„Wir brauchen mehr Erzieherinnen“

INTERVIEW  Drei Kita-Leiterinnen berichten über die Lage der Kindergärten im Lahn-Dill-Kreis

„Die Kinder sind bis zu 44 Stunden pro Woche bei uns im Haus und brauchen Zuwendung, aber die Rahmenbedingungen geben es nicht her“ (von links): Dagmar Kettner, Anette Müller und Gerlinde Göhler vom Vorstand der „Arbeitsgemeinschaft der Erziehungskräfte in Kindertageseinrichtungen“ im Lahn-Dill-Kreis. (Foto: Linker)

Die AEK im Lahn-Dill-Kreis ist nach eigenen Angaben die Interessenvertretung der rund 1100 Erziehungskräfte in den Kitas im Kreis. Vorsitzende ist Dagmar Kettner, Leiterin einer Kita in Herbornseelbach, ihre Stellvertreterin Gerlinde Göhler, Kita-Leiterin in Schwalbach, und eine der Beisitzerinnen ist Anette Müller, Leiterin einer evangelischen Kita in Ewersbach.

Frau Kettner, Frau Göhler, Frau Müller, seit wann arbeiten Sie als Erzieherinnen?

Anette Müller: Ich habe jetzt mein 30-jähriges Dienstjubiläum gehabt.

Gerlinde Göhler: Ich bin seit 37 Jahren Erzieherin.

Dagmar Kettner: Seit 27 Jahren.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Göhler: Es ist schnelllebiger geworden. Die Anforderungen des Gesetzgebers haben zugenommen.

Müller: Der größte Einschnitt war der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Einjährige. Das hat die Kita-Landschaft komplett verändert.

Inwiefern?

Kettner: Früher kam ein Kind in den Kindergarten, wenn es drei Jahre alt und sauber war. Jetzt müssen die Kleinen noch gewickelt werden, sie brauchen Schlaf, sie können noch nicht laufen.

Müller: So kam für uns die Pflege hinzu.

Kettner: Und die Gruppenräume müssen anders ausgestattet werden.

Stellen Sie weitere Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten fest?

Müller: Durch die Doppelberufstätigkeit der Eltern haben wir verstärkt Kinder in der Ganztagsbetreuung. Ein gesellschaftlicher Wandel kommt immer zuerst in den Kitas an. Was sich auch verändert hat: das Spiel der Kinder. Viele kennen sich mittlerweile mit Spielekonsolen gut aus, kennen aber keine Bilderbücher mehr.

Göhler: Manche können gut mit der Computermaus umgehen, aber eine Schere nicht mehr richtig halten.

Was macht Ihnen, den Erzieherinnen, die Arbeit schwer?

Müller: Die Rahmenbedingungen. Wir sollen die Kinder gut betreuen – sie sind bis zu 44 Stunden pro Woche bei uns im Haus und brauchen Zuwendung –, aber die Rahmenbedingungen geben es nicht her.

Was meinen Sie damit?

Göhler: Die Anforderungen durch den Gesetzgeber wachsen: Dokumentation, Entwicklungsstand der Kinder bewerten, Elterngespräche führen ...

Kettner: ... dann die hohen Anforderungen beim Brandschutz und bei der Hygiene. Sie können heute beim Mittagstisch nicht mehr einfach eine Suppe auf den Tisch stellen. Da muss man so viel beachten – das ist Wahnsinn.

Und wie sollte das verbessert werden?

Göhler: Wir brauchen mehr Personal. Bildung fängt nicht erst in der Schule an.

Müller: Und wir sind am Anfang des Bildungssystems. Da muss die Politik Geld hineinstecken.

Göhler: Das Fundament ist das Wichtigste bei einem Haus.

Seit wenigen Jahren gilt in Hessen das KiföG, das Kinderförderungsgesetz. Damit sollen die Kitas nach der Zahl der Kinder gefördert werden. Was hat das Gesetz in den Kitas verändert?

Müller: Der Verwaltungsaufwand ist extrem gestiegen. Wir müssen nun den Personalschlüssel berechnen.

