Die Grafen von Battenberg

Dynastie, Territorium und Herrschaft im 13. Jahrhundert1

Die Grafen von Battenberg gehörten im 13. Jahrhundert neben den von Waldeck und von Ziegenhain sowie den Herren von Merenberg zu den Geschlechtern, die Oberhessen in viele kleine Territorien zersplitterten2. Ihre Entstehung ist im Kontext der Reichsgeschichte zu sehen: Nachdem sich die von den Franken etablierte Einteilung des deutschen Raumes in ‚Gaue‘ nicht bewährt hatte, schufen die Ottonen im 10. Jahrhundert ein System von deutlich kleineren Amtsgrafschaften (‚comitati‘). In Oberhessen entstand die "Grafschaft der oberen Eder und Lahn", die sich 979 und 1107 unter der Verwaltung der Grafen Tiemo bzw. Diemo befand. Vielleicht führte jene Ballung der Macht in der Hand eines einzigen Geschlechts dazu, dass in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts auch diese Grafschaft wiederum in kleinere politische Einheiten zerschlagen wurde: die Territorialgrafschaften (‚comitiae‘)3.

Eine davon war die Grafschaft Wittgenstein. Ältestes bekanntes Mitglied der sie regierenden Familie ist Werner I., der 1174 erstmals bezeugt ist und 1180 als Gefolgsmann des Stauferkaisers Friedrich "Barbarossa" auftritt. Entscheidender für die Entwicklung seiner Dynastie war jedoch seine schon 1174 erkennbare Nähe zu den Landgrafen von Thüringen bzw. Hessen. Offenbar stand er zur gleichen Zeit aber auch bereits in Verbindung mit den Erzbischöfen von Mainz, denen er 1189 seine Burg Wittgenstein über dem Ort Laasphe zu Lehen auftrug. Vielleicht dafür bekam er ein Jahr später vom Mainzer Erzbischof die Vogtei über das Kanonissenstift Wetter übertragen, die bis dahin die Thüringer Landgrafen innehatten. Wenn Werner I. die Vogtei letzteren gegenüber auch nicht lange behaupten konnte, so zeigt der kurzzeitige Einflussgewinn des Jahres 1190 doch immerhin die Möglichkeiten, die ihm ein Schaukeln zwischen Mainz und Thüringen-Hessen bot4.

Bald danach dürfte Werner I. gestorben sein. Da er sich noch bei seinem letzten Auftreten 1198 "von Wittgenstein" nennt, dürfte er nur diese eine Grafschaft besessen haben. Erst seine Söhne Werner II., Widukind I. und Hermann I. erscheinen 1215 als "Grafen von Battenberg". Wann und wie sie in den Besitz dieser zweiten Grafschaft gekommen sind, ist nicht bekannt. Die Nähe zu den Erzbischöfen und Landgrafen könnte ebenso eine Rolle gespielt haben wie die Kontakte ihres Vaters zu den Stauferkaisern5.

Über den Umfang der Grafschaft Battenberg berichtet eine Urkunde aus dem Jahr 1238

Ulrich Lennarz nimmt hingegen verwandtschaftliche Beziehungen der Wittgensteiner zu den Grafen von Ziegenhain an, die sich allerdings ebenso schwer belegen lassen wie die von Wigand Gerstenberg übernommene Behauptung, ein Boppo von Ziegenhain-Reichenbach sei um 1150 Graf in Battenberg gewesen6. Wahrscheinlicher dürfte die Annahme einer Verbindung mit den Grafen Tiemo sein, aus deren Herrschaftsgebiet die Grafschaften Battenberg ja hervorgingen7.

Über den Umfang der Grafschaft Battenberg, die nach ihrer alten Richtstätte auf dem nördlich von Wallau/Lahn gelegenen Berg Stift eigentlich Grafschaft "Stiffe" hieß, berichtet eine für ihre Geschichte schicksalhafte Urkunde aus dem Jahr 1238. Danach umfasste sie die Gerichte Battenfeld, Röddenau, Bentreff, Laisa, Geismar, Bromskirchen, Lixfeld, Dautphe, Wetter und Asphe, und reichte damit vom Oberen Edertal bis zum Burgwald und den Breidenbacher Grund (vgl. die Karte). Ob auch das Gericht Münchhausen dazugehörte, ist hingegen fraglich. Nach einer Urkunde von 1213 scheinen die drei Grafenbrüder nach dem Tod ihres Vaters versucht zu haben, sich dieses Gerichtes zu bemächtigen, mussten es aber im selben Jahr seinem eigentlichen Besitzer, dem Mainzer Erzbischof, überlassen8.

