Wenn Berichterstattung diskriminierend ist

MEDIEN Presseratsmitglied Klaus P. Andrießen erklärt, an welchen Regeln sich Journalisten orientieren

Spielt die Nationalität bei der Straftat eine Rolle? Journalisten müssen dies im Einzelfall prüfen. (Foto: Hoppe/dpa)

Von Klaus P. Andrießen

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Der Kultur- und Nachrichtenredakteur dieser Zeitung, Dr. Klaus Andrießen, ist einer der sieben Vertreter des Deutschen Journalistenverbands (DJV) im Presserat. Während vier Treffen pro Jahr entscheiden die 28 Mitglieder des aus Journalisten und Verlegervertretern bestehenden Gremiums über Beschwerden. Jeder hat das Recht, sich über Berichterstattungen in Zeitungen und Nachrichtenportalen zu beschweren, wenn diese vermutlich gegen die "Publizistischen Grundsätze" verstoßen, die besser als "Pressekodex" bekannt sind. Er enthält 16 Ziffern, in denen es etwa um die Trennung von Werbung und redaktionellen Beiträgen geht oder aber auch um den Schutz der Persönlichkeitsrechte. Der Presserat entscheidet dann, ob mit der Veröffentlichung gegen den Pressekodex verstoßen wurde. Sollte diese Zeitung von einer Beschwerde betroffen sein, dürfte Andrießen darüber wegen Befangenheit nicht mit abstimmen.

Kodex ist noch zeitgemäß

Große Aufmerksamkeit erhielt jüngst die Richtlinie 12.1 zur Ziffer 12, in der Diskiminierung verboten wird. Sie fordert, dass bei der Berichterstattung über Straftaten die Zugehörigkeit der (vermutlichen) Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann genannt werden soll, wenn sie in einem begründbaren Zusammenhang mit der Tat steht. Nach etlichen Vorwürfen, Medien würden bewusst die Nationalität von Straftätern verschweigen, gab es auch im Presserat eine Diskussion, ob die Regelung den modernen Bedürfnissen genüge.

Ergebnis der Tagung Mitte März: Ja, tut sie. Andrießen erklärt, dass Journalisten in jedem Einzelfall prüfen müssten, ob die Nationalität eines Täters genannt werden solle. "Seit den Vorkommnissen der Silvesternacht in Köln stellte sich die Frage, ob die Regelung noch zeitgemäß ist", sagt Andrießen. Er betont, dass der Pressekodex die Nennung der Nationalität nicht verhindere. "In vielen Fällen ist es sogar notwendig, sie zu nennen, da ansonsten der Vorfall nicht zu verstehen ist", sagt Andrießen. So mancher Journalist habe aus übertriebener Vorsicht generell auf eine Nennung verzichtet, um im Zweifel nicht gegen die Richtlinie zu verstoßen. Damit habe man es sich aber zu leicht gemacht. "Journalisten müssen jeden Einzelfall prüfen, jedes Mal neu entscheiden", erklärt Andrießen. Dabei dürfe weder der Eindruck entstehen, die Wahrheit werde unterdrückt, noch dürfe durch Berichterstattung suggeriert werden, dass alle Angehörigen einer ethnischen oder religiösen Gruppe "veranlagt" seien, vermehrt ähnliche Taten zu begehen. Stellt der Presserat Verstöße gegen den Kodex fest, kann er in schweren Fällen Rügen aussprechen, in weniger schweren Fällen Missbilligungen oder Hinweise (alle Entscheidungen seit 1984 sind übrigens online nachzulesen - allerdings ohne Nennung der betroffenen Medien und Beschwerdeführer: http://recherche.presserat.info). Nur die ausgesprochenen Rügen werden vom Presserat mit Nennung des betroffenen Mediums veröffentlicht. 2358 Leser baten im Jahr 2015 die Freiwillige Selbstkontrolle um Überprüfung von Artikeln, Interviews, Fotos. In den Beschwerdeausschüssen wurden 573 Beschwerden als begründet erachtet, davon waren 35 Verstöße so schwer, dass eine öffentliche Rüge ausgesprochen wurde. (br)

DER PRESSERAT
Der Pressekodex regelt in Richtlinge 12.1 die Berichterstattung über Straftaten: „[...] die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten (wird) nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“


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