Kettner: Ein Kind, das unter drei Jahre alt ist, bekommt nach dem Schlüssel 0,2 Erzieher pro Woche berechnet, ein über dreijähriges Kind 0,07 Erzieher. Die Personalberechnung richtet sich nach Anzahl und Alter der Kinder. So kann der Personalbedarf von Monat zu Monat anders aussehen.

Müller: Früher wurde das Personal nach den Gruppen im Kindergarten berechnet und nicht pro Kind. Jetzt ist der Personalschlüssel für die Drei- bis Sechsjährigen viel zu niedrig. Er müsste dringend erhöht werden. Auch Dreijährige sind oft noch nicht sauber. Und ein Fünfjähriger, kurz vor der Schule, hat wiederum einen anderen Betreuungsbedarf als ein Zweijähriger.

Was bedeuten diese Personalberechnungen für die Arbeit der Erzieherinnen in den Kindergärten?

Göhler: Ihre Arbeitsverträge werden ständig verändert. Die Stundenzahl wird aufgestockt oder verringert – immer abhängig von dem berechneten Personalbedarf. Aber mit der wechselnden Stundenzahl ist keine verlässliche Bindungsarbeit bei den Kindern möglich und für uns Kita-Leiterinnen keine verlässliche Dienstplangestaltung. Das führt wieder zu Unruhe und Unzufriedenheit in den Teams. Eine Folge: Der Krankenstand steigt. Und Kita-Leiterinnen verbringen zunehmend Zeit mit der Motivation ihrer Mitarbeiterinnen.

Kettner: Es ist auf jeden Fall eine viel, viel größere Flexibilität der Mitarbeiterinnen gefragt.

Göhler: Auch die Eltern sind unzufrieden mit dem KiföG. Sie wollen Verlässlichkeit.

Kettner: Aber sie wissen nicht mehr, wer vielleicht in einem halben Jahr im Kindergarten die Bezugsperson für ihr Kind ist.

Müller: Wir sind Anwälte der Kinder, und wir sind mit der momentanen Situation in den Kindergärten nicht einverstanden.

Göhler: Unser Ziel ist: Das KiföG sollte bis Ende 2018 nachgebessert werden?

Was sollte – neben einem höheren Personalschlüssel für die Betreuung der Drei- bis Sechsjährigen – noch nachgebessert werden?

Müller: Es geht immer darum, die Qualität in den Kindergärten zu erhalten beziehungsweise zu verbessern.

Göhler: Zum einen: Die Kita-Leitung sollte nicht mehr in die Betreuung eingebunden werden, denn das sind eigentlich ausreichend Management-Aufgaben. Außerdem sollten die Zeiten für die Vor- und Nachbereitung der Betreuung angerechnet werden. Das geht bislang alles von der Betreuungszeit ab. Und es braucht hessenweit einheitliche Qualitätstandards. Bislang kann das jeder Kita-Träger selbst regeln.

Müller: Da muss mehr Verbindlichkeit durch die Politik her.

Ab August nächsten Jahres sollen in Hessen die Eltern keine Kindergartengebühren mehr zahlen müssen. Die tägliche Betreuung von bis zu sechs Stunden der drei- bis sechsjährigen Kinder soll frei sein. Eine gute Sache?

Kettner: Grundsätzlich bin ich dafür, dass Bildung so für alle Kinder zugänglich ist – unabhängig vom Einkommen der Eltern. Aber es wird Auswirkungen auf die Qualität der Arbeit in den Kindergärten haben.

Göhler: Wenn der Vormittag kostenlos ist, wird es einen großen Ansturm auf die Ganztagsbetreuung geben. Der Personalbedarf steigt, und für die Kommunen wird es teurer. Ich befürchte, es wird dann gespart und versucht, die Personalkosten zu drücken. Das Land hätte das Geld, das es in die Gebührenfreiheit steckt, in mehr Personal für die Kindergärten investieren sollen. Nach meiner Meinung ist das Ganze mit Blick auf die Kinder nicht fertig gedacht.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2017
Kommentare (1)
Was Kinder - und vor allem Jungs - mehr brauchen, sind Erzieher!
Männer in Kitas.
Gruß
Mehr aus Region Wetzlar