„Autisten eignen sich für jeden Beruf“

ARBEIT  Beraterin Ina Eichholz erklärt im Interview die Chancen von autistischen Menschen in der Arbeitswelt

Ina Eichholz aus Ewersbach ist Autismusberaterin – eine von etwa einem halben Dutzend in ganz Deutschland. Unter anderem vermittelt sie Arbeit suchende Autisten an Unternehmen. (Foto: Linker)
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In ganz Deutschland gibt es nach ihren Angaben nur etwa ein Dutzend Personen, die diesen Job machen, im Lahn-Dill-Kreis nur sie. Seit zehn Jahren arbeitet sie mit einer Partnerin in Gießen, der Psychologin Dr. Monika Lang, zusammen. Ina Eichholz ist Diplom-Pädagogin, hat auch ihre Diplomarbeit über Autismus verfasst. Unter ihrem Mädchennamen Blodig hat sie außerdem ein Buch („Hochfunktionale Autisten im Beruf“) über das Thema geschrieben.

Frau Eichholz, wie ticken autistische Menschen? Was ist bei ihnen anders?

Ina Eichholz: Das Allerwichtigste: Wenn man einen Autisten kennt, kennt man genau einen Autisten. Alle sind unterschiedlich. Deshalb ist die Frage ganz schwierig zu beantworten.

Aber es gibt doch bestimmte Eigenschaften, oder?

Eichholz: Autisten haben einen Bedarf an Struktur und Vorhersehbarkeit. Sie haben eine besondere Art in der sozialen Kommunikation und Interaktion. Das Klassische: Sie können einem nicht in die Augen schauen; aber nicht weil sie unfreundlich sind, sondern weil sie keine Informationen aus den Augen lesen können – und auch keine mit ihren Augen senden können.

Wie ist das Verhalten von Autisten anderen Menschen gegenüber? Sind sie zurückgezogen?

Eichholz: Das ist ein Klischee. Viele sagen, Autisten leben in einer eigenen Welt. Das stimmt nicht. Sie wissen oft nicht, wie sie soziale Beziehungen gestalten sollen, und bleiben lieber daheim und alleine. Das geht natürlich einher mit einer großen Unsicherheit. Ich höre viele Autisten, die sagen: „Ich würde gerne Freundschaften haben und pflegen, aber ich weiß nicht wie.“

Wie sind sie auf das Thema Autismus gekommen?

Eichholz: Mit 16 Jahren habe ich ein Praktikum bei der Lebenshilfe in Dautphe (im Landkreis Marburg-Biedenkopf; Anm. d. Red.) gemacht. Da habe ich den ersten Autisten kennengelernt. Danach habe ich bei meinem beruflichen Werdegang auf das Thema Autismus gesetzt.

Sie bieten eine Autismusberatung an. Was genau machen Sie?

Eichholz: Ich kläre über das Thema Autismus auf. Bei Arbeitgebern, Organisationen, Verbänden, Ämtern und Vereinen. Genausogut kommen aber auch Angehörige auf mich zu. Außerdem betreibe ich Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit, biete Fortbildungen und bin Autorin. Ich habe mich mittlerweile mit den Lebensentwürfen von über 600 Autisten beschäftigt.

Gehört Arbeitsvermittlung auch zu Ihren Aufgaben?

Eichholz: Genau. Wenn zum Beispiel ein Mensch mit Autismus auf mich zukommt, versuche ich ihn zunächst möglichst gut kennenzulernen, seine Kompetenzen zu erkennen und analysiere dann, wo es hingehen soll. Ich mache auch Bewerbungstrainings mit ihnen und stelle Vorstellungsgespräche nach.

Angesichts des Fachkräftemangels entdeckt die Wirtschaft im Lahn-Dill-Kreis derzeit auch das bislang ungenutzte Potenzial von vielen behinderten Menschen. Welche Chancen haben Autisten auf dem Arbeitsmarkt?

Eichholz: Autistische Menschen eignen sich für jeden Beruf. Wir müssen von dem Klischee wegkommen, sie können nur in der IT-Branche (Informationstechnik; Anm. d. Red.) arbeiten. Es geht nur darum, die richtige Aufgabe und den richtigen Arbeitgeber zu finden – eigentlich wollen wir das doch alle. Es geht um das richtige Umfeld. Oft sind es nur kleine Stellschrauben, um einen Arbeitsplatz autismusgerecht zu machen.

Welche Stellschrauben?

Eichholz: Wissen über Autismus. Und das Nicht-Festhalten an Konventionen. Ich sage: Arbeitgeber nutzt das Potenzial der autistischen Menschen für das fachliche, nicht für das soziale Drumherum. Man braucht mutige Arbeitgeber, die sich darauf einlassen, soziale Konventionen über Bord werfen und sich auf den autistischen Arbeitnehmer einlassen.

