„Unsere Tür steht allen offen“

Serie  Anette Geis vom Frauenhaus Limburg spricht im Interview mit dem TAGEBLATT über ihre Arbeit

Gewalt gegen Frauen ist leider kein Thema von gestern: Im Frauenhaus Limburg gibt es mehr Bedarf als Plätze. (Archivfoto: dpa)
Praktikantin Lisa Wimmer (hinten) unterstützt das Frauenhaus-Team um Anette Geis noch bis September bei der Arbeit. (Foto: Diefenbach)
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Seit wann gibt es das Frauenhaus in Limburg? Seit wann sind Sie dort tätig?

Anette Geis: Seit 1986. 2016 haben wir 30-jähriges Bestehen gefeiert. Ich selbst bin seit 1994 dabei.

Wer ist der Träger des Frauenhauses und wie erfolgt die Finanzierung?

Geis: Träger ist der Verein „Frauen helfen Frauen“. Die Finanzierung erfolgt über das Land Hessen, den Kreis Limburg-Weilburg, die Städte und Gemeinden im Kreis sowie Spenden. Nach wie vor sind wir auf Spenden angewiesen, deshalb veranstalten wir auch seit 18 Jahren im September unseren Frauenlauf. Im Mai haben wir zum zweiten Mal unseren Flohmarkt „Fräulein Hempel macht klar Schiff“ angeboten und im November wird es wieder eine Handtaschenbörse geben. Wir haben ein Haus für 24 Personen, das unterhalten werden muss. Durch die hohe Fluktuation müssen oft Sachen erneuert werden, da geht mal ein Tisch oder ein Bett kaputt. Vor drei Jahren ist die Elektrik im Obergeschoss erneuert worden. Strom- und Gaspreise steigen auch. Seit 2015 erhalten wir vom Land Hessen einen erhöhten Zuschuss, den wir verwenden, um unsere Beratungsstelle zu finanzieren.

Wie viele Frauen arbeiten im Team?

Geis: Wir haben fünf Teilzeitstellen. Wir decken auch alles ab – pädagogische Arbeit, Hausverwaltung, Abrechnungen und so weiter.

Wie viele Frauen kommen pro Jahr? Ist die Tendenz steigend oder fallend?

Geis: 2017 waren es 52 Frauen mit 61 Kindern, die wir im Frauenhaus aufgenommen haben. Wir könnten viel mehr Frauen aufnehmen, wenn wir den Frauen schneller eigene Wohnungen vermitteln könnten. Es nimmt auch nicht ab, wir haben durch den Flüchtlingsstrom auch eher mehr Zulauf. Im Moment sind wir auch überbelegt. Derzeit haben wir eine deutsche Frau hier, die meisten kommen aus Iran, Irak und Syrien. Was auffällt: Vermehrt nehmen wir Frauen auf, die von Menschenhandel betroffen sind und zur Prostitution gezwungen werden. Herkunftsländer sind dann Eritrea, Kenia und Nigeria. Unsere Tür steht allen offen.

Wie sieht der Alltag der Frauen aus?

Geis: Ein großes Problem ist die Sprache. Wir brauchen Dolmetscher, zum Glück gibt es jetzt einen Pool von der Caritas. Diese Dolmetscher stehen aber auch nicht immer zur Verfügung, und es ist auch ein Kostenpunkt. Zum Teil müssen wir das selbst finanzieren. Wenn eine Frau mit ihren Kindern zu uns kommt, ist das wichtigste zunächst die Grundversorgung: Essen, Trinken, Kleidung. Vor kurzem hatte ich eine Hochschwangere, da mussten wir erst einmal Schwangerschaftskleidung besorgen. Dann organisieren wir Deutschkurse für die Frauen, machen Termine mit Ämtern, damit sie die ihnen zustehenden Leistungen beantragen können. Das wird dann schwierig, wenn zur Bewilligung bestimmte Formulare nötig sind, zum Beispiel Heirats- oder Geburtsurkunden, die der Mann nicht herausgibt. Auch Zuständigkeiten müssen geklärt werden. Viele Formulare sind schon für uns schwer verständlich. Wir unterstützen unsere Frauen da.

Wie geht es den Frauen nach ihrem Aufenthalt im Frauenhaus? Gibt es auch Frauen, die zu ihrem Partner zurückkehren?

Geis: Viele Frauen sprechen schon richtig gut deutsch und wissen genau, was sie wollen. Andere schwanken hin und her und gehen dann am Ende doch wieder zu ihrem Mann zurück. Das gehört dazu, das kennen wir seit vielen Jahren. Die Frauen sind in einer Kultur aufgewachsen und verwurzelt, in der Frau und Kinder eben zum Mann gehören. Das ist im übrigen auch oft die Entschuldigung für Gewalt gegen Frauen: „Der Mann ist eben in dieser Kultur groß geworden.“ Im übrigen werden auch für deutsche Männer oft Entschuldigungen gefunden, die gegen ihre Partnerinnen gewalttätig werden. „Der hatte ja auch Alkohol getrunken“, bekommen wir dann zum Beispiel zu hören. Solche Ausreden ärgern mich sehr. Und oft wird der Mann auch nicht zur Verantwortung gezogen.

Bekommen Sie noch Feedback von den Frauen, wenn sie nicht mehr im Frauenhaus wohnen?

Geis: Wenn die Frauen in der Nähe wohnen bleiben, besteht der Kontakt oft weiter.

Wie hat sich die Arbeit im Frauenhaus verändert, seit sie dabei sind?

