Afrikanische Schweinepest: „Es wäre eine Katastrophe"

Seuchen  Ausbruch hätte auch im Kreis Limburg-Weilburg schwerwiegende Folgen

Noch scheint dieses Wildschwein im Weilburger Tiergarten zu lachen, doch wenn die Afrikanische Schweinepest den Kreis erreichen sollte, dann herrscht auch dort für die Tiere Lebensgefahr. Das Schwarzwild kann sich mit der hochansteckenden Tierseuche infizieren und das Virus weitertragen. Es gibt weder Gegenmittel, noch eine Impfung als Vorsorge. (Foto: Vetter)
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Seit Monaten rückt die Krankheit anscheinend unaufhaltsam in Richtung Westen weiter. Die jüngsten festgestellten Ansteckungsfälle liegen im Umfeld der polnischen Hauptstadt Warschau und in der mährischen Region Zlin in Tschechien. Damit ist ASP nur noch wenige Hundert Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.

Zahlreiche, über das Land verteilte Waldgebiete mit oft hoher Wildschweinpopulation und die große Anzahl an Schweinezucht- und -mastbetrieben machen die Bundesrepublik nach Ansicht von Experten zu einem Land, in dem sich die Afrikanische Schweinepest schnell verbreiten und auch große Schäden anrichten kann.

Aus diesem Grund beobachten verschiedene Bundesbehörden wie das Friedrich-Loeffler-Institut die Entwicklung genau und geben Hinweise, deren Befolgen die Ausbreitung des Virus verhindern oder verlangsamen soll. Weil sich die Tiere leicht über kontaminierte Essensreste anstecken können, lässt beispielsweise das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft an den östlichen Landesgrenzen mittlerweile Merkblätter dazu vor allem an die Fernfahrer verteilen.

Das Veterinäramt lässt Blutproben von geschossenen Wildschweinen untersuchen

Auch im Kreis Limburg-Weilburg hat sich bereits einiges getan. Hier ist die Veterinärbehörde des Kreises zuständig. Auf Anfrage des TAGEBLATTS heißt es aus der Kreisverwaltung: „Bereits seit Jahren laufen regelmäßige Monitoringuntersuchungen von Wildschweinen. Das heißt, dass von den erlegten oder getöteten Wildschweinen durch die Jäger Blutproben entnommen werden, die dann auf Schweinepest untersucht werden.“ Besuchern des Weilburger Tiergartens wurde das Füttern der Tiere dort von der Behörde untersagt.

Die zweite Säule der Arbeit des Kreisveterinäramts sei derzeit die Zusammenstellung von Informationen über die Seuche: „Wichtig ist darüber hinaus auch die Aufklärung der Bevölkerung, keine Lebensmittel tierischen Ursprungs (Wurstwaren, Fleisch) aus Osteuropa mitzubringen oder Lebensmittel wegzuwerfen, so dass Wildtiere diese erreichen können. Da das Virus auch in Wurst und Schinken über Monate haltbar und infektiös ist, wird allgemein eine Übertragung der Afrikanischen Schweinepest durch sorglosen Umgang mit Lebensmitteln nicht ausgeschlossen.“ Die Frage, ob es bereits Planungen für den Fall gibt, dass die Seuche im Kreis ausbricht, beantworten die Verantwortlichen so: „Es gibt nicht ,eine Art Notfallplan’, sondern es gibt ein bundesweit vorgeschriebenes Tierseuchen-Krisenhandbuch, das für die Veterinärverwaltungen im Seuchenfall bindend ist. Hier gibt es auch für uns, respektive für den Kreis keinen Handlungsspielraum, sondern die jeweiligen Maßnahmen müssen zeitnah und klar dokumentiert abgearbeitet werden.“ Doch was passiert genau, wenn beispielsweise bei einem getöteten oder verendeten Wildschwein auf dem Gebiet des Landkreises der ASP-Erreger festgestellt wird? Was muss in einem solchen Fall zuerst getan werden?

