Fahrerin: "Ich habe nichts gesehen"

JUSTIZ 22-Jährige ist wegen fahrlässiger Tötung angeklagt / 83-Jährige starb auf der Straße

Auf der Hospitalstraße ist es im vergangenen Jahr zu einem folgenschweren Unfall gekommen. Nun muss das Gericht urteilen. (Foto: Bünger)

5. Dezember 2013, 18.30 Uhr. Es ist dunkel und windig, es regnet in Strömen, die Straße ist nass. Im Haus gegenüber der alten Post geht ein Damen-Kaffeekränzchen zu Ende. Die geladenen Frauen verlassen das Haus, sie sind alle weit über 70 Jahre alt, eine von ihnen zu hundert Prozent sehbehindert, eine andere - das spätere Unfallopfer - benutzt seit einer Hüftoperation einen Gehstock. Alle wollen sie ein auf dem Parkplatz vor der Post geparktes Auto erreichen. Denn eine der Damen hat angeboten, alle anderen angesichts des schlechten Wetters nach Hause zu fahren.

Sie überquert die Straße im Eiltempo, um den Wagen für ihre Freundinnen aufzuschließen, ihr folgen die helfend am Arm geführte Sehbehinderte und - als letzte - die gehbehinderte Frau, dunkel gekleidet, mit Gehstock und Tupperdose in der Hand. All das beobachtet die Gastgeberin vom Fenster ihrer Wohnung aus, während sie ein Telefongespräch führt. Sie sieht einen Lichtschein nahen, ein Wagen, der stadtauswärts fährt, sieht, dass die letzte der vier Frauen versucht ihren Schritt zu beschleunigen. Dann dieser Knall, dieser Aufprall - das Unglück ist geschehen. So stellte sich die Situation nach Befragung der als Zeuginnen geladenen Frauen dar.

Die junge Angeklagte schilderte mit bebender Stimme zuvor, wie sie das Geschehen erlebt hat. Sie sei eine eher ängstliche Fahrerin. Auf dem Weg zum Einkaufen, die Schwiegermutter war Beifahrerin, sei sie langsam gefahren - vielleicht 40 Stundenkilometer - weil es so nass und dunkel war.

Plötzlich habe sie einen Schlag gehört, "irgendetwas war gegen die Scheibe geflogen. Ich wusste nicht, ob das ein Tier war oder ein Ast? Ich habe nichts gesehen!" Sie habe dann doch angehalten und die Frau auf der Straße liegen sehen.

Fahrerin bricht am Unfallort zusammen, ist wochenlang krank

Glaubhaft versicherte die Fahrerin, wie sehr sie noch heute leide unter dem, was passiert ist. Am Unfallort war sie zusammengebrochen, hernach wochenlang krank geschrieben, eine bestehende Schwangerschaft entwickelte sich nicht weiter. Sie versuche die Gedanken an das Unglück zu verdrängen, doch die Bilder wollten nicht weichen, "ich habe das doch nicht mit Absicht gemacht," brachte sie mit stockender Stimme hervor.

Für Verteidiger Alexander Pfaff ist klar, seine Mandantin trifft nicht die alleinige Schuld an dem tödlichen Unfall. Als alter, gehbehinderter Mensch bei Dunkelheit und Regen und überdies noch dunkel gekleidet die Straße zu überqueren, führe schon zu einer gewissen Mitverantwortung. Die Fahrlässigkeit stehe aus seiner Sicht nicht unzweifelhaft fest, es gebe Milderungsgründe.

Anliegen der Verteidigung ist es daher, abzuwenden, dass die Angeklagte, abgesehen von der Strafe, die komplette Last der mit dem Unfall zusammenhängenden Kosten zu tragen hat. Deutlich über 5000 Euro, wie Pfaff auf Nachfrage dieser Zeitung sagte. "Das kann sie nicht alleine stemmen."

Lange beschäftigte das Gericht sich mit den Aussagen des Kfz-Sachverständigen, der das Unfallauto, einen Ford Fiesta, die Unfallstelle und -spuren sowie die Kleidung der alten Dame untersucht hatte. Der Wagen habe keinerlei technische Mängel aufgewiesen, alles deute auf eine Fahrgeschwindigkeit von rund 40 km/h hin.

Aus den Unfallspuren schloss der Gutachter weiter auf die Gehgeschwindigkeit des Opfers. Dies sollte zum Knackpunkt des Verfahrens werden, denn ob die Dame nun mit einem Meter pro Sekunde oder 1,5 Metern pro Sekunde unterwegs war, hätte erheblichen Einfluss darauf, ob die junge Autofahrerin Zeit gehabt hätte, den Unfall zu verhindern oder nicht.

Verteidiger Pfaff beantragte, Hausarzt und Orthopäden der Verunglückten zu befragen, um zu klären, zu welchem Gehtempo sie in der Lage gewesen sei. Auch soll eine weitere Untersuchung klären, wie die Bremsverzögerung des Wagens maximal hätte sein können. Ein nicht einfach zu lösender Auftrag, dem der Gutachter nachgehen wird. Bis zur Klärung dieser Fragen hat Richterin Melanie Schweiger das Verfahren unterbrochen.


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