„Haben die Lücke geschlossen“

Handel  Vor einem Jahr hat Ikea in Wetzlar eröffnet / Chef Detlef Boje zieht Bilanz

Chef von 236 Mitarbeitern: Detlef Boje, Leiter des Ikea-Einrichtungshauses in Wetzlar (Foto: Wingender)

Neben dem Pförtnerbüro hängt ein Bild von Ikea-Gründer Ingvar Kamprad. Draußen scheint die Sonne, und Detlef Boje (53) schaut aus dem Fenster im Obergeschoss auf einen eher leeren Parkplatz. Bei gutem Wetter kommen weniger Besucher. Das unterscheide den Wetzlarer Ikea-Markt von anderen Ikea-Häusern in Ballungsgebieten, sagte Boje. Hier ist das Einzugsgebiet ländlich, viele Menschen haben Gärten und verbringen ihre Zeit bei Sonne lieber anderswo als im Möbelhaus.

Bojes Arbeitsplatz ist einer von vielen im Großraumbüro. Vorzimmer? Chefsekretärin? Gibt’s nicht. Alle sind, wie in Skandinavien üblich, per Du, tragen den gleichen gelbblauen Firmendress. Die Bedeutung des Teams werde großgeschrieben, sagt Boje. Dazu gehört auch, dass mal jemand aus dem Verwaltungsteam an der Kasse aushelfen muss, damit die Kunden nicht warten müssen. Ein Jahr Ikea in Wetzlar, wie ist die Bilanz?

Herr Boje, Sie hatten im Juni 2017, einen Monat nach der Eröffnung, die Zahl aller bis dahin bei Ikea in Wetzlar vertilgten Hotdogs parat. Gibt es die auch für ein ganzes Jahr?

Detlef Boje: Da erwischen Sie mich auf dem falschen Fuß. Aber wir könnten die Zahl ausrechnen. Die häufigste Kundenkritik war übrigens, dass es im Restaurant zunächst keine Pommes gab. Auf die hatte man vonseiten Ikea erst verzichtet, weil sie natürlich nicht das gesündeste Lebensmittel sind, aber auch, um zu sehen, ob man sich Fritteuse und Abzugshaube nicht sparen kann. Wir haben falsch gedacht. Die Technik wurde nachgerüstet und es gab eine große Pommesparty. Dabei haben wir um die 370 Kilo Pommes an einem Tag serviert. Das Restaurant war voll. Für viele gehören Pommes zum Einkauf mit der Familie offenbar dazu. Und das Restaurant ist so gefragt, dass wir weitere Plätze geschaffen haben.

Kommen wir zu anderen Zahlen. Wie sieht Ihr Ergebnis nach einem Jahr aus?

Boje: Wir haben in den Planungen gesagt, wir rechnen bei Ikea in Wetzlar mit etwa ein bis anderthalb Millionen Besuchern im Jahr. Eine Zählanlage gibt es allerdings erst seit Beginn des Geschäftsjahres, das ist bei uns der 1. September. Von September bis Ende April waren es bereits eine Million Menschen. Das ist ein super Ergebnis und viel besser als das von vergleichbaren Standorten wie Siegen. Also keine Großstädte, sondern Standorte mit einem großen, eher ländlichen Einzugsgebiet. Aber auch Märkte in größeren Städten schaffen es häufig nicht, so viele Besucher zu ziehen wie wir. Damit können wir in Wetzlar mehr als zufrieden sein. Es ist eine Punktlandung. Aber natürlich arbeiten wir weiter und sehen noch Luft nach oben.

Worauf führen Sie diese Frequenz zurück? Liegt das einfach daran, dass der Markt einfach noch neu ist?

Boje: Nein, das denke ich nicht. Es liegt eher an der Lage. Wir haben schon festgestellt, dass wir gut 28 Prozent Neukunden haben, die noch nie bei Ikea waren. Wir werden stark wahrgenommen, das merkt man auch am Thema Onlinepräsenz. Wir haben über 2100 Google-Bewertungen nach einem Jahr erreicht. Vergleichbare Ikea-Häuser haben teilweise genau so viele, aber bestehen schon seit 20 Jahren.

Haben Sie Ihr Einzugsgebiet erhoben, zum Beispiel mit einer Postleitzahlenabfrage?

