„Ich wusste: Darüber will ich schreiben“

INTERVIEW  Stephan Thome über sein neues Buch, das auf der Shortlist des Buchpreises steht

Stephan Thome
Stephan Thome, Gott der Barbaren (Suhrkamp, September 2018). Foto: Arno Burgi
Stephan Thome erzählt mit seinem vierten Roman „Gott der Barbaren“ vom Taiping-Aufstand in China. (Foto: Suhrkamp Verlag)
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Veröffentlichte Interviews zu Thomes viertem Buch gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Außer einem: In diesem beantwortet er drei Fragen zu dem 700-Seiten-Werk – auf Chinesisch. Mit uns hat der 46-Jährige, der in Taipeh lebt, in seiner Muttersprache gesprochen. Ein Gespräch über Heimat, Fremde und den „Gott der Barbaren“.

Ihr erstes Gespräch über „Gott der Barbaren“ haben Sie auf Chinesisch geführt. Wie kam es dazu?

Stephan Thome: Bücher müssen heute auf allen möglichen Kanälen bekannt gemacht werden; im Internet und in den sozialen Medien. Es gibt Buchtrailer und ähnliches. All das muss Monate im voraus produziert werden. Und das scheitert bei mir oft daran, dass ich nicht da bin, sondern noch in Taiwan. Deswegen habe ich aus der Not eine Tugend gemacht und ein Interview auf Chinesisch vorgeschlagen. Um zu zeigen, dass sich da jemand lange Zeit mit der Kultur und dem Land auseinandergesetzt und nicht nur gedacht, hat, man könne ja mal ein Buch über China schreiben. Es ist ein wenig eine Legitimation oder ein Nachweis, meiner Befähigung, mich zu China zu äußern. Jedes Buch ist ein Kampf um Aufmerksamkeit, gerade jetzt, wo es auf den Buchpreis und die Frankfurter Buchmesse zugeht und viele Neuheiten bekannter Autoren erscheinen. Man muss versuchen, die Menschen dafür zu interessieren. Und so ein Video ist dafür ein probates Mittel. Die Tatsache, dass sich in diesem Video ein deutscher Autor auf chinesisch über ein Buch äußert, das mit China zu tun hat, trägt hoffentlich mit dazu bei.

„Gott der Barbaren“ hat über 700 Seiten, ihr umfangreichstes Werk. Wie lange haben Sie daran geschrieben?

Thome: Dreieinhalb Jahre. Ich musste sehr, sehr viel recherchieren für dieses Buch. Vier Mal bin ich nach China gefahren, habe viele verschiedenen Quellen über die Zeit gelesen. Ich habe nicht zwei Jahre lang recherchiert und dann geschrieben, sondern parallel gearbeitet.

Und wie entstehen die Personen?

Thome: Ich versuche immer so früh wie möglich anzufangen, zu schreiben – auch wenn ich weiß, dass die frühen Entwürfe oftmals keinen Bestand haben und irgendwann in die Tonne kommen. Ich brauche sie aber trotzdem, um die Personen kennenzulernen. Ich brauche bei jedem Buch lange, um an die Figuren heranzukommen.

Und die verändern sich während des Schreibens?

Thome: Natürlich. Das ist ein Kennenlernen der Figuren, auch wenn das komisch klingt, weil es sind ja nun mal meine Kreationen. Ich habe mir sie ausgedacht. Trotzdem haben sie in gewisser Weise ein Eigenleben, und ich muss sie kennenlernen. Und das kann ich nur tun, indem ich von ihnen erzähle. Manchmal ändert sich dabei sogar der Charakter der Geschichte. Der deutsche Missionar, der nach China gelangt, ist mir anfangs beispielsweise zu fromm geraten. Als Identifikationsfigur für den Leser war das hinderlich. Meine Schwester, die alles, was ich schreibe, zuerst liest, hat mir gesagt, sie würde den Kerl nicht aushalten. Danach habe ich die Figur schrittweise verändert.

China, Mitte des 19. Jahrhunderts – das ist jetzt schon ein etwas anderes Setting als in Ihren anderen Büchern. Wann ist der Entschluss gefallen, über eine andere Zeitepoche zu schreiben?

Thome: Am Anfang stand nicht der Wunsch, von einer anderen Epoche zu erzählen, sondern der Wunsch, von China zu erzählen. Mit 23 bin ich das erste Mal dorthin gegangen. Das heißt, ich beschäftigte mich mein halbes Leben mit dem Land. Lange Zeit hatte ich das Stichwort „Der große China-Roman im Kopf“. Ich habe aber erstmal nicht daran gedacht, einen historischen Roman zu schreiben. 2012 fiel mir ein Buch in die Hände, das sich mit der Taiping-Rebellion beschäftigt. Ich habe mich sofort für den Stoff begeistert.

Was hat Sie überzeugt?

Thome: Es ist ein total heutiger Stoff: religiöse und kulturell motivierte Konflikte, religiös motivierte Gewalt, Terror unter anderen Vorzeichen: Es sind Christen, die sich da wie ein Vorläufer des IS gebärden. Ich hatte das Gefühl: Darüber kann man einen Roman schreiben, der in der Vergangenheit spielt, und auf die Gegenwart zielt. Das hat mich gereizt. Auch viele Dinge, die mich früher akademisch beschäftigt haben, konnte ich hier einfließen lassen. Seit 2012 wusste ich: Darüber will ich schreiben.

„Gott der Barbaren“ steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Schreibt man mit Hinblick auf sowas?

Thome: Also beim Schreiben habe ich das überhaupt nicht im Kopf. Es gibt nicht das Buch, das sicher auf die Liste kommt. Man muss einfach ein gutes Buch schreiben und dann auch ein wenig Glück haben. Wenn das Buch aber im Herbst rauskommt, denkt man schon daran.

