"Plötzlich bebt die Erde"

REISEBERICHT Die Mitglieder von "Health for Uganda" berichten über ihre Hilfsaktion in Afrika

Zisternenbau in Uganda: Über die selbst erbaute Rutsche aus alten Dächern und Eukalyptusbaumstämmen wurde der frisch gemixte Beton in die Grube befördert, um dort über Schubkarren an das andere Ende gebracht zu werden. (Foto: Health for Uganda)

Neugierige Kinderaugen beobachten, was die Helfer aus Weilburg machen. (Foto: Health for Uganda)

Um die Schule mit Wasser zu versorgen, wird eine Zisterne angelegt. (Foto: Health for Uganda)

T-Shirts für alle: Die Mitglieder von "Health for Uganda" haben den Einheimischen, die an dem Zisternenprojekt mitarbeiten, T-Shirts mit Logo mitgebracht. (Foto: Health for Uganda)

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WEILBURG/BUGEMA Knapp zwei Wochen sind die Mitglieder des Hasselbacher Vereins "Health for Uganda" nun schon in dem ostafrikanischen Land unterwegs. Mit den in den vergangenen Monaten gesammelten Spenden wollen sie dort eine Wasserversorgung für die Schule bauen und das Krankenhaus in Bugema weiter ausstatten und die Mitarbeiter zu schulen. Was die Helfer vor Ort erleben, berichten in ihrem Tagebuch.

 

7. September: Auf nach Entebbe

Heute starteten wir (Laura Beutler und Carina Schnee) nun voller Vorfreude in den Tag sowie in der Erwartung, die Kisten mit den Materialien für das Krankenhaus am Flughafen in Empfang nehmen zu können, um ebenfalls endlich mit dem zweiten Projekt zu beginnen. Doch warum sollte es auch einfach laufen, wenn es doch auch umständlich geht! So wurden wir schnell ausgebremst, denn es hieß, es seien noch nicht alle notwendigen Dokumente vorhanden. So saßen wir vormittags wieder bei dem zuständigen Angestellten der Universität im Büro, um alle Unterlagen zusammen zu suchen und Unterschriften zu sammeln. Wir fuhren weiter zum Gesundheitsministerium. Aber auch da war für uns keiner zu sprechen. Letztendlich fuhren wir weiter nach Entebbe zum Flughafen.Dort angekommen, ging das Chaos weiter. Wir wurden von einem Büro der Frachtabteilung zum nächsten verwiesen, Sachbearbeiter rannten mit uns im Schlepptau quer durch das Gebäude, da unsere Ansprechperson nicht ausfindig zu machen war, es wurde diskutiert und geplant, etliche Telefonate auch nach Deutschland geführt, von dort aus ein Spendenaufruf gestartet, um vermutlich nun doch anfallende Zollkosten bezahlen zu können. Am Ende des Tages fuhren wir zum zweiten Mal ohne Gepäck zurück und hatten lediglich die Bürokratie in Uganda kennengelernt.

Doch hier folgt auch eine erfreuliche Nachricht von unserem anderen Team: Gemeinsam mit dem Ingenieur Elmer Santos organisierten wir (Eva Kaminsky und Oswin Jung) am Morgen Materialien für das Zisternenprojekt, um  betonieren zu können. Nach einer kurzen Mittagspause ging es für uns beide zur Grundschule KISA. Wir haben vor Ort die Neigung und Länge für die Rohrleitungen zum Sammeln des Regenwassers vermessen. Mit viel Freude durfte Eva ausprobieren, wie man mit ganzem Körpereinsatz Steine presst. Die ISSB-Steine werden für das Mauerwerk der Zisterne verwendet.

 

8. September: Der erste Regen

Mit einigen Plänen und Hoffnungen ging es wie jeden Morgen um halb 8 mit einem gemeinsamen Frühstück los. Leider stellte sich schnell heraus, dass es vermutlich über den Tag hinweg immer wieder regnen wird. Oswin uns Carina machten sich dennoch mit Regenjacke auf zu KISA. Dort angekommen, stellte sich heraus, dass bei den Bedingungen nicht viel auf der Baustelle passieren wird.

Während Oswin und Carina sich mit dem Regen rumschlugen, durften Laura und Eva sich in Kampala mit der „National Drug Authority“ „vergnügen“. Sie erhofften sich eine Einfuhrzulassung von der Behörde für das immer noch am Flughafen feststeckende Material zu bekommen. Vergebens.

 

9. September: Jetzt ist Schluss

Laura fuhr gemeinsam mit Jacob erneut nach Kampala, um das Bestätigungsschreiben der „National Drug Authority“ endlich zu erhalten. An diesem Tag war es schon gegen Mittag hoffnungslos, sodass sich die beiden völlig enttäuscht und mit den Worten „Jetzt ist Schluss“ auf den Rückweg machten. Gemeinsam mit der Universität und Mama Sigue beschlossen wir, dass wir als „Ausländer“ keinen Einfluss mehr auf die Bürokratie in diesem Land haben und nichts mehr unternehmen werden. Diese nervenaufreibende Problematik muss nun über eine höhere Instanz geregelt werden. Wir hoffen derzeit weiter, dass die Materialien noch rechtzeitig  für die Schulungen am Krankenhaus und der Universität Bugema ankommen.

