Buh-Rufe und Pfiffe für die Busch-Attacke

ÜBERNAHMEPOKER Beim Aktionärstreffen von Pfeiffer Vacuum kommt es zum direkten Schlagabtausch mit dem Kaufinteressenten

Viel zu diskutieren: Mit einem Rekordbesuch und einer Rekordlänge von fast sechs Stunden ging die Hauptversammlung von Pfeiffer Vacuum über die Bühne. (Foto: Gross)

Aufsichtsratschef Michael Oltmanns (l.) geht, Wolfgang Dondorf (r.) soll nach dem Willen der Busch-Gruppe für Wolfgang Lust nachrücken. Dondorf war bis 2007 Vorstandschef. (Archivfotos: Gross/Pfeiffer Vacuum)

Vorstandschef Manfred Bender Pfeiffer Vacuum (Foto: Gross)

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Aktionäre von Pfeiffer Vacuum sind harmonieverwöhnt. Dass es diesmal bei der Hauptversammlung des Aßlarer Vakuumspezialisten, traditionell abgehalten in der Stadthalle Wetzlar, mit dem bloßen Abnicken hervorragender Geschäftszahlen nicht getan sein würde, war den meisten jedoch schon im Vorfeld klar. Vom „Showdown“ zwischen Pfeiffer Vacuum und der Busch-Gruppe war die Rede gewesen. Der Übernahmekampf sorgt seit Monaten für Schlagzeilen.

Am Dienstag kam es zum ersten öffentlichen, fast sechstündigen Aufeinandertreffen der Kontrahenten. Entsprechend groß fiel das Interesse aus, gut 600 Aktionäre machten sich auf den Weg und sorgten für eine Rekordpräsenz von über 67 Prozent der Pfeiffer-Anteile.

Viel Mut bewiesen: Vorstellung und Rede von Firmenchefin Ayla Busch wurde mehrfach unterbrochen

Dass die Sympathien der vielen Kleinstaktionäre zunächst fast ausschließlich auf Seiten des Übernahmekandidaten lagen, wurde schnell deutlich. So gehörte einiges an Mut dazu, als Ayla Busch, eine der geschäftsführenden Gesellschafterinnen des gleichnamigen Schwarzwälder Familienunternehmens, ans Rednerpult trat, um die Busch-Gruppe, ebenfalls im Vakuummarkt tätig, vorzustellen und für ihr Angebot zu werben. Ihre Rede wurde mehrfach von Buh-Rufen und Pfiffen unterbrochen.

110 Euro bietet die Busch-Gruppe den Pfeiffer-Anteilseignern in einem zweiten Anlauf für jede Aktie an. Der Tageskurs betrug am Dienstag zeitweise 125 Euro. Vorstand und Aufsichtsrat von Pfeiffer Vacuum hatten den Preis wie schon beim ersten Übernahmeversuch als unangemessen abgelehnt und Busch vorgeworfen, es ohne strategisches Konzept auf die Kontrolle über Pfeiffer Vacuum abgesehen zu haben. Aktuell hält Busch knapp über 30 Prozent. Ayla Busch erwiderte nun, sie könne diese Vorwürfe nicht nachvollziehen. Die Wurzeln der Busch-Gruppe in Baden reichten bis ins 19. Jahrhundert zurück. Mit 3000 Mitarbeitern weltweit in 40 Gesellschaften und 60 Ländern sei Busch bis heute ein Familienunternehmen. „Wir denken in Generationen“, sagte die Firmenchefin, die gemeinsam mit ihren Brüdern Sami und Kaya und den Eltern Karl und Ayhan die Fäden in der Hand hält.

Ayla Busch warnte, dass sich der Vakuum-Markt zuletzt „dramatisch konsolidiert“ habe. Es gehe bei der Übernahme darum, dass Busch und Pfeiffer Vacuum auch künftig die Nummer zwei und drei der Branche bleiben. Zur Kritik am Angebotspreis erklärte Ayla Busch, dass der Kurs der Pfeiffer-Aktie stets stark schwanke. Zuletzt sei der Kurs durch das Übernahmeangebot getrieben worden. 110 Euro seien deshalb fair. Bei einem Misserfolg drohe nach Ablauf der Angebotsfrist Ende Juni der Kurssturz.

Starke Zweifel meldete Ayla Busch an der Unabhängigkeit von Aufsichtsratschef Michael Oltmanns an. Die Kanzlei des Rechtsanwalts habe viel Geld mit Aufträgen von Pfeiffer Vacuum verdient, unter anderem bei der Abwehr der Übernahme. Deshalb wurde beantragt, dass die Entlastung von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern in Einzelabstimmung erfolgt.

