Alarmanlage und Polarstern

Interview  BAP-Chef Wolfgang Niedecken über seine Tournee, Fußball und die Politik

Einst spielte Wolfgang Niedecken mit BAP in einer Disco in Wetzlar. Inzwischen füllt die Band die Arenen der Republik. (Foto: Tina Niedecken)
Lang ist’s her. 2006 war BAP mit Helmut Krumminga (l.) und Niedecken schon einmal in der Arena zu erleben. (Archivfoto: Lademann)
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Am 13. Oktober macht der „Südstadt-Dylan“ mit erweiterter Band, zu der erstmals eine Bläser-Sektion gehört, in der Rittal-Arena Station. Wir sprachen mit dem 67-Jährigen über sein Idol Bob Dylan, die aktuelle Tour, Fußball, Politik und eine besondere Erinnerung an Wetzlar.

Herr Niedecken, die wichtigste Frage geht als Erstes an den Fußballfan. Was waren die Gründe für das Ausscheiden der deutschen Mannschaft?

Wolfgang Niedecken: Ich bin ja als Fußballfan leidgeprüft. Erst ist mein geliebter FC Köln wieder mal abgestiegen, dann ist die Nationalmannschaft ausgeschieden. Ich hatte den Eindruck, dass die Mannschaft total neben sich stand. So etwas an Verunsicherung habe ich selten erlebt. Leider habe ich die Vorbereitungsspiele nicht gesehen, weil wir schon auf Tour waren und auf der Bühne standen, aber da muss es ja ähnlich gewesen sein. Diese Verunsicherung führte zur Verkrampfung und sorgte dafür, dass niemand – außer vielleicht Neuer und Reus Topleistung gebracht hat.

Haben Sie Ihre Tour wegen der WM unterbrochen?

Niedecken: Ja, das machen wir eigentlich immer so. Wenn wir wissen, dass Großereignisse stattfinden, planen wir unsere Tourneen drumherum. Jetzt warten wir die Sommerferien ab, und dann geht es wieder los.

Wie lief der Tourneeauftakt im Frühjahr?

Niedecken: Sensationell – es war wirklich ein Glücksgriff, dass wir die drei Bläser dazu geholt haben. Die sind hervorragend eingeschlagen. Es ist eine wahre Pracht.

In den 80er Jahren gab es das mit „Schmal“ Boecker oder „Kalau“ Keul ja schon mal.

Niedecken: Stimmt, das war in seiner Einfachheit auch toll. Aber die aktuelle Combo ist nochmal eine andere Hausnummer. Die drei (Axel Müller, Christoph Moschberger, Franz Johannes Goltz von der „Sing-meinen-Song“-Band) sind absolute Profis, und wir freuen uns total, dass sie dabei sind. Ich kann plötzlich ganz andere Songs auf die Setliste nehmen, weil ich ganz andere Möglichkeiten habe.

Ist so ein dreistündiges Konzertprogramm „in Stein gemeißelt“? Oder wird das von Tag zu Tag aktualisiert, die Auswahl an Songs dürfte ja vorhanden sein?

Niedecken: Wir ändern immer etwas am Programm, wenn wir merken, wir haben eine bessere Idee. Wir sind sehr flexibel und nutzen oft den Soundcheck, um etwas Neues anzupacken. Wir haben angesichts unseres riesigen Repertoires natürlich ein Luxusproblem. Wenn es Ende September wieder weitergeht, werde ich vermutlich von vornherein ein, zwei Stücke auswechseln.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollten nicht zu Ihrer eigenen Coverband werden. Dennoch hat die aktuelle Setliste einen Hauch von „Greatest Hits“.

Niedecken: Es macht keinen Sinn, ausschließlich „Best of“ zu spielen. Wer nur ein Hitfeuerwerk abfeuern will, landet irgendwann im Kirmeszelt. Ich will auch keine Musiker, die nur ihren Vertrag erfüllen, sondern Leute, die mitdenken und mitreden. Auch die sollen sich verwirklichen.

Wie schafft man es, nach über 40 Bandjahren noch voller Begeisterung einen Hit wie „Waschsalon“ auf die Bühne zu bringen?

Niedecken: Das ist tatsächlich nicht ganz so leicht. Dieses lustige Lied haben wir eine Zeit lang nicht mehr gespielt, weil wir selbst nicht mehr drüber lachen konnten. Auf die Idee, es wieder ins Programm zu nehmen, bin ich gekommen, weil jetzt die Bläser am Start sind. Mir schwebte eine Version vor, die so etwas wie eine Chuck-Berry-Hommage ist. Wir haben es probiert, und es macht wieder riesigen Spaß.

Gab es bei der Programmplanung Überraschungen? Welche Songs haben es auf die Setliste geschafft, denen Sie das nicht zugetraut hätten?

Niedecken: Da ist zum Beispiel „Suwiesu“ vom „Aff un Zo“-Album. Dieses Lied haben wir nur einmal in einem Konzert gespielt und festgestellt, dass ich es live in der ursprünglichen Tonart nicht schaffen kann. Weil es aber auf meinem Familienalbum „Reinrassije Strooßeköoter“ in einer tieferen Tonart drauf ist, haben wir es nochmal in einer ganz leisen Version probiert. Und siehe da: Es funktioniert sensationell. Ich singe dieses Lied für meinen Vater – und anschließend kommt „Verdamp lang her“. Das ist dramaturgisch nicht zu toppen – das geht von ganz klein bis ganz groß.