Gibt es Branchen, die für Autisten besonders geeignet sind?

Eichholz: Alle. Punkt. Ich habe schon Konditoren, Gartenlandschaftsbauer, Tierärztinnen, ITler und in den öffentlichen Dienst vermittelt.

Gibt es Anforderungen, die Autisten entgegenkommen?

Eichholz: Autisten sind oft in Jobs gut, die uns vielleicht langweilen würden, wo Tätigkeiten ständig wiederholt werden. Solche Jobs sind aber inzwischen schwer auffindbar, weil sie automatisiert wurden.

Wie viele autistische Menschen haben nach Ihrer Kenntnis einen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt?

Eichholz: Das ist ernüchternd. Man spricht von fünf Prozent auf dem ersten Arbeitsmarkt. Erschreckend wenig.

Und die restlichen 95 Prozent?

Eichholz: Sie sind in Behindertenwerkstätten tätig oder arbeitslos oder berentet. Für manche ist der geschützte Rahmen der Behindertenwerkstätten allerdings auch passend.

Das hört sich dennoch nach einem großen ungenutzten Potenzial an?

Eichholz: Ja. Bei einem hessenweiten Projekt, der MAASarbeit, wurde zwischen 2010 und 2013 die Vermittlung von Asperger-Autisten in den ersten Arbeitsmarkt gefördert. Fast 250 Menschen hatten sich uns vorgestellt, und die Vermittlungsquote lag zwischen 50 und 60 Prozent.

Der Software-Konzern SAP hat angekündigt, dass bis 2020 ein Prozent seiner Mitarbeiter Autisten sein sollen ...

Eichholz: Ich habe das Projekt als Beraterin mit aufgebaut. Es ist ein tolles Projekt.

Warum?

Eichholz: Weil SAP Zeit und Geld hat, das Projekt schön aufzubauen. Weil es das Unternehmen ehrlich gemeint hat und nicht nur aus Prestigegründen ins Leben gerufen hat. Diese Initiative wirkt inzwischen in Deutschland als Vorbild.

Fragen auch Unternehmen im Lahn-Dill-Kreis gezielt nach Autisten?

Eichholz: Wenig. Ich glaube, vielen Arbeitgebern ist nicht bekannt, dass es dafür sogar Unterstützung gibt. Und Anfragen, die es gibt, landen eher bei den Ämtern.

Was sind die Probleme bei der Integration von autistischen Menschen in Betrieben?

Eichholz: Es geht los mit den Bewerbungsschreiben. Viele Autisten wissen nicht, was sie können. Sie können sich auch nicht verkaufen. Und sie kommen übers Vorstellungsgespräch nicht hinaus, wenn sie dabei ihrem Gegenüber nicht in die Augen schauen oder ihm nicht die Hand geben können. Das Vorstellungsgespräch ist eine große Hürde. Sollten sie diese Hürde schaffen, kommt die Einarbeitung mit den neuen Kollegen, und es kommen die ungeschriebenen Regeln in Unternehmen. Das kann auch zur Überforderung von Autisten führen. Sie müssen mehr leisten – neben ihrer Arbeit müssen sie noch das soziale Regelwerk erfüllen, das sie nicht intuitiv beherrschen.

Wie funktioniert Ihre Vermittlung? Woher kennen Sie die autistischen Arbeitssuchenden? Wie kommen die Kontakte zu den Unternehmen zustande?

Eichholz: Die hiesigen Arbeitsagenturen wissen von meinem Angebot. Und Autisten wissen über Verbände, Internet, Facebook oder mein Buch davon. Dann fragen sie mich per Mail an.

Und dann?

Eichholz: Dann arbeite ich mit den Menschen. Manche wünschen sich vielleicht nur ein berufliches Coaching, andere, dass ich bei ihrem Arbeitgeber über das Thema Autismus aufkläre. Ohne das Wissen gibt es garantiert Probleme zwischen Vorgesetzten und autistischen Menschen.

Wie kommt der Kontakt zu den Unternehmen zustande?

Eichholz: Per Kaltakquise.

Das heißt?

Eichholz: Bei den Unternehmen anrufen, fragen und das Anliegen stellvertretend für den Autisten darlegen. Ich glaube, dass es Unternehmen im Lahn-Dill-Kreis gibt, die Arbeit für Autisten haben und welche einstellen würden, aber sie wissen nicht, wen sie fragen können.

Die können sich an Sie wenden?

Ja, auf jeden Fall.

 

Kontakt: www.autismus-plus.de; mail(at)autismus-plus.de


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