Währenddessen machte sich Eva auf den Weg, ihre SIM- Karte zu aktivieren. Endlich, nach bereits vier Tagen in Uganda, hat es auch Eva geschafft ihr Handy telefonfähig zu machen. Danach ging es für sie auf die Baustelle, wo Oswin und Carina bereits das Rohrsystem zum Ausheben mit Kreidepulver eingezeichnet hatten. Wir trafen uns auf der Baustelle mit der Firma „Brick by Brick“, welche die Steine mittels ISSB-Technologie für die Zisterne gepresst hat. Nach den Erfahrungen der ersten Tage wurde uns allen schnell klar, dass wir die Zisterne nicht ohne einheimische Facharbeiter bauen können. Des Weiteren unterstützten wir zwei fleißige Arbeiter beim Ausheben des Fundamentes und zeigten einheimischen Handwerkern, wie das Regenrinnensystem und die Dächer aussehen sollen.

 

10. September: Unser erster Sabbath

Am Samstag war Feiertag auf unserer Baustelle, denn in Bugema ist dies der wöchentliche Ruhetag. Wir waren bei unseren Nachbarn zum Frühstück eingeladen, mit äthiopischen Köstlichkeiten, sehr lecker. Dann ging es weiter zur Kirche, denn es stand ein Gottesdienst auf dem Programm. In der Kirche des Universitätsgeländes, sowie außerhalb, saßen ca. 1500 Menschen und lauschten über insgesamt fünf Stunden mehreren unterschiedlichen Predigern. Unterbrochen wurde dies von vielen Liedern, Gebeten und einzelnen kleinen Predigergruppierungen, wobei die Themen von der Evolution bis zu Milchstraße reichten. Währenddessen wurden wir bzw. unser Verein vor der Gemeinde begrüßt und unser Vorhaben kurz erläutert, was uns alle sehr berührte. Wir sind immer wieder von der Herzlichkeit und Dankbarkeit dieser Menschen fasziniert.

Direkt im Anschluss folgten wir der nächsten Einladung, bei der Familie des Leiters der Universität, zum „Lunch“. Diesmal gab es typisches Essen aus Indien, Ghana und viel politischen Gesprächsstoff, während wir plötzlich alle wie erstarrt auf den Sofas saßen, denn die Erde begann zu beben. Wir rannten auf Anweisung hin nach draußen, alles bebte, selbst das Auto wackelte. Wir mussten uns am Geländer festhalten, bis endlich nach einiger Zeit das Erbeben wieder abklang.

Trotz des tiefen Schockes war uns dennoch nichts passiert. Im Nachhinein fanden wir heraus, dass das Erbeben von 5,7 auf der Richter-Skala als Epizentrum nahe am Viktoria-See zur Grenze zu Tansania lag.

Sofort mussten wir an die wohl Verletzten und auch an unsere Baugrube an der KISA Primary School denken. Noch wenige Tage zuvor hatten wir mit unserem Projektmanager beschlossen, ein Fundament und Trennwände einzubauen, damit die Zisterne erdebengesichert ist. Am Abend besuchten wir die Grube, uns fielen als Schäden mehrere Risse im Bodenprofiel auf und außer das wieder etwas Sand in die Grube gerutscht war, wurde uns schnell klar, wie wichtig doch die geplanten Trennwände unserer Zisterne sind.

 

11.  September: Endlich geht es richtig los

Am frühen Morgen unternahmen wir bei Sonnenaufgang einen Spaziergang in der Umgebung, um die aufgehende Sonne zu erleben. Endlich konnte es richtig losgehen, denn schon nach einer kurzen Absprache stand eine ganze Gruppe Arbeiter in den Startlöchern, um nach den Vorbereitungen der letzten Woche nun auch mit dem Bau der Zisterne zu beginnen. Für die Ausführung der anfallenden Arbeiten hatten wir uns zuvor für ein kleines Unternehmen aus der Umgebung entschieden. Damit konnten Angestellte aus den umliegenden Ortschaften gleichzeitig einen bezahlten Job haben. So rückte das kleine „Unternehmen“ mit zehn Arbeitern an, der Vertrag wurde noch ausgehandelt und schon ging es los. Als Erstes wurden die Fundamente vorbereitet, die Fundamentkörbe von den Arbeitern gebunden und in die Fundamentgräben gelegt. Währenddessen wurde auch die Mischmaschine der Universität angeliefert, die am nächsten Morgen zum Einsatz kommen sollte.

 

12. September: T-Shirts für alle

Nach dem Frühstück gingen wir wie gewohnt zur Baustelle. Dort waren die Arbeiter bereits mit dem Errichten einer Betonrutsche beschäftigt. Das Anwerfen der Mischmaschine gestaltete sich jedoch etwas schwierig. Nach einer halben Stunde war sie in Betrieb und die Fundamente konnten betoniert werden. 