Während Werner I. sich noch um eine Stellung zwischen den Erzbischöfen und den Landgrafen bemüht hatte, bezogen seine Söhne also erstmals Stellung gegen eine der beiden Seiten. Hierzu passt, dass Widukind I. und Hermann I. im Jahr 1227 Burgmannen der Landgrafen in Marburg wurden und ihnen dafür ihre Burg Kellerberg zu Lehen auftrugen, die sie nach dem Erwerb Battenbergs über dem Ort errichtet hatten. Von intensiven Kontakten zum Landgrafenhof dürfte aber vor allem bei Werner II. auszugehen sein, der vermutlich zu den engsten Vertrauten der später heiliggesprochenen Landgrafenwitwe Elisabeth gehörte, als diese 1228 nach Marburg kam. Vielleicht war er es, der sie kurz vor ihrem Tod 1231 dazu bewegen konnte, ihr dort gestiftetes Hospital dem von seinem Vater gegründeten Johanniterhaus in Wiesenfeld zu vermachen, womit diesem und dadurch auch den Battenberger Grafen ein beachtlicher Einflussgewinn in Oberhessen beschert gewesen wäre. Der Einsatz, den Werner II. dafür zu bringen hatte, war der Verzicht auf seine weltliche Macht und der Eintritt in eben jenes Johanniterhaus. Wenn dieser Schritt auch erst für 1231 belegt ist, so dürfte er doch noch zu Lebzeiten Elisabeths erfolgt sein, denn sonst wäre Werner II. 1227 wie seine Brüder landgräflicher Burgmann in Marburg geworden und auch an der Lehnsauftragung der Burg Kellerberg beteiligt gewesen9.

Erleichtert wurde der Rückzug Werners II. dadurch, dass er Widukind I. und Hermann I. schon früh an der Regierung ihrer beiden Grafschaften teilhaben ließ. Wenn er 1215 auch noch allein als Schutzherr des Klosters Haina auftritt, so zeigt doch eine von Hermann I. ausgestellte Urkunde aus dem Jahr 1220, dass die drei Brüder Angelegenheiten, die ihre gräflichen Herrschaftsrechte betrafen, stets gemeinsam entschieden10. Zudem scheint Werner II. auch nach seinem Ordenseintritt seine Brüder in Regierungsangelegenheiten unterstützt zu haben, allen voran den jüngeren Hermann, nachdem ihm der ältere Widukind vielleicht schon um 1230 die Grafschaft Stiffe-Battenberg allein anvertraut hatte, um sich selbst auf den Ausbau der Grafschaft Wittgenstein zu konzentrieren11.

Widukind I. bietet dem Mainzer Erzbischof 1234 die Hälfte von Burg, Stadt und Grafschaft zum Kauf an

Der sicherlich unerwartete und vor allem erbenlose Tod des zwar verheirateten, aber ohne männlichen Nachkommen gebliebenen Hermann I. kurz nach 1231 machte dem gleichwohl einen Strich durch die Rechnung. Da offenbar an eine Rückkehr Werners II. in den weltlichen Stand nicht zu denken war, sah sich Widukind I. erneut mit dem Problem der Verwaltung zweier räumlich voneinander getrennten Grafschaften konfrontiert. Dies bewog ihn schließlich zu einem Schritt, der für die Entwicklung des Battenberger Grafenhauses zur richtungsweisenden Zäsur werden sollte: Am 9. April des Jahres 1234 versprach er dem Mainzer Erzbischof, ihm die Hälfte der Burg, der Stadt und der Grafschaft Battenberg käuflich zu überlassen12. Dass er sich damit nach der Annäherung an die Landgrafen in den späten 1220er-Jahren nun plötzlich wieder Mainz zuwandte, dürfte seine Ursache in tiefergreifenden Verwerfungen im Verhältnis zu Thüringen-Hessen gehabt haben, deren Anfänge wahrscheinlich in dem 1232 erfolgten Zuspruch des Hospitals der heiligen Elisabeth an das von den Landgrafen geförderte Deutschordenshaus in Marburg zu suchen sind13.

