Handarbeit bringt Glanz ins Haus

PATCHWORK Anette Glanz aus Weidenhausen hat eine Nähwerkstatt

"Das ist mein Reich", sagt Anette Glanz stolz, wenn sie in ihrem Nähzimmer steht. (Fotos: Schneider)

Die Kaffeetaschen tragen bis zu acht Kilogramm.

Der kleine Emil kann sich auf sein Geschenk freuen: ein wunderschönes Kissen.

Bild 1 von 3

"Das ist mein Reich", sagt Anette Glanz lächelnd, als sie ihr Nähzimmer betritt. Seit drei Jahren produziert sie dort. Die Regale sind prall gefüllt. Taschen aus Kaffee- und Federmäppchen aus Schokoladenverpackungen reihen sich an Geldbeutel aus Trinktütchen, an Kosmetiktaschen mit der Aufschrift "Mädchenkram" sowie an liebevoll gestaltete Malmappen mit Stift und Block im Inneren. Und das ist nur ein Bruchteil dessen, was die 45-Jährige herstellt.

Angefangen hat sie mit ihrer Nähwerkstatt vor drei Jahren. Doch die Handarbeit hatte es ihr schon zu Schulzeiten angetan. "Damals hatten wir das noch als richtiges Schulfach", erinnert sie sich. "Mit einem gehäkelten Schal hat bei mir damals alles angefangen." Später gab sie Unterricht an der Volkshochschule - in ihrem Steckenpferd, der Hessenstickerei. Doch das sei irgendwann eingeschlafen. Nicht jedoch ihre Liebe zur Handarbeit. Im Internet, in Büchern und bei Bekannten holte sie sich Anregungen - und setzte sie in die Tat um. Die fertigen Werke verkauft sie auf zahlreichen Märkten in Mittelhessen. Doch stellt sie auch Handarbeiten nach Auftrag her. Wie etwa das Kissen für einen Neugeborenen. Emil. Sein Name prangt über einem roten Boot, das auf bunten Wellen übers Meer schippert.

Echte Verkaufsrenner sind Glanz' genähte Schultüten. Mit Namen und einem Inlett, das als Kissen benutzt werden kann. Ebenfalls begehrt: die Kaffeetaschen. Ihr Preis liegt zwischen 15 und 18 Euro. "Die sind nicht nur originell, sondern auch sehr stabil", erklärt Glanz. Sie lassen sich mit acht Kilogramm befüllen. Das weiß Glanz so genau, weil einer ihrer beiden Töchter eine solche Tasche einmal gerissen ist. Schuld war ein schweres Gurkenglas, das das Gewicht des Einkaufs auf zwölf Kilogramm erhöht hatte. Daraufhin hat Glanz genau abgemessen, wie viel die Tasche aushält. Auf Märkten haben die Stücke schon für Verwirrung gesorgt: "Ein Pfund Kaffee, bitte", hatte dort einmal jemand zu ihr gesagt und auf die Taschen gedeutet.

"Diese Arbeit ist für mich ein Hobby, und das bleibt sie auch"

Die Herstellung der ersten Kaffeetasche war für Glanz sehr mühsam. Einen ganzen Sonntag hatte sie dafür von morgens bis abends im Nähzimmer verbracht. "Als ich damit fertig war, habe ich mir gesagt: Das machst du nie im Leben noch mal." Sie lacht. "Aber dann hat's mich doch wieder gepackt." Glanz hat die Fähigkeit, sich vieles selbst beizubringen und sich nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Tricks und Kniffen zu behelfen, bis ihr die Dinge leichter von der Hand gehen. "Es gibt Stücke, die mich an meine Grenzen bringen", gesteht sie. "Aber Ufos habe ich keine." Ufos? Sie lacht. "Unvollendete Objekte. So nennen wir das."

Wie produktiv sie ist, hängt auch mit ihrer Stimmung zusammen. "Wenn ich keine Lust habe, geht es nicht", sagt sie. Doch hat ihr Hobby auch gleichzeitig positive Auswirkungen auf ihren Gemütszustand. "Wenn ich unter Strom stehe, hilft mir das Nähen dabei, wieder 'runterzukommen", sagt sie.

Bei Jugendlichen hoch im Kurs stehen Glanz' Federmäppchen aus Schokoladenpapier. Abwaschen, damit keine Schokoladenrückstände zurückbleiben, aneinandersetzen, zuschneiden, laminieren, noch einmal zuschneiden, Reißverschluss einsetzen - fertig.

Sie deutet auf einen Karton, in dem sie unzählige Schokoladen- und Kaffeeverpackungen aufbewahrt, die noch darauf warten, verarbeitet zu werden. "Nein, nein, wir haben das nicht alles selbst gegessen und getrunken", erklärt sie lachend. "Ich lasse mich aus unserem Bekanntenkreis mit Verpackungen versorgen."

Sie verlässt den Raum und kehrt mit einer großen Patchworkdecke in verschiedenen Blautönen zurück. "Die ist mir letzte Woche von der Nähmaschine gesprungen", sagt sie. "Die Decke ist ein Traum. Ich nenne das Patchwork-Kuschel." Das Besondere: Dieses Stück hat Glanz einmal nicht für andere, sondern für sich selbst hergestellt. Aus 300 Teilen setzt sich die Decke zusammen - sechs Wochen Arbeitszeit vom ersten bis zum letzten Stich.

Und doch ist diese Arbeit für sie nach wie vor ein Hobby. "Und das bleibt sie auch", betont sie. Deshalb entscheidet sie sich auch dagegen, für all ihre Stücke zum Verkauf einen Laden anzumieten. "Ich will den Zwang nicht", sagt sie schlicht. Ihre Kunden können sie stattdessen nach vorheriger Anmeldung in ihrem Nähzimmer besuchen.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2014
Kommentare (0)
Mehr aus Region Hinterland und Marburg