Grenzgang in Hachborn

Grenzerfahrung im Ebsdorfer Grund
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Die Strecke verlief, wie in alten Grenzbeschreibungen und Kartenwerken niedergelegt, mit dem Lauf der Sonne zunächst zur Ebsdorfer Grenze in der Struth. Von hier aus wanderten die Stammtischbrüder über den Äppezähl zur Leidenhofener Grenze an den vermuteten wüst gewordenen Siedlungsplätzen Deutschherren-Sadelhof gegenüber der Eschewiese /Aschewiese, sowie Ibinrode/ibinrade und Rodebach vorbei, über die Klosterhude zum Hachborner Berg. 
Hier streifte man ein westlich frühzeitlich angelegtes Hangplateau. Weiter über den neu geschotterten Winner Weg gelangte man mit einem Abstecher zum ehemaligen Hachborner Basaltsteinbruch. 

Zurück auf dem Grenzweg führte der weitere Weg zum Dreiländereck Leidenhofen-Hachborn-Allendorf zu einem Grenzstein.

Weitere Steine, die 1535 auf Anordnung des Landgrafen Philipp gesetzt wurden, konnten jedoch nicht entdeckt werden. Der weitere Weg führte rechts an der Dombach / Dornbach/ Dernbach entlang in Höhe „Schwarzer Mann“. Ein weiterer vermuteter Grenzstein von 1535 konnte auch nicht aufgefunden werden, jedoch ersatzweise der Grenzstein Nr. 164 KP = Königreich Preußen / GH = Großherzogtum Darmstadt aus den Jahren nach 1866. Entlang der Grenze zu Ilschhausen führte der weitere Weg an der Waldwiese vorbei mit einem Abstecher über den Kalkstrauch zu einem Kalksteinbruch. Wegen Unpassierbarkeit der verwachsenen Wege quer durch den Wald ging es wieder über den Bergweg hinab an Lauern Wiese und Koarwersch Hüttchen vorbei zum Vesperplatz bei Leppches Fischteich in den Erlen, wo sich die Grenzgangskommission für den Weiterweg stärkte. Manfred Reuter hatte vorbildlich für Getränke und warme Würstchen gesorgt. Zurück ging es wieder westwärts am alten Hachborner Wasserbassain von 1925 entlang des Ilschhäuser Weges bis zur Grenze am Gebhardsflecken Richtung ehemaliger, wüst gewordener Siedlung „Michelbach“, den Halden des ehemaligen Braunkohlebergwerks, alter Tongrube, dem 1911 auf einer Landkarte vermerkten Beineloch und folgend dem Standort der alten, 1834 aufgelösten Zollstation sowie der alten Ziegelei vorbei wieder in Richtung Ortsmitte. Am ehemaligen Gasthaus Müller besann man sich auf die erste öffentliche –sehr hitzige - politsche Diskussion und Rede, die hier der spätere SPD-Bundespräsident Gustav Heinemann führte. Am 3. Dezember 1919 berichtete auch die Oberhessische Zeitung darüber. Heinemann besuchte als liberaler Marburger Jurastudent und Reporter der Hessischen Landeszeitung mit seinen Kommilitonen Wilhelm Röpke, Ernst Lemmer und Viktor Agartz hier eine Wahlkampfveranstaltung der DVP. Auch erinnerte man sich an eine Wahlkampftour 1969, die den seinerzeit regierenden Bürgermeister von Berlin und späteren Bundeskanzler Willy Brandt mit einer Station über Hachborn führte. Über die alte Hachborner Hauptstraße führte der Heimweg dann zur ersten, seit 1665 nachgewiesenen Hachborner Privat-Schule von Schulmeister Philipp Wagner, die in ihrer Architektur als Einhaus erhalten blieb und schon bereits 1938 Karl von Baumbach für einen Artikel in der Oberhessischen Zeitung fotografiert wurde.
Nach dem ersten Teil-Grenzgang zu Fuß führte das Grenzgangskomitee vergangenen Frohnleichnamstag eine weitere Grenzbegehung, jedoch mit einer Planwagenfahrt durch. Diese "Grenzerfahrung" führte zunächst zum Grenzstein an der Ilschhäuser Straße.  Über die Burgäcker gelangten die Grenzgänger zum 1375 erstmalig erwähnten Hof Fortbach, der seit 1867 zur Gemarkung Hachborn gehört. Viele Orte, die man passierte oder in Augenschein hatte, wurden angesprochen weil sie einen geschichtlichen Hintergrund aufwiesen. Erinnerungen wurden auch an die alte, nicht mehr vorhandene Galgeneiche unter dem Fortbacher Steinbruch geweckt. Neben vergangenen Geschichten die sich um das alte Hachborner Kloster-Vorwerk und Landgräfliche Hofgut Fortbach ranken, wurden auch Veränderungen der Gegenwart nicht außer acht gelassen. Entlang der Ilschhäuser Grenze kam man zur Kuhmarkt auf der einst ein Dorf existierte. Hier soll auch ein Hort für Räuber, Diebe und allerlei Gesindel gewesen sein.