Der Buchpreis ist ein Garant für viel Aufmerksamkeit. Die Shortlist kann für ein Buch was tun. Das habe ich bei meinen ersten beiden Büchern gemerkt – ich hab sehr davon profitiert. Umgekehrt, wenn man nicht dabei ist, kann das dazu führen, dass die Scheinwerfer der öffentlichen Aufmerksamkeit ein bisschen an einem vorbeistrahlen.

Was erwarten Sie, wie Ihre deutschen Leser auf das Werk reagieren?

Thome: Das weiß ich überhaupt nicht. Mit meinen anderen Büchern habe ich mir einen gewissen Namen gemacht, die haben alle meine Handschrift. Ich erzähle zwar weiterhin sehr personenzentriert, aber das zeitliche Umfeld und das Thema sind diesmal komplett anderes. Es kann durchaus sein, dass es vielen Leuten, die meine früheren Bücher mochten, nicht gefällt oder das es sie gar nicht erst interessiert – obwohl ich selbst keinen Grund sehe, das Buch nicht zu mögen, wenn man die Art, wie ich erzähle, grundsätzlich schätzt. Ich rechne aber auch damit, dass ich neue Leser, die sich für China interessieren, dazu gewinne.

Sie haben eben schon gesagt, dass „Gott der Barbaren“ auch brandaktuelle Themen anspricht. Ist es als Kommentar zu aktuellen Geschehnissen zu sehen?

Thome: Das Buch gibt einen Resonanzraum vor, um beispielsweise die enge Verbindung zwischen Terrorismus und Islam zu lösen. Das Buch zielt auf die Gegenwart, nicht als Kommentar, sondern als Angebot, einen Perspektivenwechsel zu wagen.

Wird „Gott der Barbaren“ auch auf Chinesisch erscheinen?

Thome: Auf Chinesisch in Taiwan ganz bestimmt. Dort sind bisher alle meine Bücher erschienen. China selbst bleibt spannend. Es gibt zwar großes Interesse von Verlagen, doch es ist politisch nicht ganz so leicht. Die Taiping-Rebellion hat im offiziellen Geschichtsbild der Kommunistischen Partei in China einen festen Platz. Ich stelle den Konflikt aber aus der Sicht der Partei auf eine unorthodoxe Weise dar. Ich bin also gespannt, ob es dort erscheinen kann.

Sie haben Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie in Berlin studiert, waren zu Studienzwecken viel auf Reisen in China, Taiwan und Japan, haben in Taipeh gelebt. Ihre Dissertation beschäftigt sich mit interkultureller Hermeneutik und der Herausforderung des Fremden. Was reizt Sie an der Fremde?

Thome: Ich wollte etwas über nicht-europäische Philosophie lernen. Es war mir zu diesem Zeitpunkt egal, ob es mich nach Indien, Japan oder China ziehen würde. Wegen eines Stipendiums bin ich mit 23 Jahren nach China gegangen. Die Beschäftigung mit der Fremde wurde für mich dann zu einem persönlichen Interesse. Am Anfang war für mich in China alles fremd, nach zehn Jahren war das nicht mehr so. Fremdheit lässt sich also überwinden, je mehr man über ein Land, die Geschichte und die Gesellschaft weiß. Und über das Fremde kann man einen kritischen Blick auf sich Selbst und seine Prägung werfen. Und das ist ja etwas, das man vielen Leuten heute wünschen würde – anstatt, dass sie nur sagen: Die Fremden gehören hier nicht hin.

Was meinen Sie: Woher kommt diese Angst vor dem Fremden?

Thome: Das hat viele Ursachen. Grundsätzlich hat jeder eine Bevorzugung des Bekannten. Das verleiht Sicherheit. Das Fremde ist erstmal verunsichernd und unbekannt. Aber sobald man anfängt, sich mit fremden Menschen auseinanderzusetzen und mit ihnen zu reden, stellt man fest, dass sie in erster Linie auch Menschen sind. Viele Leute sind dazu leider nicht bereit. Es kostet Anstrengung.

Kommen wir aus der Fremde zurück in die Heimat. Was verbinden Sie damit?

Thome: Biedenkopf. Mein ganzes früheres Leben, bis ich zum Studium nach Berlin gegangen bin, habe ich hier verbracht. Deswegen habe ich eine klar umrissene Heimat und auch ein positives Verhältnis dazu. Irgendwann hatte ich aber das Gefühl: Man muss auch mal da raus und sich mehr anschauen. Die Welt ist größer und umfasst nicht nur meine Heimat, sondern auch die Heimat anderer Menschen. Und jetzt habe ich in Taipeh sozusagen meine zweite Heimat gefunden. Man kann mehr als nur eine Heimat haben. Die Wurzeln bleiben aber. Das ist wichtig: Heimatverbundenheit und Weltoffenheit schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Wenn man sich aus der Heimat wegbewegt, lernt man neu schätzen, was man an dieser Heimat hat, lernt aber schätzen, was man zuhause nicht hat.

Und was verbinden Sie mit dem Grenzgang?

Thome: Ich hab ein Buch darüber geschrieben. Das Fest war darin ein Schlüssel, diese Heimat mit ihren Facetten literarisch zu gestalten. Ein besonders begeisterter Grenzgänger war ich nie, sondern bin eben mitgelaufen. Es ist ein schönes Fest, und wenn ich es einrichten kann, nehme ich dran teil, aber ich beginne jetzt noch nicht, dem Grenzgang im nächsten Jahr entgegenzufiebern.

Werden Sie denn nächstes Jahr hier sein?

Thome: Ich würde gerne, aber ob es genau passt, weiß ich noch nicht. Ich nehme es mir vor.


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