zu machen. „Ich gehe da nicht mehr hin, weil ich mich nicht mehr traue, zu duschen, weil der immer einen Grund findet, reinzukommen“: Das ist nicht das Erste, was sie sagen. Sie sagen erst etwas anderes, um zu testen, wie Mama, Papa, Tante, Onkel reagieren. Das macht es so schwierig. Davon gehen die Antennen noch nicht an. Die Täter beherrschen es auch, zu täuschen, die richtigen Worte zu finden, Zugang zu suchen. Wir haben es mit planvollem Vorgehen zu tun, das geschickt eingefädelt wird und das dazu führt, dass man Kindern nicht glaubt. Gerade Frauen traut man es nicht zu, dass sie die Täterin sind. Der Anteil schwankt in den Statistiken zwischen sieben und 15 Prozent.

Welche Fälle sind noch vorgekommen?

Koepper: Es gibt ja auch andere Erklärungsmuster: Mama hat einen neuen Lebenspartner. Die Tochter hat sich dagegen gewehrt. Jetzt geht es um Missbrauchsvorwürfe. Ja, ja, die wollte den noch nie haben. „Das konnte ich meiner Mama nicht erzählen“, hat mir mal eine Jugendliche gesagt. „Sie hat so gelitten unter der Scheidung von meinem Papa und jetzt ist da jemand, meine Mama lacht wieder und ist glücklich. Mama strahlt und jetzt komme ich und sage: Aber der missbraucht mich.“ Oder: Missbrauch durch einen Opa, Papa will es anzeigen, aber Mama nicht. „Das verträgt die Oma nicht, die hatte letztes Jahr erst einen Herzinfarkt.“ Da geht es nicht ums Vertrauen ins Rechtsystem.

Müller: Es gab mal eine Statistik: Ein Kind muss erst mehreren Leuten davon erzählen, bevor ihm geglaubt wird. (Foto: PA/Photoshot)

 

Gegen unseren Willen

Barbara Koepper ist Sozialpädagogin und leitet die kostenfreie und anonyme Beratungsstelle zu sexueller Gewalt des Vereins „Gegen unseren Willen“ in der Werner-Senger-Straße 19 in Limburg. Die 56-Jährige ist seit 1990 als Ansprechpartnerin vor Ort. Ihre Schwerpunkte: Beratung und Fortbildungen. Jessica Müller ist seit sieben Jahren dabei. Die 29-Jährige, die Soziale Arbeit und Jura studiert, kümmert sich um Beratung und Präventionsarbeit. (ohe)

Kontakt: Telefon (0 64 31) 9 23 43, E-Mail: kontakt(at)gegen-unseren-willen.dewww.gegen-unseren-willen.de


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