Zum Abschluss am Abend erhielten alle Projekt-Involvierten ein T-Shirt, welches wir für unsere Projektreise beschafft hatten. Wir hatten super viel Spaß mit den Arbeitern beim Anprobieren der T-Shirts und durften in viele strahlende und stolze Gesichter schauen.

 

13. September: Sprachkurs für die Besucher

Auf der Baustelle ging es mit dem Betonieren der Bodenplatte weiter. Über die selbst erbaute Rutsche aus alten Dächern und Eukalyptusbaumstämmen wurde der frisch gemixte Beton in die Grube befördert, um dort über Schubkarren an das andere Ende gebracht zu werden. Immer wieder faszinierend sind für uns die selbst erbauten Hilfsmittel, wie die Holzstangen zum Verdichten und Abziehen oder ein Rechen aus Nägeln. Es wurden alle Tätigkeiten von aufregenden Kinderaugen genau beobachtet. Fast die Hälfte der Fläche war geschafft, als ein heftiger Regenschauer mit Gewitter einsetzte, sodass die Arbeiten für einige Zeit unterbrochen wurden, nachdem der frische Beton abgedeckt war.

Eva und Laura wurden von den Schülern, die bereits diese Woche eintrafen, in ihrer einheimischen Sprache unterrichtet, was zur allgemeinen Belustigung bezüglich der Aussprache führte.

 

14. September: Ein Tag in Kampala

Wir starteten Richtung Kampala, der Hauptstadt. Die Taxifahrt dorthin war allein wegen der Straßenverhältnisse schon sehr abenteuerlich, denn Verkehrsregeln, Geschwindigkeitsbeschränkungen oder Schilder gibt es hier nicht, stattdessen freilaufende Ziegen und Rinder auf den Straßen, willkürliche Hupkonzerte, enge Gassen, überall „Bodabodas“ (afrikanische Motorräder) und grundsätzlich wird alles und jeder überholt.

Am ersten Ziel, nach mehrmaligem Nachfragen und zusätzlichen Rundfahrten, erkundigten wir uns nach Preisen für eine Wasseraufbereitungsanlage. Wir wurden über die möglichen Filteranlagen zur Wasseraufbereitung der Zisterne sowie über die Pumpe mit Solarbetrieb aufgeklärt. Hier waren wir sehr zuversichtlich und froh, einen weiteren Punkt auf unserer To-Do-Liste abhaken zu können.

Von dort ging es zum fröhlichen Teil des Tages über, nämlich zum Craft-Shop, bestehend aus lauter kleinen Stände mit Souvenirs. Es wurden erfolgreich sämtliche handgemachte Artikel, wie Kalender, Bilder, Figuren und Weihnachtskarten eingekauft, um diese auf heimischen Märkten in Deutschland zum Erlangen von Spenden wieder verkaufen zu können. Nebenbei durften natürlich die persönlichen Mitbringsel als Erinnerungsstücke nicht fehlen.

Als letzter Punkt stand noch der Besuch des Gemüse- und Obstmarktes in der Stadtmitte aus. Dieser Markt war umgeben von dem reinsten Verkehrschaos, wobei wir nur aus dem Auto springen konnten, uns einen riskanten Weg durch das Verkehrsgetümmel suchen mussten, denn Parkplatzsuche war aussichtslos. Der eigentliche Markt war so überfüllt, dass es uns gar unmöglich erschien, diesen auch durchqueren zu können. So kauften wir einige frische Köstlichkeiten und traten lieber schnell den Rückweg an, denn wir fühlten uns in diesen Menschenmassen doch recht unwohl und Diebstähle sind auch keine Seltenheit.

 

15. September: Vorbereitungen fürs Wochenende

Wie gewöhnlich ging es nach dem Frühstück auch an diesem Morgen gemeinsam auf die Baustelle, zur Grundschule KISA, für unsere morgendliche Besichtigung. Heute war Ruhetag am Zisternenbau angesagt, denn am Vortag wurde die gesamte Bodenplatte der Zisterne fertig betoniert. Diese muss für 24 Stunden trocknen, wodurch die Arbeiter sich mit anderen Arbeiten, wie dem Einplanieren der Erdhügel um die Zisterne beschäftigten. Bevor der Zement fest werden konnte, richteten Oswin und ein Arbeiter die Vertiefung für das Wassersammeln an der Pumpe im Boden ein. Carina besuchte an diesem Morgen das Krankenhaus, um den donnerstäglichen Impfungen der 35 bis 40 Kleinkinder zuzuschauen.

Am Nachmittag stellte uns ein Klassenlehrer der Grundschule KISA seine Klasse vor und wir durften etwas Deutschunterricht geben. Es hat uns sehr gefreut, als alle Kinder gemeinsam riefen „Ich liebe Dich“.


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