„Weil Ihr nur aufs Handy schaut!“

Aktionswoche  Dringender Appell für mehr Selbstkritik im Umgang mit digitalen Medien in der Familie

Bei den Ausstellungen am „Markt der Möglichkeiten“ ging es um die vielfältigen Möglichkeiten, mit kleinen Kindern ins Gespräch zu kommen. Bilderbücher für die von Kindern heißbeliebten, kuscheligen Vorlesesituationen standen dabei hoch im Kurs. (Foto: Bonacker)
Stefanie Höchst, Abteilungsleitung Frühe Hilfen/Kinderschutz (r.) dankte Regina Remsperger-Kehm für ihren engagierten Vortrag. (Foto: Bonacker)
Bild 1 von 2

Eine Hamburger Kinderdemo der vergangenen Woche zeugt von der hohen Aktualität des Themas, das in dieser Woche in verschiedenen Workshops und Vorträgen an Wetzlarer Institutionen behandelt wird. Veranstaltet wird die Aktionswoche vom städtischen Jugendamt/Abteilung Frühe Hilfen. Unter der Leitung von Stefanie Höchst wurde ein vielseitiges und zum Nachdenken anregendes Programm zusammengestellt, das besonders den in vielen jungen Familien unbedachten Umgang mit digitalen Medien kritisch beleuchtet.

Kinder haben ein Anrecht auf den Schutz vor Reizüberflutung, auf Zugewandtheit und körperliche Nähe

„Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr nur aufs Handy schaut!“ So demonstrierten Hamburger Grundschüler in der vergangenen Woche energisch gegen den zunehmenden Handykonsum ihrer Eltern. Sie machten damit ihrer Forderung nach der Erfüllung ihrer körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse Luft: Kinder haben nicht nur ein Anrecht auf Schutz vor Kälte, Hunger und Gefahren, sondern auch auf den Schutz vor Reizüberflutung. Sie haben ein Recht auf Zugewandtheit und körperliche Nähe durch ihre Eltern.

Gerade Letzteres gerät über die stete Ablenkung durch Handys, Tablets oder TV immer mehr ins Hintertreffen. „Das darf nicht sein!“ wandte sich Kindheitswissenschaftlerin Professor Regina Remsperger-Kehm energisch an die Besucher ihres Vortrags „Kleinkinder im Medienzeitalter begleiten“, mit dem die Aktionswoche am Samstag eröffnet wurde.

„Kinder müssen erfahren können, dass die Signale, die sie oft auch nonverbal äußern, wahrgenommen werden. Sie brauchen zugängliche, aufmerksame und feinfühlige Erwachsene!“ So zeigte die Referentin, die selbst vierfache Mutter ist, anhand alarmierender Untersuchungsergebnisse, wie schnell digitale Medien im Familienalltag zur Norm werden. Während sich viele junge Eltern nach der Geburt ihres ersten Kindes den Medien gegenüber als kritisch äußern und angeben, dass Smartphone, Tablet und Fernseher nicht zum Lebensalltag ihrer Kinder gehörten, kommt es zur dramatischen Erhöhung des Medienkonsums in den ersten fünf Lebensjahren der Kinder.

Was dabei kaum jemand im Blick zu haben scheint: Es ist nicht zuletzt unser eigener Umgang mit den Medien, der den kindlichen Alltag prägt. Wie oft lassen wir uns von eingehenden Nachrichten ablenken? Welche Mutter guckt beim Stillen nicht auch mal nebenbei fern? Dabei entgehen uns die feinen, leisen Signale der Kinder wichtige Momente in der Zeit, in der wir eine enge emotionale Bindung aufbauen sollten und wollen, so Remsperger-Kehm. Kinder lernten besonders durch Nachahmen, sie brächten den Blickkontakt zu ihren Eltern, um sich darin bestätigt zu sehen, dass ihr Tun richtig ist. Bleibt jedoch der Blick der Eltern am Handy kleben, fehlen diese essenziellen Momente der Zuwendung.

Rempserger-Kehm ist bei alledem aber Realistin: „Natürlich geht es heutzutage nicht mehr ganz ohne die neuen Medien. Was wir uns dabei aber stets kritisch vor Augen führen sollten, ist die Bedeutung, die wir ihnen beimessen.“

Sprache kann nur erworben werden, wenn man selbst angesprochen wird

Die Relevanz des Themas betonte auch Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) in seiner Begrüßungsrede, in der er den österreichisch-britischen Philosophen Ludwig Wittgenstein zitierte: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“. Sprache könne jedoch nur erworben werden, wenn man selbst angesprochen wird und in diesem Kontext stehen die Angebote der kommenden Woche unter dem Motto „Sprich mit mir!“

Die Auftaktveranstaltung wurde ergänzt um einen „Markt der Möglichkeiten“, der von verschiedenen Institutionen gestaltet wurde, die sich besonders um die jüngeren Kinder kümmern. Außerdem ist im Rathaus aktuell eine Wanderausstellung von Studierenden der Universität Marburg zu sehen, die den Einfluss digitaler Medien auf die Eltern-Kind-Beziehung kritisch beleuchtet.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2018
Kommentare (0)
Mehr aus Region Wetzlar