Auf diese Frage heißt es aus der Kreisverwaltung: „Ein virologisch positiv getestetes Wildschwein würde als Ausbruch gelten. Es wird in solch einem Fall um das Fundgebiet oder den Erlegeort ein ,Gefährdeter Bezirk’ ausgewiesen und öffentlich bekannt gemacht. Der gefährdete Bezirk hat einen Radius von mindestens 15 Kilometern um den Fundort. Daran schließt sich noch eine Pufferzone von weiteren zirka zehn Kilometern an. Diese großen Gebietseinfassungen berücksichtigen den großen Aktionsradius der Wildschweine.“ Gleichzeitig verweisen die zuständigen Stellen beim Kreis darauf, dass ihr Handeln bei einem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest vorgeschrieben und in Gesetzen oder Verordnungen geregelt sei: „Alle Maßnahmen, die von uns eingeleitet werden müssen, sind gesetzlich geregelt in der Schweinepest-Verordnung. Diese nationale Verordnung setzt wiederum nur eine EG-Richtlinie in nationales Recht um. Daher gibt es hier auch wieder keinen Handlungsspielraum.“

Die heimische Jägerschaft sei gut über das Thema informiert, sagt Axel Sobiraj als Pressesprecher der Jägervereinigung Oberlahn. Der promovierte Tiermediziner im Ruhestand lobt die Informationspolitik des Kreisveterinäramts und die gute Zusammenarbeit mit der Behörde. Zwar könnten sich weder Menschen noch Hunde oder Katzen mit dem Virus infizieren, doch es sei so ansteckend, dass bereits Spuren davon an Lebensmitteln oder Kleidung ausreichten. Sobiraj rät den Jägern deshalb zu erhöhter Sorgfalt und ergänzt: „Außerdem kann ich die Jäger nur dringend bitten, keine Jagdexkursionen in betroffene Länder wie zum Beispiel die Ukraine oder Litauen zu machen.“ Darüber hinaus hätten die Jäger eine besonders wichtige Rolle bei der Vorsorge, denn je mehr Wildschweine es pro Quadratkilometer Fläche gebe, desto schneller könne sich die Krankheit ausbreiten, falls sie in die Region komme.

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist für Axel Sobiraj hoch: „Natürlich will ich es nicht hoffen, aber ich befürchte, dass wir auch hier die Afrikanische Schweinepest bekommen werden.“

Genau das ist das Szenario, vor dem sich vor allem die Landwirte fürchten: „Es wäre eine Katastrophe für uns“, sagt Armin Müller. Auch für den Kreislandwirt und ehemaligen Vizepräsidenten des Hessischen Bauernverbands ist das Ausbrechen von ASP in der Region nicht unwahrscheinlich.

Wenn ein infiziertes Schwein festgestellt wird, dann müssen alle Tiere des Betriebs getötet werden

Werde das Virus bei einem Schwein festgestellt, müssten zumindest alle Tiere des Betriebs getötet, die Kadaver vernichtet und die Ställe desinfiziert werden. Wenn auch die Tierseuchenkasse in solch einem Fall zahlen würde, so blieben die Bauern trotzdem auf einem großen Teil der Schadenskosten sitzen.

Neben einigen Schweinemastbetrieben gebe es im Kreisgebiet auch 35 landwirtschaftliche Betriebe mit Schweinezucht als Schwerpunkt. Treffe es sie, dann sei gleichzeitig auch das Ergebnis jahrzehntelanger Zuchtbemühungen zerstört.

Außerdem gibt Müller zu bedenken, dass beim Ausbruch von ASP in Deutschland die Abnehmerländer deutscher Fleischwaren schnell Einfuhrverbote verhängen würden. Da aktuell 18 bis 20 Prozent des in Deutschland erzeugten Schweinefleischs in den Export gingen, führe dies zu einem massiven Verfall der ohnehin niedrigen Erzeugerpreise, befürchtet der Landwirt. Er sieht deshalb viele bäuerliche Existenzen im Kreisgebiet gefährdet, wenn die Seuche kommt.

Armin Müller kennt auch die jagdliche Seite der Problematik aus eigener Erfahrung. Der Essershäuser Bauer ist selbst Jäger und Vorsitzender des Verbands der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer in Hessen (VJEH). Auch sein Verband sieht angesichts der ungebremsten Weiterentwicklung der Seuche nach Westen die Reduzierung der hohen Schwarzwildbestände als eine wichtige Maßnahme an. Doch genau das sei eben nicht ganz leicht.

Bis vor wenigen Jahren seien in der Region noch drei Viertel der erlegten Wildschweine in Einzeljagd vom Ansitz aus zur Strecke gebracht worden, berichtet Müller und ergänzt, dass ein Jäger dafür im Schnitt 30 Stunden pro Wildschwein habe ansitzen müssen.

