Angriff auf die Innenstadt

Gutachten sieht Auswirkungen von Pohlheimer Outlet kritisch

75 bis 85 Millionen Euro will das spanische Unternehmen Neinver in das Factory Outlet Center (FOC) namens „The Style Outlet“ im Pohlheimer Stadtteil Garbenteich und dort in das Gewerbegebiet Ost investieren.

Das FOC bedeutet eine Gefahr für die Zentren der Nachbarstädte. Das ist das Ergebnis einer Auswirkungsanalayse der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA), die von der Stadt Gießen in Auftrag gegeben wurde. Demzufolge käme es zu einer Umsatzumverteilung von bis zu 84 Millionen Euro. Dieses Geld würde an anderer Stelle abgezogen, prognostiziert Holger Hölscher, Leiter des Gießener Stadtplanungsamtes. Allein der Einzelhandel zwischen Marburg und Friedberg verliere damit 42 Millionen Euro. Knapp 20 Millionen Euro entfielen auf den Einkaufsstandort Gießen.

„Das hätte gravierende Auswirkungen auf die Innenstädte in unserer Region. Nicht nur auf die Oberzentren Gießen, Marburg und Wetzlar, sondern auch auf Mittelzentren wie Lich, Grünberg, Butzbach und Hungen“, meint Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD).

Diese Ansicht wird auch in Wetzlar und im Lahn-Dill-Kreis geteilt. „Ein FOC in der Peripherie in Pohlheim wird die Innenstädte schädigen“, sagt Rainer Dietrich, Leiter der Wirtschaftsförderung der Stadt Wetzlar und Geschäftsführer des Stadt-Marketings. Im Schulterschluss mit Gießen und Marburg würden die Pläne abgelehnt – ungeachtet der Genehmigungschancen.

Laut Regionalplan darf großflächiger Einzelhandel – und damit auch ein FOC – nur in Oberzentren angesiedelt werden, um deren zentrale Funktion zu stärken. „Wenn man sich an den Regionalplan hält, ist ein FOC in Garbenteich ausgeschlossen“, so Dietrich. Weil damit den Zielen des Regionalplans widersprochen würde, sähe Grabe-Bolz in der FOC-Ansiedlung gar einen „aggressiven Akt gegen die Stadt Gießen und die Region.“

Dafür bräuchte es ein Abweichungsverfahren vom Regionalplan, Pohlheim müsste eine zentralörtliche Funktion zuerkannt werden und die Mehrheit der Regionalversammlung zustimmen, erklärte der Wirtschaftsdezernent des Lahn-Dill-Kreises, Wolfram Dette (FDP). Dass dies der Fall sein werde, könne er sich nicht vorstellen. Grundvoraussetzung für das Abweichungsverfahren wäre, dass die Pohlheimer Stadtverordneten grünes Licht für das FOC geben, doch in Pohlheim steht voraussichtlich erst einmal ein Bürgerentscheid an (siehe Infokasten).

Bei Bekleidung, Sportartikeln und Schuhen drohen Umsatzeinbußen von fünf bis 17 Prozent

Für grundsätzlich „problematisch“ hält Dette ein FOC in Garbenteich auch deshalb, weil der bestehende Einzelhandel damit gleich aus zwei Richtung unter Beschuss geraten würde. Zum einen durch das Internet, zum anderen, weil aktuelle Bemühungen der Innenstädte um Einkaufserlebnis-Konzepte torpediert würden. So werde es gerade für kleinere und mittlere Kommunen immer schwieriger, lebendige Zentren zu entwickeln, so Dette

Da noch kein Konzept für das FOC vorliegt, hat die GMA anhand von Modellrechnungen vergleichbarer Outlets des Investors Neinver ermittelt, dass in der häufig vertretenen Warengruppe Bekleidung, Sportartikel, Lederwaren und Schuhe Umsatzeinbußen von fünf bis 17 Prozent zu erwarten seien. Grundlage hierfür sind Kalkulationen, wonach sich die Verkaufsdichte im geplanten Outlet mit einer Fläche von 1,4 Hektar bei 6000 Euro pro Quadratmeter bewegt. Eine weitere Variante geht von 5000 Euro pro Quadratmeter aus. Der Umverteilungseffekt ist hier folglich geringer.

