„Wir wollen Bildung für alle Kinder!“

HELFT UNS HELFEN In Mengerskirchen werden Menschen zwischen null und 16 Jahren individuell gefördert / Forum hat großes Netzwerk

Der Fokus liegt auf allen Kindern: Das Bildungsforum in Mengerskirchen feiert Weltkindertag. (Archivbild: privat)
Einfach mal Danke sagen: Mengerskirchener Kinder gratulieren „ihrem“ Bildungsforum zum zehnjährigen Bestehen. (Archivbild: privat)
Toleranz will gelernt sein: Das Projekt zur interkulturellen Kompetenz im Bildungsforum Mengerskirchen lässt Kinder mit und ohne Migrationshintergrund über den Tellerrand blicken. (Fotos: privat)
Interkulturelle Kompetenz: Grundlage für friedliches Miteinander.
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Frau Schäfer, Bildung ist Ländersache und somit Aufgabe der Politik. Wozu braucht es da ein kommunales Netzwerk wie das Bildungsforum?

Nicole Schäfer: In erster Linie sind wir der Politik sehr dankbar, denn ohne sie könnten wir keines unserer Projekte umsetzen. Wir sind als gemeinnütziger Verein allerdings sehr nah an den Kindern und ihren Familien dran. Auf diese Weise haben wir uns als Bildungsforum in der Gemeinde in den letzten Jahren einen Namen als Berater gemacht. Mittlerweile wird in Mengerskirchen keine Entscheidung mehr in diesem Bereich getroffen, ohne uns vorher anzuhören. Grundsätzlich gibt die Politik immer den Rahmen der pädagogischen Möglichkeiten vor, aber wir können die individuellen Erfordernisse vor Ort auf den Punkt unterstützen.

Nun ist Chancengleichheit einer unserer demokratischen Grundsätze. Würden Sie sagen, die Politik kommt ihrer Aufgabe nach, Chancengleichheit zu gewährleisten?

Schäfer: Wenn man sich die Ergebnisse der PISA-Studie anschaut, muss man sagen, dass unser Bildungssystem nicht gut genug ist, um allen Kindern die gleichen Möglichkeiten zu geben. Wir erleben immer wieder, dass Schüler es trotz der vorhandenen persönlichen Ressourcen nicht schaffen, ihren Weg zu gehen. Dabei brechen Bildungsbiografien oftmals gerade bei den Übergängen zwischen den einzelnen Bildungseinrichtungen. Wir müssen einfach sehen, dass die ersten zehn Lebensjahre eines Kindes die wichtigsten sind. Gibt es da Versäumnisse, fehlen nachher in der Schule die Voraussetzungen. Daher brauchen wir in Deutschland viel mehr Investitionen in die frühkindliche Bildung und müssen dabei auch den Fokus auf Randgruppen, auf die Schwächeren legen, und nicht nur auf das Mittelmaß oder die Eliten. Es benötigt ein hochqualitatives Bildungssystem und damit meine ich nicht nur den finanziellen Aspekt. Vielmehr müssen sich die Pädagogen überlegen, was sie machen müssen, um für alle Kinder gut zu sein.

Würden Sie unser Bildungssystem vor diesem Hintergrund als „fair“ bezeichnen?

Schäfer: Es ist nicht fair genug. Die Schule hat heute nicht mehr nur den Bildungsauftrag zu erfüllen. Sie muss Kompetenzen vermitteln und damit Dinge anbieten, die sie früher nicht anbieten musste. Dabei geht es neben dem Lernen vor allem auch um die Vermittlung von Tugenden und Werten. Der frühen Kindheit wird hierbei nach wie vor nicht genug Bedeutung zugemessen. Versäumnisse in diesem Entwicklungsstadium des Kindes müssen wir dann zu einem späteren Zeitpunkt auffangen. Wir brauchen also ein Paket aus guten Kitas, Krippen und Schulen und eine frühe Begleitung der Familien, sofern sie diese benötigen. Wir müssen Eltern Sicherheit geben, in Erziehungs- und Bildungsfragen.