Bekannte Taten sind ein 1534 bestialisch, wahrscheinlich durch Herrmann Schwan, verübter Mord an dem Frankfurter Kaufmann Ludwig Heidolff/Heydwolff und 1810 ein grausamer Überfall durch die sechsköpfige Räuberbande des Jonas Hoos an dem Ebsdorfer Israeliten Asser Stern sowie dessen Sohn. Vier verhaftete Bandenmitglieder wurden am 31. Januar 1812 in Marburg geköpft. Der damals schon untergegangene Ort lag direkt an der ehemaligen Fernstraße "Lange Hessen / Alte Heerstraße" über die schon römische Legionen gegen die Chatten sowie französische Truppen gezogen sind. An der westlichen Hassenhäuser und Erbenhäuser Grenze vorbei, führte der weitere Weg über Scheidgraben und Goldberg zur erstmals 1592 erwähnten Goldmühle. Die Mühle beherbergte einst eine Getreide- und Ölmühle. 1833 fand hier der Revolutionär Schrimpf nach dem Frankfurter Wachensturm beim Müller Kröcker Unterschlupf. In späterer Zeit beherbergte die Mühle u.a. die Kammgarnspinnerei Marx, den Autofriedhof Schlitt und heute die Papierverwerung Völker. Nachdem die Grenzbegeher den Rotemark hinter sich gelassen hatten führte der weitere Weg zu Fuß über einen frühzeitlichen Fernweg zum Heljewald. Ziel war der Rastplatz "Drei Gemeindeneck" am "Wolfshäuser Eck".

Anlässlich der feierlichen Grensteinsetzung 2012, an dem der Historische Stammtisch Hachborn mit einer Abordnung teilnahm, wurde der Platz durch den Bürgerverein Wolfhausen angelegt. Mit original „Hachborner Ajerpannkuche mit Moggespäack, Zwuwwin eän ruhre Worscht“ sowie Bratwürstchen stärkten sich die Wanderer zur Rückreise.

Über den Wolfshäuser Weg, am Entenpfuhl vorbei, fuhren die Grenzfahrer zu "Bürgermeister" Karl-Heinz Weinbach der zur Überraschung mit frisch gezapften Grenzgangsschoppen auf den Stammtisch wartete.

Der letzte Teil-Grenzgang findet in den kommenden Wochen statt. Weitere Grenzgänge mit öffentlicher Beteiligung sind schon in Planung. Mitläufer werden um Voranmeldung gebeten. Die Grenzbegehungen sollen auch als Grundlage für die Durchführung eines großen Grenzganges dienen. Hierzu, bringt der im Nordkreis und Hinterland bekannte Grenzgangs-Böllerschütze Gerhard Hilberger, seine Erfahrungen und Kenntnisse mit ein.


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