„Ich freue mich, Lebenshilfe zu leisten“

Leseranwalt  Jedes Jahr hat Hans-Joachim Wölk mit rund 700 Lesern zu tun / Hilfe am Telefon

Vielfältig sind die Themen, welche die Leser jede Woche dienstags bei unserem Leseranwalt Hans-Joachim Wölk zur Sprache bringen. (Foto: Bünger)
Während seiner Beratung konsultiert Rechtsanwalt Hans-Joachim Wölk immer wieder Gesetzestexte, um genau Auskunft geben zu können. (Foto: Bünger)
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Wenn er Woche für Woche dienstags zwischen 16 und 18 Uhr in der Lokalredaktion in Gladenbach ein Büro bezieht, dann melden sich auch immer wieder einige „Stammkunden“: Menschen, vor allem Ältere, die sich mit kleineren Problemen an ihn wenden – und nicht selten jemanden suchen, mit dem sie einfach nur sprechen können. Der 75-Jährige zählt auch diese Gespräche zu seiner Aufgabe: „Das muss auch möglich sein im Zuge meiner Arbeit für die Leser der Zeitung.“

Vor allem sind es aber juristische Fragen, bei denen die Anrufer Rat suchen. Und gar nicht so selten geht es um Konflikte zwischen Nachbarn, in fast jeder denkbaren Spielart. Mal sind es die Bäume, an denen sich Konflikte entzünden, ein andermal spielen Hecken eine Rolle. Und manchmal entstehen die Probleme im Umgang miteinander. „Ich bespreche dann die rechtliche Problematik mit den Leuten“, erklärt Hans-Joachim Wölk. Eine Möglichkeit, die Konflikte zu lösen, rückt gerade bei solchen Nachbarschaftsstreitigkeiten ins Blickfeld: das gemeinsame Gespräch bei einer Schiedsfrau oder einem Schiedsmann.

Der Gesetzgeber habe diesen Weg ausdrücklich vorgesehen, unterstreicht der Jurist. Der Rechtsweg über das Gericht stehe nämlich erst offen, wenn Schiedsleute den Streitenden eine Erfolglosigkeitsbescheinigung ausgestellt haben, die dokumentiert: Das Gespräch hat nichts gebracht. Hans-Joachim Wölk hält sehr viel von dieser Möglichkeit. „Häufig haben Schiedsleute einen so guten Ruf und eine so große Autorität im Ort, dass eine Einigung gelingt“, weiß er aus jahrzehntelanger Erfahrung. Rechtlich sei die Einigung bei Schiedsleuten, die auch schriftlich dokumentiert werde, wie ein Urteil zu sehen.

Abgesehen vom Nachbarschaftsstreit sind die Themen breit gestreut, mit denen Wölk jeden Dienstag zu tun hat. Viel erfährt er bei seiner Tätigkeit über Konflikte in Familien. Erst kürzlich rief ein junger Mann an, dessen Vater sein Haus dem Bruder des Anrufers überschrieben hat. Dabei hat der Vater sich aber den Nießbrauch gesichert, wohnt also bis heute in dem Haus. Nun war er in Urlaub gefahren, hatte seinen Schlüssel dem Anrufer übergeben und ihn gebeten, sich um die Wohnung zu kümmern.

Das Problem: Der Anrufer und sein Bruder sind sich nicht ganz grün. Der Knatsch zwischen den beiden reicht so tief, dass der Eigentümer des Hauses von seinem Hausrecht Gebrauch machte und seinem Bruder kurzerhand untersagte, die Wohnung des Vaters zu betreten. Hat er das Recht dazu? „Nein“, sagt der ehemalige Oberstaatsanwalt, „das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand – und das Gericht sagt es auch“. Der Bruder des Besitzers habe selbstverständlich das Recht, die Wohnung zu betreten.

Streitigkeiten entstehen aber nicht nur innerhalb von Familien. Die Anrufer wissen auch zahlreich von Behördenentscheidungen zu berichten, die ihnen missfallen, beispielsweise jener Anrufer aus dem Kreis Limburg-Weilburg, der in seinem Wohnort einen Faschingsumzug genehmigt haben wollte. Erst lag ihm eine Genehmigung vor, dann widerrief die Gemeinde ihre Entscheidung. Nur unter Auflagen sollte das karnevalistische Treiben noch erlaubt sein. Konkret: Die Teilnehmer durften weder Konfetti werfen noch durften sie Konfettikanonen abfeuern.

