„Erhobenen Hauptes in die Zelle“

PROZESS  Verteidiger des verurteilten Manuel Hoffmann kündigt Gang in die Revision an

Paukenschlag im Limburger Schwurgericht: Manuel Hoffmann ist zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, sein Verteidiger Dieter Henze will in die Revision. (Foto: Gross)
Von der Schuld des Angeklagten überzeugt: Der Vorsitzende Richter Andreas Janisch (Mitte) mit den hauptamtlichen Richtern der Limburger Schwurgerichtskammer. (Foto: Gross)
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Manuel Hoffmann zu neun Jahren Gefängnis verurteilt

Schockiert und entsetzt reagierten die Eltern des 27-Jährigen, weitere Familienmitglieder, enge Freunde und Fans im fast voll besetzten Zuschauerraum auf das Urteil am Freitagmorgen. Mit diesem Ausgang hatte nach den zurückliegenden zwölf Verhandlungstagen seit November niemand von ihnen gerechnet. Auch nicht mit der Überzeugung und Deutlichkeit, mit der die Richter unter Vorsitz von Andreas Janisch das Urteil wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung begründeten. Mit neun Jahren Gefängnis kamen sie zu hundert Prozent dem Antrag von Staatsanwältin Michelle Krämer nach. Drei Jahre wären die Mindest-, 15 Jahre die Höchststrafe gewesen. Als Motiv sieht das Gericht eine Beziehungstat, Manuel Hoffmann habe sich von seinem ebenfalls homosexuellen Mitbewohner Peter W. erdrückt gefühlt und sich von ihm befreien wollen, hieß es.

Familie und Freunde im Zuschauerraum standen Entsetzen und Tränen in den Augen, während sie ungläubig den Ausführungen folgten. Manuel Hoffmann dagegen zeigte auf der Anklagebank keine Regung. Aufmerksam hörte er dem Vorsitzenden Richter zu und schüttelte nur manchmal kaum merklich den Kopf. Durch seinen Strafverteidiger Dieter Henze ließ er anschließend mitteilen: „Ich gehe erhobenen Hauptes zurück in meine Zelle und werde weiterhin in den Spiegel gucken können. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Im Gegensatz zum Nebenkläger werde ich keine schlaflosen Nächte haben.“

Von Beginn an hatten in dem Verfahren Aussage gegen Aussage gestanden: Die Notwehr-Version von Manuel Hoffmann gegen die des 30-jährigen Nebenklägers Peter W., der dem Angeklagten vorwarf, plötzlich und ohne jeden erkennbaren Grund auf ihn eingeschlagen zu haben. Die Richter hatten zu entscheiden, welche Aussage die glaubhaftere ist. Diese Entscheidung fiel überraschend deutlich aus, nachdem seit November eine Vielzahl von Zeugen, vor allem aus dem Umkreis des Sängers, und die Gutachten der zwei psychiatrischen Sachverständigen gehört worden waren.

„Das Ergebnis ist eindeutig“, erklärte Janisch gleich zu Beginn. Die Ausführungen von Peter W. hätten das Gericht vollkommen überzeugt, es blieben keine Zweifel. Die Aussage von Manuel Hoffmann weise hingegen Unstimmigkeiten auf. Gegen den 27-Jährigen sprächen auch die bei Peter W. festgestellten Verletzungen an Kopf, Händen und Unterarmen, die laut Rechtsmedizin auf ein „statisches Abwehrverhalten“ des 30-Jährigen schließen lassen.

„Erdrückt gefühlt“: Richter sehen die Mordmerkmale des Vorsatzes und der Heimtücke erfüllt

Die Tat am Abend des 7. Mai 2017 hat sich demnach für das Gericht wie folgt zugetragen: Der Angeklagte habe seinen Mitbewohner, unter dem Vorwand, ihm ein Geschenk übergeben zu wollen, mit vor den Augen gehaltenen Händen in sein Schlafzimmer geführt und dort mit einem 641 Gramm wiegenden Sportpokal mit Steinsockel auf ihn eingeschlagen. Vollkommen unvorbereitet sei Peter W. von dem Angriff überrascht worden. Mindestens elf Mal habe Manuel Hoffmann den Kopf seines Mitbewohners getroffen, wodurch dieser ein schweres Schädelhirntrauma, eine Schädeldachfraktur und Kopfplatzwunden erlitten habe. Weitere mindestens 22 Schläge hätten Arme und Hände getroffen. Erst als sich Peter W. tot gestellt habe, habe der Angeklagte von ihm abgelassen und das Zimmer verlassen, um sich im Bad die Hände zu waschen.

Der Mitbewohner habe die Chance zur Flucht aus dem Haus genutzt, Manuel Hoffmann sei ihm hintergerannt, „um die Tötung noch zu vollenden“, doch Peter W. sei es gelungen, vor ihm die Straße vor dem Haus zu erreichen. Seine Hilferufe hätten dort mehrere Nachbarn auf den Plan gerufen, so Janisch. Erst dann habe der Sänger von seinem Opfer abgelassen.

Die Mordmerkmale des Vorsatzes und der Heimtücke sah das Gericht erfüllt. Spätestens am Tattag habe Manuel Hoffmann beschlossen, Peter W. zu töten. Ihm sei bewusst gewesen, dass sein Mitbewohner ihn „anhimmelt“, er habe nicht mehr damit umgehen können, dass der Nebenkläger die „wichtigste Person seines Lebens“ in ihm sah, so Janisch. Von dieser Nähe habe sich der Angeklagte erdrückt gefühlt. Während sich Peter W. kurz vor der Tat fünf Wochen lang wegen Depressionen, Angstzuständen und Adipositas in einer Reha befunden hat, habe Manuel Hoffmann das Leben mit seinem neuen Partner genossen, den er vor seinem eifersüchtigen Mitbewohner geheim gehalten habe. Diese Freiheit habe er nicht mehr aufgeben wollen.

Verteidiger Dieter Henze, der sich ebenfalls vom Prozessausgang überrascht zeigte, kündigte unmittelbar nach dem Urteilsspruch den Gang in die Revision an. Die Richter hätten bei der Bewertung der Aussagen unterschiedliche Maßstäbe angelegt, kritisierte Henze. Peter W. habe sich bei seinen Schilderungen zur Tat mehrfach widersprochen. Zudem stehe das Gutachten zur Wahrnehmungsfähigkeit des Nebenklägers auf „ganz wackeligem Boden“.

Vater Gerhard Hoffmann sagte, die Familie stehe weiter voll und ganz hinter Manuel und werde für ihn kämpfen. Das Urteil könne er in keinster Weise nachvollziehen. Sein Sohn sei unschuldig.


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Kommentare (1)
Unabhängig vom Ausgang des Falles möchte ich für die Redaktion anmerken, dass der Vorsatz kein Mordmerkmal darstellt.
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