Sie sprechen von Bildungsversäumnissen. Welche Kinder sind davon besonders betroffen? Wo liegen die Risikogruppen?

Schäfer: In Deutschland sind Jungs die großen Bildungsverlierer, sie sind deutlich gefährdeter als Mädchen. Kommt dann noch ein Migrationshintergrund hinzu, steigt das Risiko nochmals. Zudem sind Kinder mit Beeinträchtigung oft von Bildungsversäumnissen betroffen. Eine große Rolle spielen aber auch das Elternhaus oder die Sprache. In vielen Fällen ist es eine Spirale in den Familien. Bei Kindern aus sogenannten bildungsfernen Familien ist die Wahrscheinlichkeit deutlich größer, dass sie in der Schule Probleme haben. In Deutschland ist der Bildungserfolg extrem stark an den sozioökonomischen Status der Familie gekoppelt, somit ist auch Armut ein Risikofaktor. Man sollte jedoch auch nicht vergessen, dass Trennung und Scheidung der Eltern viele Kinder sehr stark belasten.

Zurück zum Bildungsforum. Wo setzt ihre Arbeit konkret an? Wo liegen Schwerpunkte?

Schäfer: Wir setzen immer direkt an den Bedarfen der Kinder und ihrer Familien an. Wir geben die Unterstützung, die benötigt wird und begleiten die Eltern von Anfang an. Nach dem Willkommensbesuch bei jedem Kind in der Gemeinde wird überlegt, was die Familie braucht. Zum Beispiel einen Ehrenamtspaten, finanzielle Unterstützung durch den Härtefonds oder einen Elternkurs. Dabei legen wir den Fokus auf alle Kinder, nicht nur auf die, die mit Blick auf Bildungsversäumnisse als gefährdet gelten. Schwerpunkte sind vor allem die Partnerschaft mit Eltern und die Bildung von Anfang an, um frühe Versäumnisse zu vermeiden. Von zentraler Bedeutung ist weiterhin auch das Thema Inklusion, also die Bildung für alle. Es ist wichtig zu verstehen, dass Lehrer und Erzieher diese Aufgabe nicht alleine bewältigen können. Aus diesem Grund holen wir externe Kräfte wie beispielsweise Therapeuten mit ins Boot, die eng mit den Einrichtungen kooperieren. All diese Angebote sind niedrigschwellig und können von jedem genutzt werden.

Werden die von Ihnen angesprochenen Angebote des Bildungsforums ausschließlich durch Spendengelder finanziert?

Schäfer: Finanziert werden unsere Projekte über den Förderverein des Bildungsforums, der 2007 gegründet wurde. 2010 wurde das Bildungsforum für sein vorbildliches Engagement durch Bildungs- und Präventionsangebote mit dem Karl Kübel Preis ausgezeichnet. Das Preisgeld von 50 000 Euro war sozusagen der Grundstock der Arbeit des Fördervereins. Darüber hinaus bewerben wir uns um Fördergelder, Patenschaften und Spenden. Aber auch die Kommune, Kirche und heimische Wirtschaft unterstützen uns finanziell.

 

Wir haben die Themen Inklusion und Integration schon kurz angesprochen. Aber jetzt noch mal im Detail: Wie begegnen Sie vonseiten des Bildungsforums diesen Herausforderungen in Mengerskirchen?

Schäfer: Wenn wir sagen, wir wollen Bildung für alle Kinder, dann muss man das auch ernst meinen. Für die Bereiche Inklusion und Integration braucht es in diesem Fall gar keine speziellen Programme mehr. Aber wir müssen natürlich für die einzelnen Probleme immer individuelle Lösungen suchen. So besuchen beispielsweise alle Flüchtlingskinder sofort eine Bildungseinrichtung, werden sofort in die bestehenden Kindergruppen integriert, nehmen am Ganztagsangebot teil und erhalten Deutschkurse. Grundsätzlich gucken wir immer, welches Problem im Einzelfall vorliegt, und suchen dann gezielt nach Lösungen.