Dieser Vorwurf, der zwar von Vorstandschef Manfred Bender und Oltmanns selbst entkräftigt werden konnte, sorgte zusammen mit der Tatsache, dass Oltmanns schon viele Jahre den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden innehat, für einen gewissen Stimmungsumschwung bei den Aktionären. Bei der Einzelabstimmung lehnten 51,49 Prozent die Entlastung für Oltmanns ab. Alle übrigen Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder wurden mit mindestens 97 Prozent Zustimmung entlastet.

Rechtliche Folgen wird die versagte Entlastung keine für Oltmanns haben. Der Aufsichtsratschef reagierte relativ gelassen. „Wären alle Aktionäre anwesend gewesen, wäre ich entlastet worden“, sagte er.

Vielen, zum Teil unangenehmen (Detail)Fragen, unter anderem von Wolfgang Schärfe von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und von Busch-Anwalt Christoph Seibt sah sich der Vorstand im Anschluss ausgesetzt. Dabei drehte es sich um Oltmanns, die Rechnungsprüfer und viele einzelne Posten des Geschäftsberichts 2016. Mit „Aufhören!-“ und Buh-Rufen reagierten darauf immer wieder die versammelten Aktionäre. Überraschend trat auch Wolfgang Dondorf ans Rednerpult, der Pfeiffer Vacuum 1996 an die Börse geführt hatte und bis 2007 Vorstandchef war, als er die Leitung an Manfred Bender übergab. Die Geschäftsentwicklung bei Pfeiffer Vacuum habe ihm in den vergangenen Jahren immer wieder Sorgen bereitet, vor allem seit der Übernahme des einstigen französischen Konkurrenten Adixen im Jahr 2011. Nicht einverstanden war der Pensionär und Aktionär mit der Gehaltsentwicklung des Vorstands. Diese sei seit seinem Ausscheiden bis 2016 um 55 Prozent auf 1,7 Millionen Euro für das Führungsduo gestiegen. Das stehe in keinem Verhältnis zur Geschäftsentwicklung, kritisierte Dondorf. Er mahnte vor allem seinen Nachfolger Manfred Bender, dass dieser den Kunden, Mitarbeitern und Aktionären verpflichtet sei und nicht die Aufgabe habe, die Aktionäre (Busch) aus persönlichem Interesse auszuwählen oder abzulehnen.

Bei all diesen turbulenten Szenen ging beinahe unter, dass Pfeiffer Vacuum im Vorjahr eines der erfolgreichsten Geschäftsjahre in der Unternehmensgeschichte hatte. Der Umsatz stieg um fünf Prozent auf 474,2 Millionen Euro. Die eigene Prognose wurde damit um 4 Millionen Euro übertroffen. Das Betriebsergebnis legte um knapp 12 Prozent auf 68 Millionen Euro zu. Auch die EBIT-Marge fiel mit 14,3 Prozent stärker als im Vorjahr aus. Das Ergebnis je Aktie beträgt 4,77 Euro – gut 12 Prozent mehr als 2015. Am Jahresende verfügte das Unternehmen über knapp 110 Millionen Euro flüssige Mittel. Teile davon sollen für weitere Unternehmenszukäufe genutzt werden.

Durch die Fortschreibung selbst auferlegten GAP-Programms hätten Wachstum und Profitabilität deutlich erhöht werden können, sagte Bender. Diese Strategie soll als „GAP reloaded“ bis 2020 fortgeschrieben werden. Zugelegt hatte Pfeiffer Vacuum vor allem im vierten Quartal im Halbleitermarkt, regional gesehen wuchs der asiatische Markt am stärksten.

Beschlossen: Anteilseigner dürfen sich über eine Dividende von 3,60 Euro freuen

Die positive Entwicklung wird nach Einschätzung des Vorstands mindestens für die Jahre 2017 und 2018 anhalten. Die Umsatzerwartung für das laufende Jahr liegt nach einem abermals überaus erfolgreichen ersten Quartal bei 520 bis 540 Millionen Euro.

Die Aktionäre durften sich schließlich ebenfalls über den Erfolg ihres Unternehmens freuen. Beschlossen wurde eine Dividende von 3,60 Euro je Aktie, damit werden 76 Prozent des Nettogewinns ausgeschüttet. Bender sprach von einem „deutlichen Beweis für die Attraktivität von Pfeiffer Vacuum und einer Langfristperspektive, die das Unternehmen bietet“. Als eigenständiges und unabhängiges Unternehmen. Die Busch-Offerte nannte Bender einen „feindlichen Übernahmeversuch“. Wie es nach dem Ablauf der Angebotsfrist weiter gehe, müsse man sehen.


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