Geis: Da ist an erster Stelle der gestiegene Bürokratie-Aufwand zu nennen. Und in zweiter Linie haben sich die Zuständigkeiten verändert. Früher hatten wir nur mit dem Sozial- und dem Jugendamt zu tun, heute gibt es viel mehr Anlaufstellen. Anträge hier ausfüllen, Anträge da ausfüllen, viele Dokumente, die erstellt werden müssen. Da bleibt ja kaum noch Zeit für die pädagogische Arbeit mit den Frauen und Kindern. Aber auch die Frauen haben sich verändert. Früher kamen Frauen, die männliche Gewalt erlebt haben, zu uns, blieben ein paar Wochen und gingen dann wieder. Heute spielen psychische Erkrankungen eine große Rolle, die Kinder sind schwieriger geworden, hinzu kommen die schon angesprochenen Sprachprobleme. Das nimmt schon einen ganz großen Teil der Arbeit in Anspruch.

Können Sie von einer schönen Erfahrung berichten?

Geis: Ja. Es gibt ein paar Frauen, die aus ganz schrecklichen Verhältnissen zu uns kamen, ihren Weg aber gemacht haben. Bei ihnen war auch nie klar, ob sie wirklich bleiben können. Eine von ihnen sehe ich noch oft. Sie hat in Rekordtempo Deutsch gelernt, sich eine eigene Wohnung gesucht, den Schulabschluss und den Führerschein gemacht und ist jetzt auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Die Kinder sind prima in Kita und Schule integriert. Wenn ich diese Frau sehe, dann geht mir das Herz auf. Dann weiß ich wieder, warum ich das mache.

Welche Rolle spielt psychische Gewalt?

Geis: Damit fängt es oft an. Es gibt Männer, die ihre Frauen kontrollieren, zum Beispiel auf das Handy der Frau schauen, fragen, warum sie so lange wegbleibt oder was sie so lange auf dem Spielplatz gemacht hat. Von manchen Frauen hören wir, dass ihr Mann sie eingesperrt hat. Laut Statistik braucht es sieben Jahre, bis eine Frau den ersten Schritt macht und sich an uns oder andere Beratungsstellen wendet. Viele brauchen auch mehrere Anläufe. Wichtig ist für uns dann auch, die Kinder im Blick zu behalten: Denn auch sie sind Opfer häuslicher Gewalt. Die Gewalt spielt sich ja in den meisten Fällen vor den Augen der Kinder ab. Und wenn sie es nicht sehen, hören oder spüren sie es.

Wie können Frauen sich an Sie wenden?

Geis: Sie können in unsere Beratungs- und Interventionsstelle in der Schaumburger Straße 3 in Limburg kommen oder uns anrufen. Über (0 64 31) 2 32 00 sind wir 24 Stunden erreichbar. Bei Polizeieinsätzen und wenn Kinder betroffen sind, wenden sich Polizei und Jugendamt an uns, so dass wir mit den Frauen Kontakt aufnehmen. In der Regel nehmen die Frauen aber selbst Kontakt auf.

Kommt es oft vor, dass Sie nachts aus dem Bett geklingelt werden?

Geis: Ja, das kommt schon vor. Wenn nachts das Telefon klingelt, müssen wir schnell handeln. Im vergangenen Jahr hatten wir mitten in der Nacht eine Bombendrohung gegen das Frauenhaus. Der Mann hatte seiner Frau schon mehrfach Fotos aufs Handy geschickt, auf denen er sich ein Messer an den Hals gehalten hat und ihr mit Selbstmord gedroht hat, falls sie nicht zu ihm zurück kommt. Dann rief er an und sagte, er habe eine Bombe im Frauenhaus deponiert. Es gab dann einen Polizeieinsatz, eine Bombe wurde aber nicht gefunden. Nach ein paar Monaten ist die Frau dann zu ihrem Mann zurückgekehrt.

 

Hilfe für Opfer

Verein „Frauen helfen Frauen“, Beratungs- und Interventionsstelle, Schaumburger Straße 3, 65549 Limburg, (0 64 31) 23 200, info(at)frauenhaus-limburg.de;

Polizei Limburg, (0 64 31) 9 14 00;

Polizei Weilburg, (0 64 71) 9 38 60;

Opferhilfe Limburg-Weilburg, Postfach 15 03, 65535 Limburg, (0 64 31) 4 50 45.

Seit 2002 ist die Opferhilfe Limburg-Weilburg Koordinierungsstelle für Beratungsangebote bei häuslicher Gewalt im Landkreis Limburg-Weilburg. Dem zugrunde liegt eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei und eine Arbeitsweise nach dem pro-aktiven Ansatz. Kommt es zu häuslicher Gewalt, bei der die Polizei involviert ist, hat die/der Geschädigte die Möglichkeit, nach Einwilligung direkt von der Opferhilfe oder von der Interventionsstelle des Frauenhauses Limburg kontaktiert zu werden. Auch die Interventionsstelle arbeitet nach dem pro-aktiven Ansatz. (sod)


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Kommentare (1)
Wo bleibt hier die Gleichberechtigung? Gewalt gegen Männer tritt deutlich häufiger auf als Gewalt gegen Frauen. Als Mann ist man deutlich gefährdeter. Trotzdem wird sich hier einseitig nur um ein Geschlecht gekümmert mehr
und das andere diskriminiert.
Schlimm, dass so etwas 2018 noch ungestraft möglich ist.

Peter Schneider
Weilburg

(Anm. d. Red.: Wir diskriminieren niemanden. Aber in einer Serie mit dem Titel "Frauen in Limburg-Weilburg" geht es nun mal um Frauen.)
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