Die zur selben Zeit geschehene Gründung des landgräflichen Ortes Frankenberg inmitten der Grafschaft Stiffe-Battenberg dürften Grafen und Landgrafen dann endgültig in Gegensatz zueinander gebracht und Widukind I. die Hinwendung nach Mainz umso leichter gemacht haben. Zur Einlösung seines Verkaufsversprechens kam es zwar nicht mehr, da er schon kurz nach 1234 starb. Doch machten seine Söhne Siegfried I., Widukind II. und Werner III. die Zusage ihres Vaters vier Jahre später wahr. Allerdings verdeutlicht die darüber ausgestellte Urkunde von 1238, dass sie diese Treue mit erheblichen Gebietsverlusten erkaufen mussten, denn die Gerichte Lixfeld, Dautphe, Wetter und Asphe, und damit alle im oberen Lahngebiet gelegenen Grafschaftsteile, hatten die Landgrafen inzwischen besetzt. Die Erhebung Frankenbergs zur Stadt um 1240 dürfte den Grafen dann auch das Gericht Geismar entrissen haben, ebenso wie das Gericht Bentreff an die Mainzer Erzbischöfe verlorenging, die dort um 1340 den Ort Rosenthal zur Stadt erhoben. Die Grafschaft Stiffe-Battenberg beschränkte sich dadurch Mitte des 13. Jahrhunderts mit den Gerichten Battenfeld, Röddenau, Laisa und Bromskirchen nur noch auf das obere Edergebiet14.

Vielleicht aus Uneinigkeit über die künftige Bündnispolitik, vielleicht aber auch in Anknüpfung an die Aufteilung der Herrschaft durch ihren Vater um 1230 trennten die Brüder Siegfried I. und Widukind II. im Anschluss an die Ereignisse des Jahres 1238 die Regierung ihrer Grafschaften Wittgenstein und Stiffe-Battenberg endgültig voneinander, wobei der ältere Siegfried Wittgenstein, der jüngere Widukind Stiffe-Battenberg erhielt. Vor allem außenpolitisch gingen beide Linien damit eigene Wege: Während Siegfried von Wittgenstein das dauerhafte Bündnis mit den Landgrafen suchte, löste Widukind von Battenberg die Verbindung zu den Erzbischöfen nicht mehr15. Beide erteilten damit der im Ergebnis katastrophalen Schaukelpolitik ihrer Väter- und Großvätergeneration eine klare Absage.

In mehreren Schritten trennt sich Hermann II. von seinem Territorium

Gesichert wurde dies nicht zuletzt durch die bewusste Nichtbeteiligung des jüngsten Bruders Werner III. an der Regierung in einer der beiden Grafschaften. Stattdessen bemühte sich wohl der ältere, den Landgrafen näherstehende Siegfried I. um dessen standesgemäße Unterbringung in einer geistlichen Einrichtung. Er fand sie um 1250 im Marburger Deutschordenshaus, in dem Werner III. schon 1252 zum Vorsteher aufstieg und von 1266 bis 1271 sogar das Amt des Deutschmeisters bekleidete16. Andererseits band Widukind II. spätestens 1286 seinen vermutlich einzigen Sohn Hermann II. in die Regierung der Grafschaft Stiffe-Battenberg ein, um so bei seiner wohl vor allem altersbedingten Abdankung im Sommer 1291 die reibungslose Übergabe der Herrschaft zu gewährleisten17.

Mit Hermann II. vollzog sich eine zweite Zäsur in der Geschichte der Battenberger Grafen, die eine ähnlich richtungsweisende Wirkung entfaltete wie die von 1238: Hatte sein Vater Widukind II. über fünfzig Jahre auf Mainzer Seite gestanden und zwischen 1250 und 1280 mehrfach Fehde gegen das landgräfliche Frankenberg geführt, so trat Hermann II. schon vor seinem Regierungsantritt dem Bündnis seines Onkels Siegfried I. von Wittgenstein mit den Landgrafen bei und versuchte 1282 mit ihm gemeinsam, die zwischen ihren beiden Grafschaften gelegene Herrschaft Hatzfeld zu erobern. Doch scheiterte dies nicht nur an dem vorzeitigen Friedensschluss der Landgrafen mit den Erzbischöfen, letztere erhöhten außerdem in den folgenden Jahren den außenpolitischen Druck auf den abtrünnig gewordenen Hermann II. so sehr, dass dieser sich im Herbst 1291 genötigt sah, ihnen die Hälfte der 1238 erheblich verkleinerten Grafschaft Stiffe-Battenberg zu überlassen. Anders als damals kam es diesmal allerdings zur Aufteilung der noch vorhandenen Gerichte, wobei Hermann II. neben Röddenau und Bromskirchen auch das wohl aus dem Gericht Battenfeld herausgetrennte Gericht Allendorf bekam, während Battenfeld, Laisa und das ebenfalls von Battenfeld losgelöste Stadtgericht Battenberg an den Mainzer Erzbischof fiel18.