Ob er denn dagegen vorgehen könne, wollte der Anrufer seinerzeit wissen. „Gegen alle Bescheide kann man vorgehen“, machte ihm Hans-Joachim Wölk Mut, musste ihm einen Zahn allerdings ziehen. Sollte die Gemeinde nicht Recht erhalten, würde damit nicht sofort die ursprüngliche Genehmigung wieder in Kraft treten.

Nicht immer wenden sich die Leser dieser Zeitung telefonisch an den Leseranwalt. Auch unter der E-Mail-Adresse leseranwalt(at)mittelhessen.de ist er zu erreichen. Allerdings ist das dann nicht ganz so komfortabel wie am Telefon. „Am Telefon kann ich Dinge besser abklären, kann Nachfragen stellen“, erklärt Wölk, „das geht nicht, wenn eine Anfrage per E-Mail kommt“. Besonders schwierig werde es, fügt er hinzu, wenn er noch zwingend weitere Informationen benötigt, um sich ein Bild zu machen, der Fragesteller in seiner E-Mail aber keine Telefonnummer angegeben hat.

Darüber hinaus dauert es für E-Mail-Schreiber einige Tage länger, bis sie Antwort erhalten. Denn der Rechtsanwalt diktiert seine Antworten zusammen mit den Zusammenfassungen, die er zu jedem Anruf anfertigt. „Es kann also sein, dass E-Mails eine Woche, unter Umständen auch drei vier Tage länger unbeantwortet bleiben“, bittet er um Verständnis. Dass er unsinnige oder beleidigende E-Mails erhält, passiert übrigens sehr selten. Solche Zeitgenossen müssten auf eine Resonanz noch länger warten, erklärt er schmunzelnd, denen antworte er nämlich gar nicht.

Zu den häufigen Problemfällen gehören Konflikte mit Versicherungen. Hier ist Hans-Joachim Wölk dann mit seinem Latein schnell am Ende. Nicht etwa, weil er die Dinge juristisch nicht einzuschätzen weiß, sondern weil solche Fälle außerhalb dessen liegen, was er als Ombudsmann einer Zeitung am Telefon leisten kann und darf. „Wenn ich den Eindruck habe, dass sich die Geschichte für den Anrufer positiv darstellt, rate ich dazu, anwaltliche Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt der Rechtsanwalt.

Finanzamt verlangt von einer Erbin 12 000 Euro, weil es nicht zur Heirat kam

Das galt etwa für jene Anruferin als dem Lahn-Dill-Kreis, die an ihren Haus einen Hagelschaden erlitten hatte: Das Dach des Wintergartens war beschädigt. Die Versicherung sah sich zunächst auch in der Pflicht, nachdem die Anruferin einen Kostenvoranschlag eingereicht hatte. Dann aber forderte der Handwerker rund 3500 Euro mehr, als er im Kostenvoranschlag angegeben hatte. „Da kann ich nur sagen: Nehmen Sie anwaltliche Hilfe in Anspruch“, sagt Wölk.

Anders geht er vor, wenn ihm die Rechtslage bei Streitigkeiten mit Versicherungen unsicherer erscheint. Dann rät er den Lesern, sich an die Schlichtungsstelle der Versicherungen zu wenden. Die hört sich laut Wölk beide Seiten an – und zwar kostenlos – und unterbreitet dann einen Vorschlag, um die Dinge zu regeln. Der Vorschlag ist für die Versicherung verbindlich, nicht aber für die Kunden. „Das ist schon eine Hilfe für die Leute“, ist der Jurist überzeugt. Anschließend könne man sich bei Bedarf immer noch an ein Gericht wenden.

Darauf, dass er keine Rechtsberatung macht, legt Hans-Joachim Wölk übrigens größten Wert. Allein schon wegen der Haftung will er keine rechtsverbindlichen Auskünfte erteilen. Wenn er es für sinnvoll hält, rät er den Anrufern nach eigenen Worten immer, einen Anwalt zu konsultieren.