Die Gießener Innenstadt wäre wegen der größten Markenüberschneidung am stärksten betroffen. Stadtplanungsamtsleiter Hölscher sprach von einer „städtebaulichen Schädigung“, diese trete laut Rechtsprechung bei einer Umsatzumverteilung von zehn Prozent ein. Gerade kleine inhabergeführte Geschäfte wären in ihrer Existenz gefährdet.

Eine gänzlich andere Position vertritt Sebastian Sommer. Der Deutschlandchef von Neinver hatte bereits vor Monaten erklärt, dass aus Erfahrung an anderen Standorten die meisten FOC-Kunden aus einem Umkreis von 60 bis 120 Autominuten anreisen. Dies führe zu zusätzlicher Kaufkraft und könne ein Gewinn für die gesamte Region werden, denn sechs bis 18 Prozent der Outlet-Kunden würden auch die jeweiligen Innenstädte besuchen.

 

Mit Unterschriften zum Bürgerentscheid:

Gegner des geplanten Factory Outlet Centers (FOC) in Pohlheim haben der Stadt eine Unterschriftensammlung überreicht, mit der sie das Projekt stoppen wollen. Sie dient dazu, einen Bürgerentscheid gegen das Vorhaben auf den Weg zu bringen. Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann (CDU) nahm in dieser Woche die Liste mit mehr als 2600 Unterschriften entgegen. Damit seien genügend Stimmen für die weiteren Schritte zusammengekommen – erforderlich waren mindestens 1388 Unterschriften. Als nächstes muss die Kommune die Liste überprüfen, am Ende die Stadtverordnetenversammlung grünes Licht für das Votum geben. Die Entscheidung wird im Mai erwartet.
Erste Planungen für das FOC hat die Stadt Pohlheim bereits angestoßen. Die Kommune verspricht sich neue Arbeitsplätze und zusätzliche Steuereinnahmen. Die Gegner, die sich in einer Bürgerinitiative engagieren, sorgen sich vor Belastungen durch Lärm und Verkehr. (lhe)

 

Shoppen auf 14 000 Quadratmetern

75 bis 85 Millionen Euro will das spanische Unternehmen Neinver in sein „The Style Outlet“ im Gewerbegebiet Ost in Pohlheim-Garbenteich investieren. 90 Kilometer von Montabaur und 135 Kilometer von Wertheim plant die Nummer zwei im europäischen Outlet-Markt eine Shopping- und Erlebniswelt mit 14 000 Quadratmetern Verkaufsfläche für bis zu drei Millionen Kunden. Darüber hinaus ist an eine touristische Komponente gedacht, an einen Freizeitpark mit Marktplätzen, Cafés, Themenwelten und Hotel. Für alles zusammen stehen bis zu 40 Hektar zur Verfügung stehen, die schon vorab gesichert worden seien.
Unter der Marke „The Style Outlet“ ist Neinver bereits an mehreren Standorten in Europa und Deutschland präsent, unter anderem in Montabaur. Vertreten sind dort in aller Regel Edelmarken wie Armani und Nike, Escada, Diesel, Boss oder Versace. Hessen ist, was Outlet-Center angeht, noch immer ein weißer Fleck. Das möchte Neinver ändern.

 


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Kommentare (1)
Eine Absage des outlet Centers wird nicht verhindern, daß mündige Bürger in andere Outlet Center fahren oder im Internet bestellen. Die Attraktiviät der Städte und des Einkaufens vor Ort muß durch andere Konzepte mehr
realisiert werden. Diese zu entwickeln überschreitet die Fähigkeiten unserer Politiker aber gewaltig. Noch nicht einmal das Abgucken und Kopieren von Beispielen 'attraktiver Innenstädte' gelingt ihnen. Durchgangsverkehr raus, ruhige Plätze und attraktive Füßgängerzonen schaffen. Statt dessen haben wir Durchgangs- Staus, Baustellen häßlicher Wohnsilos (mit überhöhten Mieten),und unsichere Rad- und Fußgängerwege. Das sind die Gründe, weshalb ich den Einkauf vor Ort in Mittelhessen meide und lieber attraktivere Möglichkeiten nutze. Mit oder ohne Outlet in Garbenteich.
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