Von der 1293 erfolgten Verpfändung des Gerichts Allendorf an Hessen erhoffte sich Hermann II. vielleicht noch einmal ein Einschreiten der Landgrafen gegen Mainz zu seinen Gunsten. Als offensichtlich wurde, dass hieran durch den Friedensschluss von 1282 nicht mehr zu denken war und Hermann II. also bündnispolitisch isoliert da stand, veräußerte er im Jahr 1296 schließlich auch die drei ihm verbliebenen Gerichte Röddenau, Bromskirchen und Allendorf an Mainz. Dass dies alles andere als aus heiterem Himmel geschah, sondern von langer Hand abzusehen war, zeigt der Umstand, dass Hermann II. seinen wahrscheinlich einzigen Sohn Gerhard von Anfang an nicht an der Regierung beteiligte, sondern für das geistliche Amt vorsah und ihn als Domherr in Mainz gut versorgt wusste19.

Nach dem endgültigen Verkauf seines Territoriums 1296 wohnte Hermann II. bis zu seinem Tod um 1314 wahrscheinlich nicht mehr in der Battenberger Kellerburg, da Mainz diese schon 1303 an die Grafen von Waldeck verpfändete. Da er nach 1300 wiederholt als Zeuge der Grafen von Weilnau auftritt, steht vielmehr zu vermuten, dass er sich in das Gebiet der unteren Lahn zur Familie seiner Mutter Elisabeth zurückzog und hier seinen Lebensabend fernab von jeglichen Regierungspflichten verbrachte20.

Anmerkungen:

1. Es handelt sich um eine gekürzte Fassung des am 20. März 2015 vor dem Hinterländer Geschichtsverein im "Hütter Treff" in Biedenkopf-Ludwigshütte gehaltenen Vortrags.

2. Vgl. die Karte in Braasch-Schwersmann u.a., 750 Jahre Langsdorfer Verträge 1263-2013.

3. Lennarz, Territorialgeschichte, S. 39-41.

4. Lotzenius/Seim, Geschichte, S. 37-38, 45.

5. Seim, Grafen, S. 41.

6. Lennarz, Territorialgeschichte, S. 61.

7. Seim, Grafen, S. 41.

8. Lotzenius/Seim, Geschichte, S. 40, 49.

9. Seim, Grafen, S. 42, 44.

10. Bechtold, Wittgenstein-Battenberger, S. 74-75.

11. Lennarz, Territorialgeschichte, S. 83-84.

12. Lotzenius/Seim, Geschichte, S. 46.

13. Seim, Grafen, S. 44.

14. Seim, Grafen, S. 42.

15. Lotzenius/Seim, Geschichte, S. 47.

16. Bechtold, Wittgenstein-Battenberger, S. 76.

17. Bechtold, Wittgenstein-Battenberger, S. 79.

18. Lotzenius/Seim, Geschichte, S. 47, 49.

19. Lennarz, Territorialgeschichte, S. 81.

20. Seim, Grafen, S. 47.

Literatur:

Bechtold, Karl: Die Wittgenstein-Battenberger Grafen des Mittelalters, in: 750 Jahre Battenberg. Die Bergstadt im Walde, S. 74-81.

Lennarz, Ulrich: Die Territorialgeschichte des hessischen Hinterlandes, Marburg 1973.

Lotzenius, Ludwig: Geschichte der hessischen Ämter Battenberg und Wetter, bearb. von Matthias Seim, Battenberg 2013.

Seim, Matthias: Die Grafen von Battenberg - Herrschaftspolitik im Spannungsfeld zwischen Mainz und Hessen, in: 20 Jahre Geschichtsverein Battenberg, S. 39-50.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2015
Kommentare (0)
Mehr aus red.web unzugeordnet