Sie unterstützen mit dem Bildungsforum Kinder von null bis 16 Jahren. Welche Bedeutung spielen dabei die Eltern?

Ohne die Eltern geht es nicht, denn sie kennen ihr Kind am besten und wissen genau, was es braucht. Abgesehen davon haben sie letztlich auch den größten Einfluss. Die Eltern und das jeweilige Familienbild wertzuschätzen ist daher das A und O. Wir gucken bei unserer Unterstützung grundsätzlich, welche Ressourcen die Familie hat und wie die vorhandenen Stärken zum Wohl des Kindes am besten gefördert werden können. Das Angebot soll dabei nicht als Erziehungsprogramm für die Eltern verstanden werden. Wir legen vielmehr wert auf den Begriff „Partnerschaft“. Es geht schließlich um eine Kooperation auf Augenhöhe.

Zum Abschluss: Welche Aufgaben sehen Sie im Bildungsforum in den nächsten Jahren auf sich zukommen?

Schäfer: Es geht vor allem um Nachhaltigkeit, darum, das, was wir bisher aufgebaut haben, am Laufen zu halten. Wir sind in unserem Netzwerk mittlerweile so gut aufgestellt, dass es oft reicht, dieses um ein weiteres Gebiet und einen entsprechenden Expertenkreis zu erweitern, um neue Herausforderungen stemmen zu können. Entscheidend ist, dass wir die momentane Qualität der Angebote hochhalten.

 

Bildungsforum Mengerskirchen

Das Bildungsforum Mengerskirchen wurde im Jahr 2003 gegründet und nimmt seitdem an der Erprobung des Hessischen Bildungs- und Erziehungsplans teil. Ziel des Forums ist es, durch ein gemeinschaftliches Zusammenwirken der gesellschaftlichen Kräfte ein starkes und verlässliches Netzwerk für Familien zu bilden.
Eltern und Kinder werden dabei mit ihren individuellen Bedürfnissen wahrgenommen und erhalten passgenaue Angebote. Das Forum bündelt Bildungs- und Präventivangebote für Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 16 Jahren und ihre Familien in der Gemeinde. Sämtliche an Bildung- und Erziehung beteiligten Institutionen und Einrichtungen stehen in ständigem Kontakt untereinander und zu der Elternschaft. Die Familien werden nicht nur im versorgenden Sinn begleitet und unterstützt, sondern „aktiviert“, um ihre Situation auch im Vertrauen auf die eigenen Kräfte zu verbessern.
Schwerpunkte der Förderung sind:
-Partnerschaft mit Eltern
-Bildung von Anfang an (Vermeidung früher Versäumnisse)
-Inklusion (alle Kinder der Großgemeinde besuchen die Bildungseinrichtungen der Großgemeinde)
-Gewährleistung einer hohen Qualität im Bildungsangebot, das für alle zugänglich und finanzierbar ist (sch)

Zur Person

Nicole Schäfer ist seit 17 Jahren Schulleiterin der Franz-Leuninger-Schule in Mengerskirchen und Sprecherin des Bildungsforums Mengerskirchen (siehe Kasten auf dieser Seite), das sie vor 14 Jahren mit ins Leben gerufen hat.
Die 47-Jährige Lehrerin wurde in Hadamar geboren, zurzeit wohnt sie in Waldernbach, einem Ortsteil von Mengerskirchen. Sie ist Mutter einer 25-jährigen Tochter. (sch)

Die Spendenkonten von "Helft uns Helfen":
Sparkasse Wetzlar: IBAN DE81 5155 0035 0000 0422 26
Volksbank Mittelhessen: IBAN DE29 5139 0000 0081 0931 05


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