Bei Schlaganfall zählt jede Minute

Gesundheit  Oberarzt Sebastian Gertoberens berichtet über Frührehabilitation

Oberarzt Sebastian Gertoberens erklärte die Probleme bei einem Schlaganfall. (Foto: Volkmar)

Das sagte Sebastian Gertoberens, Oberarzt an der BDH Neurologischen Klinik Braunfels. Der Neurologe sprach in der Reihe „Gesund! vor Ort“ zum Thema „Intensivstation und dann? Durch Frührehabilitation zurück zum Leben“. Eingeladen hatten die Klinik und diese Zeitung.

Der Schlaganfall ist eine Störung der Gehirnfunktion aufgrund einer plötzlichen Minderversorgung. Die Zellen werden nicht mehr ausreichend mit sauerstoffhaltigem Blut versorgt. Die Folge: ein rasantes Absterben der Gehirnzellen, die nicht mehr zu ersetzen sind.

Gertoberens betont, dass der Schlaganfall ein Notfall ist, bei dem jede Minute zählt. Bei Symptomen wie Seh- oder Sprachstörungen, Schwindel oder Gesichtslähmung sollte sofort die 112 angerufen werden. Warten kann folgenschwer und sogar tödlich sein.

Rund 180 000 Menschen erleiden ein Schädel-HirnTrauma und über 80 000 einen Herzstillstand, beides häufig mit schweren Hirnschäden einhergehend. Viele Patienten werden nach der Erstversorgung auf der Intensivstation weiterbehandelt. Die Zahlen der schweren neurologischen Erkrankungen nehmen zu, nicht nur bei über 65-Jährigen.

Der akute Schlaganfall kann häufig effektiv behandelt werden. Neben intravenös verabreichten Medikamenten, die ein Blutgerinnsel auflösen, kann über Katheter das Gerinnsel mechanisch entfernt werden. Hierfür ist eine Intubation und maschinelle Beatmung in der Regel notwendig. Der akute Schlaganfall geht oft mit Komplikationen wie Lungenentzündung, Herzrhythmusstörung und Kreislaufinstabilität einher, die eine intensivmedizinische Behandlung erfordern.

In der BDH Klinik Braunfels stehen zehn Plätze mit Beatmungsmöglichkeit auf der Intensivstation und 24 monitorüberwachte Frührehabilitationsbetten zur Verfügung. Insgesamt werden über 300 schwerstbetroffene Patienten in diesem Bereich der Klinik behandelt.

Nach der Akutbehandlung und Stabilisierung wird schnellstmöglich mit der neurologischen Frührehabilitation begonnen, sie soll die Lücke bis zu einer klassischen Rehabilitation schließen, die für die schwer beeinträchtigten Patienten zu früh käme. „Ein multiprofessionelles Team von Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten betreut die Patienten auf einem möglichst frühzeitigen Weg zurück ins Leben“, so der Neurologe, der von oft kleinen Schritten des Fortschritts berichtete.

„Rund 30 Prozent der Schlaganfallpatienten verlassen die Klinik ohne größere Defizite.“

„Wir versuchen, ausgefallene Funktionen wieder zu aktivieren und durch gezielte Therapien dazu beizutragen, dass andere Gehirnzellen die Funktionen der abgestorbenen übernehmen.“

„Es gibt Fälle, die bis zu 40 Tage intensiv behandelt werden, bis sie auf eine Normalstation verlegt werden können“, so der Mediziner, der auch weiß, dass rund 70 Prozent der Patienten mit schwerem Schlaganfall Einschränkungen beibehalten.

„Ein Grund, warum wir auch die Angehörigen über den Verlauf der Krankheit informieren und Gesprächstherapien anbieten. Auch mit dem Hausarzt stehen wir im ständigen Kontakt.“ Es gibt aber auch Patienten mit einer schweren Hirnschädigung, die komatös oder im Wachkoma bleiben und künstlich beatmet und ernährt werden müssen.

Die weitere Therapie und Versorgung berücksichtigt den Willen des Patienten, der unter Umständen in einer Patientenverfügung festgelegt ist und bei anhaltender Bewusstseinsstörung die Beendigung der Ernährung und Beatmung bedeuten kann. In diesen Fällen kann aus der Frühreha eine Sterbebegleitung werden. Für diese Grenzsituationen hat die Klinik ein Ethik-Komitee, dem neben Medizinern und Pflegenden Therapeuten und Seelsorger angehören.

Am Ende hatte der Oberarzt noch eine gute Nachricht: „Rund 30 Prozent der Schlaganfallpatienten verlassen die Klinik ohne größere Defizite.“


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