„Ich muss das sagen, sonst wird es vergessen“

GEschichte   Als junges Mädchen erlebt die Wetzlarer Zeitzeugin Gisela Jäckel die Reichspogromnacht vor 80 Jahren

Fast ihre ganze Familie mütterlicherseits wurde von den Nazis ausgelöscht: die Wetzlarerin Gisela Jäckel. (Foto: Freudenmann)

Frau Jäckel, am 9. November 1938 waren Sie vier Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie an die Nacht und den Tag danach?

Gisela Jäckel: Ich kann mich erinnern, dass ich am 10. November meine Oma besucht habe. Meine Oma, meine Mutter und meine Tanten saßen da und haben geweint. Sie sagten, die Polizei habe den Opa geholt. Ich bin dann zum Brodschirm hoch. Und da saß dann der Opa auf dem Lastwagen vor der Hauptwache.

Welches Schicksal widerfuhr Ihrer Familie ab 1939?

Jäckel: Mein Großvater kam zwar zunächst wieder zurück, aber 1941 wurden meine Großeltern dann aus dem Haus geholt. Ich wollte an diesem Tag zu meinen Großeltern, da standen viele Leute, auch meine Mutter. Sie hat mich weggeschickt. Und als ich später zurückkam, war das Haus versiegelt. Aber im Wohnzimmer lag noch meine Puppe und die wollte ich haben. Aber niemand machte mir auf. Aber dann habe ich erfahren, dass die Sachen meiner Großeltern – mein Großvater hatte ein Gebrauchtwarenhandel – ins Gasthaus in der Lahnstraße gebracht wurde. Ich bin hingegangen und habe meine Puppe zwischen den Möbeln gesucht. Ich habe sie aber nicht gefunden.

Was ist mit Ihren Großeltern geschehen?

Jäckel: Meine Großeltern kamen zunächst nach Frankfurt. Und 1942 meldete sich der Cousin meiner Mutter und sagte, die Großeltern würden abgeholt. Meine Mutter ist damals nach Frankfurt gefahren und hat gesehen, wie meine Großeltern abgeholt wurden. Es hieß, sie kämen in ein Altersheim in Theresienstadt. Wir haben nie mehr etwas von ihnen gehört. Meine Großeltern haben immer schon geahnt, dass so etwas passieren würde: Schon als sie noch am Liebfrauenberg wohnten, standen Koffer und Taschen im Wohnzimmer. Meine Großmutter erklärte mir damals: „Wir verreisen nach Palästina.“

Wie haben Sie reagiert?

Jäckel: Meine Mutter sagte zu mir, meine Großeltern seien verreist. Sie hat uns Kinder immer versucht zu verschonen. Das ganze Ausmaß habe ich erst registriert, als meine Mutter 1943 deportiert wurde. Sie sollte sich im Mai 1943 in Frankfurt melden, mein Vater begleitete sie bis zur Gestapo – und kam ohne sie zurück. Meine Mutter wollte bereits auf dem Weg zum Wetzlarer Bahnhof ins Wasser springen. Ich bin mal mit meinem Vater hingefahren und ich glaubte, meine Mutter auf dem Gelände gesehen zu haben. Das war das letzte Mal. Mein Vater sagte immer, sie kommt wieder. Er hat so fest daran geglaubt, bis eines Tages Post mit der Sterbeurkunde aus Auschwitz kam. Darin hieß es, meine Mutter Rosa Sara Best sei „am 21. Januar 1944 um 9.44 Uhr an Magen-Darmkatarrh verstorben“. Mein Vater hat mir den Brief erst nicht gezeigt, ich habe ihn im Schrank gefunden.

Wie haben Sie selbst als Kind den Rassismus erlebt?

Jäckel: Das war schlimm. Alle wussten dann, dass ich Tochter einer Jüdin bin. In der Schule in Büblingshausen wurde ich angefeindet, aber meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, war sehr resolut und hat immer auf mich aufgepasst. Auch wurde ich aus dem Luftschutzbunker beim Sportplatz rausgeworfen, wenn meine Großmutter nicht dabei war. Ich habe mich dann in die Hecke beim russischen Friedhof gesetzt und gesehen, wie die Tiefflieger nach Garbenheim runtergingen.

Sie wären um ein Haar ebenfalls von den Nazis deportiert worden?

Jäckel: Nach dem Krieg kamen zwei Amerikaner mit einem Care-Paket und einem Dokument. Sie zeigten uns, dass die Papiere der Nazis damals bereits fertig waren. Meine Schwester und ich sollten auch deportiert werden. Wären die Amerikaner nicht gekommen, wäre uns das gleiche Schicksal widerfahren wie meiner Mutter.

Wann haben Sie angefangen, über die Erlebnisse in der Nazi-Diktatur zu reden?

Jäckel: Das hat lange gedauert. Sehr lange. Bis zum Jahr 2000. Bis dahin habe ich geschwiegen. Ich hatte Angst. Irgendwann hat mein ältester Sohn gefragt, wie es damals war und dann fing ich an, zu erzählen. Und dann kam Klaus Petri, Lehrer am Hessenkolleg, auf mich zu und fragte, ob ich im Unterricht nicht einmal berichten könnte. Seither gehe in an Schulen oder zu Konfirmanden und erzähle von meinen Erlebnissen.

Wie wichtig ist das Sich-Erinnern heutzutage?

Jäckel: Ich habe das Gefühl: Ich muss das sagen, sonst wird das vergessen. Wer weiß das alles denn noch? Und an den Schulen sind die jungen Leute so wissbegierig, das erstaunt mich sehr.

Sie sind auch Ehrenmitglied von „Wetzlar erinnert“. In der Laudatio hieß es, Sie treten kompromisslos und mutig gegen Rechtsextremismus, Terrorismus und Rassismus ein. Ist es in unserer Gesellschaft schon wieder schwieriger geworden, seine Meinung zu äußern?

Jäckel: Davon lasse ich mich nicht beirren. Mir ist es wichtig, dass die jungen Leute wissen, was Menschen Menschen antun können.

Haben Sie Angst vor einem erneuten Rechtsruck in der Politik?

Jäckel: Nein, davor habe ich keine Angst. Ich war ja selbst viele Jahre lang Stadtverordnete in Wetzlar. Unsere demokratischen Strukturen sind sehr fest verankert. Da habe ich großes Vertrauen!

Was raten Sie heute jungen Menschen?

Jäckel: Seid tolerant, mischt euch ein, diskutiert und bleibt miteinander im Gespräch!

 

Gedenken

Zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht findet am Freitag, 9. November, eine Gedenkfeier am Platz der ehemaligen Wetzlarer Synagoge statt. Beginn ist um 16.30 Uhr. Die gemeinsame Gedenkfeier der Stadt Wetzlar und der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar findet am Ort der ehemaligen Wetzlarer Synagoge in der Pfannenstielsgasse (Rückseite Allheim Seniorenresidenz „Lahnblick“) statt. (red)

 


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