Mittlerweile würden die Jäger immer häufiger Drückjagden und so genannte Gemeinschaftsjagden veranstalten, die über mehrere Reviere hinweg stattfänden und den schlauen Schwarzkitteln weniger Möglichkeiten zur Flucht ließen. Dadurch entfalle im Kreisgebiet nun gut die Hälfte der Wildschwein-Abschüsse auf diese Jagden, schätzt Müller.

Ursachen für die hohen Wildschweinbestände gebe es einige, betont Müller und gibt zu bedenken, dass seit Jahren weniger als zehn Prozent der Ackerfläche mit Mais bepflanzt würden. Trotzdem hätte sich die Wildschweinpopulation nicht verringert, auch wenn gleichzeitig die Jagd auf die Schwarzkittel intensiviert worden sei.

Forstamt Weilburg hebt einige Einschränkungen für die Jagd auf Wildschweine auf

Gründe dafür liegen für ihn beispielsweise in immer milderen Wintern und in einer überreichen Eichel- und Bucheckernmast im vergangenen Jahr in den Wäldern.

Armin Müller bittet alle Bürger bei der Prävention mitzuwirken und keine Lebensmittelreste draußen einfach wegzuwerfen. Und den heimischen Landwirten, speziell den Schweinezüchtern und -mästern rät er: „Keine fremden Leute in die Ställe lassen. Die Ställe abriegeln und genau auf die Hygiene achten.“

Vorbeugung werde auch im Bereich des Forstamts Weilburg betrieben, sagt Behördenleiter Werner Wernecke. Neben dem Fütterungsverbot im Tiergarten habe das Forstamt soweit als möglich Regularien außer Kraft gesetzt, die den Abschuss von Wildschweinen einschränken. Eine generelle Aufhebung der am 1. Februar beginnenden hessischen Schonzeit für Schwarzwild könne aber nur in der Landeshauptstadt beschlossen werden. In Nordrhein-Westfalen wurde diese Schonzeit jetzt ausgesetzt.

AFRIKANISCHE SCHWEINEPEST

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist eine hochansteckende Virusinfektion. Von der anzeigepflichtigen Tierseuche betroffen sind vor allem Haus- und Wildschweine. Menschen, aber auch Hunde und Katzen können sich nicht anstecken.

In den Ursprungsländern in Afrika überträgt meist eine spezielle Zecke das Virus. In Mitteleuropa spielt das keine Rolle. Hier erfolgt die Übertragung durch Kontakt mit den infizierten Tieren oder Kadavern sowie durch Speiseabfälle und Schweinefleischprodukte. Der ASP-Erreger ist äußerst wider-standsfähig und langlebig. So kann das Virus auch nach mehreren Wochen noch indirekt über kontaminierte Kleidung, Jagdausrüstung, Fahrzeuge oder landwirtschaftliche Geräte übertragen werden.

Infiziert sich ein Schwein folgen nach einer etwa viertägigen Inkubationszeit hohes Fieber, Abgeschlagenheit, teilweise Blaufärbung der Haut, Husten und Blutungen aus Nase und After. In der Regel sterben die Tiere innerhalb einer Woche.

In seltenen Fällen gibt es einen schwächeren, lang anhaltenden Krankheitsverlauf den die betroffenen Schweine überleben. In diesem Fall können die kranken Tiere über Wochen hinweg andere Artgenossen infizieren. (ve/Quellen: Friedrich-Loeffler-Institut/Wikipedia)

 

AUSBREITUNG

2007 wurde die Afrikanische Schweinepest (ASP) aus Afrika nach  Georgien eingeschleppt und hat sich seither über den Kaukasus nach Russland, Weißrussland und die Ukraine ausgebreitet. Seit 2014  sind auch die baltischen EU-Mitglieder betroffen. Mittlerweile hat das Virus Rumänien, Polen und Tschechien erreicht. Die allermeisten Fälle werden bei Wildschweinen festgestellt, es gab jedoch auch Ausbrüche bei Hausschweinen.

Das Friedrich-Loeffler-Institut aktualisiert als Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit auf seiner Internetseite  regelmäßig Informationen zur  Verbreitung der Seuche. In Deutschland ist die Afrikanische Schweinepest bisher nicht aufgetreten.  (ve/Quelle: Friedrich-Loeffler-Institut)


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