Eine Kollegin sah seine Tätigkeit für die Zeitung, die für die Leser kostenlos ist, zu Anfang dennoch kritisch. Sie wandte sich an die Anwaltskammer. Ihr Vorwurf: Wölk handele wettbewerbswidrig, weil er durch diese Arbeit Mandanten gewinne. Die Anwaltskammer machte sich die Kritik allerdings nicht zu eigen. Sie ließ sich von Wölk überzeugen, dass er keine verbindlichen Auskünfte erteile und eine spätere Vertretung in jedem Fall ablehne. „Das Gegenteil ist ja der Fall“, betont der Marburger Jurist, „ich empfehle in vielen Fällen, sich anwaltlicher Hilfe von anderer Seite zu bedienen“.

Mitunter findet der Rechtsanwalt auch ganz andere Wege, um zu helfen. Beispielsweise im Fall jener Frau, der ein Steuerbescheid über 12 000 Euro ins Haus flatterte – was sehr viel Geld war für eine Seniorin, die gerade einmal 700 bis 800 Euro erhielt. Was war passiert? Sie hatte lange Jahre mit einem Mann zusammengelebt und ihn gepflegt. Allerdings war es nie zu einer Heirat gekommen. Nach seinem Tod hatte der Mann dieser Frau sein Haus testamentarisch übertragen. Da sie weder verwandt noch verheiratet waren, wollte sich das Finanzamt eine gehörige Portion Erbschaftssteuer sichern. Was nach dem Buchstaben des Gesetzes auch richtig war, weil der Freibetrag in solchen Fällen nicht sehr hoch ist. Hans-Joachim Wölk riet, sich an den Petitionsausschuss des hessischen Landtages zu wenden und um den Erlass der Forderung zu bitten. Und tatsächlich: Diese Bitte wurde erfüllt. „Das war eine Geschichte, die mich sehr gefreut hat“, berichtet der Rechtsanwalt.

Ebenso selten wie mit beleidigenden E-Mails hatte er in den vergangenen zehn Jahren mit Querulanten zu tun: Menschen, die querulatorisch veranlagt sind und den Streit um des puren Streites willen suchen. „Die Anrufe sind in aller Regel inhaltlich nachvollziehbar“, erzählt Wölk. Manchmal gehe es gar nicht um juristische Hilfe – auch den ein oder anderen „Lebensratschlag“ habe er dann schon geben können.

Bis heute hat der 75-Jährige nach eigenen Worten „sehr viel Spaß“ an seiner Arbeit für die Zeitung. Er komme auf diese Weise häufig mit Problemen in Kontakt, mit denen er sich zwar im Studium und in seiner Referendariatszeit beschäftigt habe, mit denen er als aktiver Jurist dann aber nichts mehr zu tun hatte. „Es macht Spaß, sich wieder in eine Materie einzuarbeiten, die man bisher nur am Rande gelebt hat“, sagt Wölk. Besonders freue ihn natürlich, wenn diese „tolle Angebot der Zeitung“ nicht als selbstverständlich hingenommen werde.

Was er sich wünscht, ist, dass bei den Anrufern häufiger die Arbeit der Zeitung zum Thema wird. Denn das sei ja ein Ziel gewesen: dass der Ombudsmann ein Erklärer und Vermittler auftritt, wenn Leser mit der Arbeit der Zeitung unzufrieden sind. Anfangs hätten Leser sich auch häufiger über die Rechtschreibfehler in der Zeitung oder verspätete Zulieferung beschwert. In den letzten zwei, drei Jahren gab es das laut Wölk aber nicht mehr. Schade, wie er findet, sehe er das doch auch als eine seiner Aufgaben.

Und noch einen Wunsch hat er für die kommenden Jahre: Dass die Anrufer in rund 80 Prozent der Fälle sind es übrigens Frauen nicht nur Rechtsrat suchen, sondern auch Themen und Fälle ansprechen, bei denen die Zeitung ihnen mit ihrer Möglichkeit, nachzufragen und Bericht zu erstatten, helfen kann. Er erinnert sich noch gut an den Bescheid eines Sozialamts, der vom Antragsteller forderte, seine Sterbegeldversicherung in Anspruch zu nehmen, statt öffentliche Mittel zu verlangen. Das sei der Rechtslage stracks zuwidergelaufen, ärgert sich Wölk noch heute. Denn die Gerichte hätten klar gesagt, dass solche Mittel nicht dem Lebensunterhalt dienen. „Da freue ich mich immer, wenn ich Menschen über die Zeitung helfen kann und Menschen in ähnlicher Situation ein Stück Lebenshilfe bekommen.“


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