„Nur so bleibt Geschichte im Gedächtnis“

Vernissage  Ausstellung zeigt Verbrechen an behinderten Menschen während der Nazi-Zeit

Wer auffällig war oder störte, wurde von den Nazis verfolgt und vernichtet: Kranke und behinderte Menschen gehörten zu den Verfolgten des Nationalsozialismus. Sie erhalten ebenso ein Gesicht und einen Namen in der Weilburger Ausstellung, wie die Täter. (Foto: Gorenflo)
Junge Menschen wollen an Verbrechen erinnern: Frank Schneider (r.) lobt Markus Huth und das Jugendparlament als „tollen Kooperationspartner“. (Foto: Gorenflo)
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Es ist kein leichter Tobak, den das Kinder- und Jugendparlament Weilburg bei der Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ im Bergbau- und Stadtmuseum präsentiert.

Viele Interessierte sind am Freitag zur Vernissage gekommen, um die Wanderausstellung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zu sehen. Auf Stellwänden ist das Leid der Opfer beschrieben, aber auch die Täter bekommen Gesichter und Namen. Bis zu 400 000 Menschen wurden zwischen 1933 und 1945 zwangssterilisiert, mehr als 200 000 wurden ermordet. Bei der Selektion der Patienten wurde der vermeintliche „Wert“ des Menschen zum leitenden Gesichtspunkt.

Politik ist ohne Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht begreifbar

Ärzte, Pflegende und Funktionäre urteilten nach Maßgabe von „Heilbarkeit“, „Bildungsfähigkeit“ oder „Arbeitsfähigkeit“ über die ihnen Anvertrauten. Dabei fand die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung auffälliger, störender und kranker Menschen innerhalb des damaligen Anstalts- und Krankenhauswesens statt. „Sterilisation und die Euthanasie waren zwei Aspekte der schon Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden eugenischen internationalen und nationalen Bewegung, auch im Deutschen Reich“, sagte Margret Hamm vom Bund „Euthanasie“-Geschädigter und Zwangssterilisierter.

Mit wissenschaftlichen Mitteln habe der Genpool der Menschen verbessert werden sollen, um „Höherwertige“ von „Minderwertigen“ zu trennen und um eine leistungsfähige und gesunde Gesellschaft zu erreichen.

Nach dem Ersten Weltkrieg hätten ein Arzt und ein Jurist mit ihrer Schrift „Die Freigabe und Vernichtung lebensunwerten Lebens“ einen Dammbruch erzielt. Sie sprachen darin von „Defektmenschen“, „leeren Menschenhülsen“ und ähnlichen menschenverachtenden Begriffen. „Die im Gesetz festgelegten erbbiologischen Begründungen für eine Sterilisation gingen schnell in eine andere Richtung, so dass sehr bald auch sogenannte Asoziale, Kriminelle und alle von der Norm abweichende Menschen, Opfer der Zwangssterilisation und später der Euthanasie wurden“, sagte Hamm.

Am Tag des Gedenken an die Opfer des NS wurde 2014 die erste Ausstellung im Deutschen Bundestag unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck eröffnet. „Nach Stationen in Berlin waren wir inzwischen in den meisten Landtagen in Deutschland vertreten, aber auch in Kliniken, Rathäusern und Gedenkstätten“, sagte Professor Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Uniklinikum RWTH Aachen und früherer Präsident der DGPPN. Insgesamt waren es bisher 37 Stationen in verschiedenen Ländern; mehr als 340 000 Menschen hätten die Ausstellung bereits gesehen. Exemplarische Biografien ziehen sich durch die gesamte Ausstellung. „In den Akten der Opfer werden die vielen verschiedenen Akteure fassbar, die an den Verbrechen beteiligt waren; in ihren Blicken auf Patienten werden deren Äußerungen gegenüber gestellt“, erläuterte Schneider. Opfer und Angehörige sollen hier gewürdigt werden. „Unser Ziel ist nicht nur das Lernen aus den Fehlern der Vergangenheit, sondern auch die Reflexion und das Sensibilisieren für das eigene Handeln in Gegenwart und Zukunft“, meinte Schneider. Schön, dass die Jungen mal den Alten zeigen würden, was wichtig ist. Der Wert des Menschen sei nicht diskutabel, das ziehe sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Er nannte das Kinder- und Jugendparlament einen „tollen Kooperationspartner“.

Erster Kreisbeigeordneter Helmut Jung (SPD) dankte dem Kinder- und Jugendparlament im Namen des Landkreises und sagte, dass es gerade für junge Menschen wichtig sei, dass ein solches Engagement stattfindet. „Ich bin beeindruckt, dass sich Jugendliche mit diesem Thema auseinandersetzen“, sagte Bürgermeister Johannes Hanisch. Sein Dank galt auch den Sponsoren, ohne die eine solche Ausstellung mit umfangreichem Begleitprogramm nicht möglich wäre.

Heute würden immer mehr Menschen mit Fragen über ihre Verwandte kommen, um Einblick in Akten über verstorbene Zwangssterilisierte zu bekommen, sagte Roland Leikauf, Mitarbeiter der Gedenkstätte Hadamar. Die Ausstellung könne das leisten, was die Gedenkstätte nicht könne, weil sie mobil ist. „Es ist wichtig, den Opfern immer wieder neu zu begegnen und den Tätern ins Gesicht zu sehen, nur so bleibt Geschichte im Gedächtnis“, sagte Leikauf. „Mensch, achtet auf den Menschen“, sagte Pfarrerin Cornelia Stock in einer kleinen Andacht. Die Ausstellung würde der Frage nachgehen, was ist der Mensch.

„Ende 2016 reifte in mir der Gedanke, eine Ausstellung zum Krankenmord im Nationalsozialismus in Weilburg zu präsentieren“, sagte Markus Huth vom Kinder- und Jugendparlament. Seine Mitstreiter und er würden es wichtig finden, Menschen mit der grauenvollen Vergangenheit zu sensibilisieren, denn dieses Thema sei auch besonders für unsere Region wichtig. Als junge Parlamentarier seien sie davon überzeugt, dass man Politik ohne eine vernünftige Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht begreifen könne.


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