Boje: Ja. Wir haben wie geplant die Lücke geschlossen zwischen den Märkten in Siegen, Niedereschbach, Hanau und Kassel. Wir haben deutlich mehr Besucher als gedacht aus dem Kreis Limburg-Weilburg, dem Wetteraukreis und dem Vogelsbergkreis, insgesamt sind das rund zehn Prozent unserer Kunden. 40 Prozent und damit die meisten kommen aus dem Lahn-Dill-Kreis, 30 Prozent aus dem Kreis Gießen. Etwa zehn Prozent kommen aus dem Kreis Marburg-Biedenkopf, der Rest verteilt sich auf andere Gebiete.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen: Können Sie definieren, wie sich Ikea auf den Handel der ganzen Region auswirkt? Haben Sie Austausch mit Branchenkollegen?

Boje: Ich habe zwar keinen direkten Kontakt, aber ich habe erfahren, dass viele von der Frequenz profitieren, die wir auslösen. Das höre ich zum Beispiel von Küchenhändlern in der Umgebung. Wir schließen eine Lücke in dem Bereich Niedrig- bis Mittelpreissegment. Es ist eine Win-Win-Situation. Es gibt ja nur wenige Schnittmengen mit anderen Bewerbern. Ikea-Kunden sind Ikea-Kunden.

Poco als Anbieter im Niedrigpreissegment will sich in Wetzlar ansiedeln, nicht weit von Ikea entfernt.

Boje: Das begrüßen wir sehr. In Kaarst, wo ich vorher das Ikea-Einrichtungshaus geleitet habe, war Poco auch nebenan. Die haben sehr bedauert, dass wir einige Kilometer weiter weg neu gebaut haben. Ich bin mir sicher, dass auch in Wetzlar beide Seiten profitieren. Das wird sich auch positiv in der Bahnhofstraße bemerkbar machen.

Die Verkehrsanbindung war vor der Eröffnung ein Riesenthema: Wie wird die Belastung durch die Fahrzeuge? Wird das mit der Anbindung klappen? Was bekommen Sie für Rückmeldungen von Kunden und Nachbarn?

Boje: Ganz am Anfang haben wir einige Mails aus der Nachbarschaft bekommen, die kritisch waren. Seither gar nicht mehr. Ich muss sagen, dass auch ich kritisch war, ob der umgebaute Gloelknoten den Verkehr aufnehmen kann. Aber es läuft, ich bin positiv überrascht. Was jetzt noch auffällt: Viele Autofahrer erkennen nicht, dass es zwei Linksabbiegespuren auf unseren Parkplatz gibt. Die meisten ordnen sich ganz links ein. Würden beide Spuren genutzt, würde der Verkehr an Spitzentagen entzerrt. Wir sind deshalb in Kontakt mit der Stadt, ob es vielleicht vorher noch eine andere Beschilderung geben könnte. Aber alles in Allem haben die Verkehrsplaner einen guten Job gemacht.

Welche Produkte laufen in Wetzlar gut, welche nicht?

Boje: Was Möbel angeht, ist eher traditioneller Stil angesagt. Landhausküchen sind gefragt, traditionelle Kommoden, dunkle Möbelfarben, obwohl deutschlandweit eher weiß im Trend ist. Viele Kunden in Mittelhessen sind ausgesprochen qualitätsbewusst. Wir verkaufen zum Beispiel deutlich mehr hochwertigere Boxspringmatratzen als anderswo. Ein Schwerpunkt der Kunden ist alles, was mit dem Bereich Wohnzimmer zu tun hat. Unser Anteil ist auch dabei deutlich höher als in anderen Märkten. Ansonsten: Jeder dritte Besucher nutzt unser Einrichtungshaus als Ort für Ideen und Inspirationen und 42 Prozent kommen zum Stöbern. Das hat eine Umfrage ergeben. Für uns sehr schön, denn die meisten finden dann doch noch etwas.

Sie sind in Hüttenberg zu Hause. Als klar war, dass Sie Chef von Ikea in Wetzlar werden, haben Sie gesagt, Sie fahren nach Jahren des Pendelns auf der Autobahn künftig mit dem Rad zur Arbeit. Tun Sie das?

Boje: Ja. Ich habe ein E-Bike und freue mich jedes Mal über den Weg zur Arbeit und zurück. Ich brauche nur sieben Minuten mehr als mit dem Auto. Aber ich gebe zu, ich bin nur ein Schönwetterfahrer.

 

MITARBEITER IN ZAHLEN

Ikea beschäftigt nach eigenen Angaben in Wetzlar 236 Mitarbeiter (Stand April 2018). Die Zahl entspricht 148 Vollzeitstellen. Zum Team gehören auch acht Menschen mit Behinderungen und ihre Betreuer, die im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe bei Ikea tätig sind. Das Unternehmen bildet in mehreren Berufen aus.


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