Zu den Tourorten im Herbst zählt auch Wetzlar. Dort haben Sie auch an der einen oder anderen Steckdose gespielt – gibt es spezielle Erinnerungen?

Niedecken: In der Tat. Wir haben in unseren früheren Jahren mal in einer Wetzlarer Diskothek gespielt, die im ersten Stock lag. Darunter war ein Schuhgeschäft. Die Leute haben derart getobt und sind gehüpft, dass durch die Erschütterungen im Erdgeschoss die Alarmanlage ansprang. Plötzlich standen Polizei und Feuerwehr auf der Matte. Das sind Erlebnisse, die man nie vergisst.

Sie gehen interessanterweise ohne aktuelle CD auf Tour, das Familienalbum erschien bereits 2017.

Niedecken: Das ist kein Problem, weil alles, was ich mache, sowieso zum BAP-Repertoire gehört, und es gibt offensichtlich ein Publikum, das eine gewisse Menge an Stücken aus alten Tagen hören will. Das kann ich keinem verübeln. Unsere Aufgabe ist es, abzuwägen, dass wir jedem gerecht werden und alle etwas davon haben. Tatsächlich ist es so, dass niemand nach zweieinhalb Stunden geht. Alle bleiben dreieinviertel Stunden, weil sie Angst haben, etwas zu verpassen.

Im Auftrag des Senders ARTE waren Sie unter dem Motto „Bob Dylans Amerika“ auf den Spuren Ihres Idols unterwegs. Was waren die prägenden Eindrücke?

Niedecken: Es war eine wunderschöne Zeit – so was erleben zu dürfen, war toll. Es hat großen Spaß gemacht, vier Wochen durch die USA zu reisen und dermaßen viele interessante Menschen zu treffen. Wenn man mich heute anrufen würde mit der Nachricht „morgen fahren wir wieder los“, dann würde ich sofort die Koffer packen.

Bob Dylan ist eine besondere Person für Sie?

Niedecken: Das stimmt, ich habe ihn mal als meinen Polarstern bezeichnet, an dem ich mich in vielen Fragen orientiere. Er hat für mich eine ähnliche Bedeutung wie Heinrich Böll, zu dem ich ein sehr vertrautes Verhältnis hatte. In verschiedenen Lebenssituationen frage ich mich heute noch: „Wie würde sich eigentlich der ‚Hein‘ in dieser Situation verhalten?“

Was motiviert Sie noch dazu, auf Tour zu gehen und die Strapazen auf sich zu nehmen?

Niedecken: Ich lebe auf die Tour hin. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, nur noch Platten zu machen und nicht auf Tour zu gehen. Ich freue mich auf jeden Auftritt. Auf der Bühne tue ich genau das, wofür ich angetreten bin. Ich bin ein altes Zirkuspferd. In diesen drei Stunden auf der Bühne hab ich meine Ruhe – das ist wunderbar.

Aber nur Genuss ist das Touren ja sicher auch nicht?

Niedecken: Nein, manchmal sind gewisse organisatorische Angelegenheiten schwierig. Auch die Fahrerei durch die Gegend kann nerven. Ich hab ja schon vor vielen Jahren in „Frau ich freu mich“ gesungen: „Wat an ner Autobahn romantisch ess, do bleck ich noch nit hinger“. Deutschlands Autobahnen kenne ich mittlerweile wirklich auswendig. Kürzlich bin ich nach einem Auftritt in der Talkshow „3 nach 9“ auf der Rückfahrt von Bremen nach Köln im Auto eingeschlafen – als ich aufwachte und aus dem Fenster sah, wusste ich unmittelbar, wo ich war.

Sie sind ein sehr politischer Mensch. Wie bewerten Sie den aktuellen Streit zwischen CDU und CSU und den Zustand unseres Landes?

Niedecken: Ich finde es absolut verantwortungslos, was da läuft. Als ob diesen Leuten nicht bewusst wäre, wie wichtig der Zusammenhalt in Europa ist. Da wird ein blödes Wahlergebnis über die Interessen der europäischen Einheit gestellt.

Wenn wir es nicht schaffen, wenigstens das Europa der Willigen hinzukriegen, dann wird es problematisch. 2022 wird in Frankreich und Deutschland wieder gewählt. Wenn man sich nicht alle Mühe gibt in Europa, dann lassen wir in Frankreich den „Front national“ und in Deutschland die AfD ans Ruder. Alle Demokraten müssen zusammenstehen. Die CSU ist da leider furchtbar egoistisch, bloß weil sie der AfD die Stimmen abjagen will. Die stellen sich einfach doof – das ist ein scheinheiliges Verhalten.

BAP spielt am Samstag, 13. Oktober, 20 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) in der Rittal-Arena in Wetzlar. Karten kosten zwischen 59,90 und 37,90 Euro.


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