Schweine im eigenen Garten

SELBSTVERSORGER Zwei Familien aus Erdhausen halten Pietrains

Eine kleine Rückenmassage gefällig? Clara (4), Henry (5), Jannik (10) und Niklas (7) kümmern sich um die Schweine der beiden Erdhäuser Familien. (Foto: Tietz)

Mastschweine zur Hausschlachtung sind auf dem Land mittlerweile eine Rarität. Das musste auch der Vorstand des Heimatvereins Weidenhausen feststellen, als er mit den Vorbereitungen für sein am 6. September stattfindendes Sauplasterfest begann. Die Organisatoren wollen schließlich auch "lebendes Anschauungsmaterial" den Besuchern präsentieren. Doch woher nehmen? Denn nur noch eine Familie im Ort hält sich einige wenige Borstentiere.

Ähnlich sieht es im Nachbardorf Erdhausen aus. Hier setzen die beiden Familien Schreiber und Stolz einen Gegenpol zur landläufigen Entwicklung. Sie produzieren ihr Fleisch selbst. Derzeit nennen sie zwei Pietrain-Schweine ihr Eigen.

Das Gemeinschaftsprojekt nahm eher zufällig seinen Lauf. "Meine Frau hat immer mal wieder gesagt, sie möchte ein Schwein im eigenen Garten haben. Ich habe das anfangs als Scherz angesehen", erzählt Peter Schreiber. Doch dann schenkte ihm seine jüngste Tochter ein Buch über die Freilandhaltung von Schweinen - mit Tipps und Regeln zur Haltung und Zucht der Borstentiere.

In Nachbar Stefan Stolz fand der Erdhäuser schließlich einen engagierten Mitstreiter. Der Landwirt baut selbst Getreide an, das an Rinder und nun auch an die eigenen Schweine verfüttert wird. Bis dahin mussten die beiden allerdings noch einige bürokratische Hürden überwinden. Denn wer Schweine artgerecht im eigenen Garten halten will, muss einige Vorschriften einhalten.

Deshalb erkundigten sich die Erdhäuser bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises. Die signalisierte für das Vorhaben grünes Licht - allerdings mit der Maßgabe, dass die beiden angehenden Schweinehalter beim zuständigen Veterinäramt vorstellig werden müssen. Gesagt, getan.

Der Arbeitsaufwand sei nicht ohne gewesen, bis alle Auflagen erfüllt waren, berichten Peter Schreiber und Stefan Stolz. Denn für ein Freilandgehege gibt es genaue Vorgaben. Die betreffen unter anderem den Zaun. Der muss mindestens 1,5 Meter hoch sein und 30 Zentimeter tief in die Erde ragen. Aus gutem Grund, wie Peter Schreiber weiß: "Schweine haben erstaunlich viel Kraft im Rüssel, die wühlen ganz schön tief im Boden."

Die Tiere werden mit einer doppelten Zaunanlage eingepfercht

Ein zweiter Zaun als Innenschutz ist ebenfalls Pflicht. Damit soll verhindert werden, dass sich Wildschweine und Hausschweine zu nahe kommen und möglicherweise Krankheiten übertragen werden. Auch eine Seuchenschleuse im Gehege, ausreichend Platz zur Unterbringung bei Seuchengefahr und Hinweisschilder "Füttern verboten!" müssen vorhanden sein. Außerdem gibt es Vorschriften zur Futterlagerung.

"Mit vereinten Kräften haben wir das alles hinbekommen", freut sich Peter Schreiber. Geholfen hat dabei auch ihr Nachbar Otto Klingelhöfer, der den Graben für den Zaun ausbaggerte. Der Einsatz zahlte sich aus. Das Veterinäramt attestierte den beiden Familien schließlich eine "vorbildliche Anlage".

Die nutzten sie im ersten Jahr für drei Schwäbisch Hällische Landschweine. Nun halten die Erdhäuser zwei Pietrain-Schweine. "Die Rasse stammt ursprünglich aus Belgien, aus dem Ort Pietrain. Dort soll sie 1920 entstanden sein", erklärt Peter Schreiber. Ein geringer Fettansatz und Fleischfülle zeichnen die gefleckten Tiere aus. "Deren Fleischqualität ist mit der von Schweinen aus normaler Stallhaltung nicht zu vergleichen", betont Stefan Stolz.

Allesfresser sind die Pietrains allerdings nicht. Kleine Gourmets seien das, merken die beiden privaten Schweinehalter mit einem Schmunzeln an. Nicht jede Grassorte mundet dem tierischen Duo. Auch die Äpfel, die von den im Gehege stehenden Bäumen herabfallen, verschmähen die Schweine.

Gleich mehrere gute Gründe führen die beiden Familien für ihr Engagement ins Feld. Sie wollen der Massentierhaltung ein Stück weit entgegentreten. Und natürlich sei es ein großes Plus zu wissen, woher das Fleisch genau kommt. "Außerdem wollen wir unseren Kindern zeigen: So wachsen artgerecht Schweine auf", betont Stefan Stolz.

Zum Kreislauf des Lebens gehört auch die Schlachtung der Tiere. Das bekommt der Nachwuchs ebenfalls hautnah mit. Die Schweine werden vom Metzger geschlachtet, das Fleisch verarbeiten die beiden Familien dann selbst. "Wir laden dann auch Freunde und Nachbarn ein und essen zusammen Wurstsuppe", erzählt Peter Schreiber.

Zweimal am Tag bekommen die Schweine ihr Futter. Außerdem brauchen sie frisches Wasser. "Sonst machen sie nicht viel Arbeit", sagt Peter Schreiber. Wenn eine der beiden Familien mal Urlaub macht, kümmern sich die Daheimgebliebenen um die Tiere.

"Reiner Idealismus" treibt die Erdhäuser an - und natürlich wollen sie auch im nächsten Jahr wieder Schweine im eigenen Garten halten.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2014
Kommentare (0)
Mehr aus Region Hinterland und Marburg