"Charly & Lotte" - Wie alles begann

TRAUERARBEIT Kinder brauchen eine Stütze, wenn ihre Welt zusammenbricht

Die Herzen von Petra Gießler (v.l.), Monika Stumpf und Annette Schütz hängen an "Charly & Lotte"- seit fast drei Jahren. Damit das so bleibt, widmet sich "Helft uns helfen" dem Projekt. (Foto: Berns)

Julia will seitdem lieber alleine sein, denn wer weiß, ob dieser blöde Himmel nicht auch noch Papa oder Oma holt.

Kinder, deren Welt zerbricht, die sich zurückziehen und Ängste entwickeln, weil ein Mitglied der Familie verstorben ist oder plötzlich schwer beziehungsweise unheilbar erkrankt - dieses Szenario erlebte Monika Stumpf, Leiterin des Haus Emmaus, häufig. Seit zwölf Jahren begleitet sie in dem Wetzlarer Hospiz Menschen auf ihrem letzten Weg. Ihr ist wichtig: "Uns geht es auch um die Angehörigen unserer Gäste, denn Hospizarbeit heißt, Menschen in Krisen begleiten." Und diese Krisen betreffen immer wieder Kinder und Jugendliche. Doch oft blieben sie außen vor, eine spezielle Trauerarbeit gab es nicht. Für Stumpf kristallisierte sich heraus: "Wir müssen auch für Kinder und Jugendliche eine fundierte Trauerarbeit anbieten."

Das Problem: "Eine professionelle Trauerbegleitung aufzubauen bedeutet viel Arbeit und einen hohen finanziellen Aufwand", erläutert die Hospizleiterin. Es war daher ein glücklicher Zufall, dass der Frauen-Lions-Club Wetzlar Charlotte Buff vor einigen Jahren auf das Hospiz zukam und für ein konkretes Projekt spenden wollte. Monika Stumpf zeigte der heutigen Lions-Präsidentin Annette Schütz die dringende Notwendigkeit einer Trauergruppe für Kinder und Jugendliche auf.

T-Shirts bildeten den Startschuss

In der Folge konnte sie sowohl Schütz als auch die anderen Mitglieder der Lions überzeugen. So starteten die Frauen eine Spendenaktion: Sie malten sich selbst, so wie sie sich sehen. Die Porträts wurden auf T-Shirts gedruckt, diese wiederum im Modehaus Beck in Wetzlar verkauft. 380 Exemplare gingen über den Ladentisch. "Das war für uns der Startschuss, mit Charly & Lotte zu beginnen", sagt Stumpf. Sie lud Fachleute aus dem Lahn-Dill-Kreis ein und stellte das Projekt vor.

Von anfänglich 50 Personen blieben 26, die Interesse an einer Mitarbeit hatten. Heute arbeiten regelmäßig 15 Ehrenamtliche bei "Charly & Lotte" mit. Alle Beteiligten hatten schon vorher Erfahrungen in der Hospizarbeit gesammelt. Trotzdem sei es manchmal ein hartes Ringen gewesen, denn es galt, viele Vorstellungen und Konzepte so umzusetzen, dass es für alle passt, erzählt Stumpf. Möglich war dies auch deshalb, weil sich alle zumindest in einem Punkt einig waren: Die Arbeit soll qualitativ hochwertig sein.

Das schließlich ausgearbeitete Konzept, bestehend aus Beratungstelefon, Trauergruppen und Einzelbetreuung, überzeugte nicht nur die Mitstreiter und die Betroffenen. 2014 startete das Projekt auch dank der Anschubfinanzierung der Glücksspirale durch. Diese ermöglichte es auch, Mitarbeiter fest für das Projekt anzustellen.

Zu diesen gehört auch Petra Gießler, die als hauptamtliche Koordinatorin für "Charly&Lotte" zuständig ist. Sie koordiniert die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, geht zum Erstgespräch mit den Familien, ermittelt Bedürfnisse und vermittelt den Kontakt zu den ehrenamtlichen Trauerbegleitern. "Wichtig ist, dass jeder Abschied nehmen darf. Trauer ist ein menschliches Grundbedürfnis. Trauern bedeutet auch, mit etwas abzuschließen, damit etwas Neues beginnen kann. Nicht gelebte Abschiede begleiten gerade Kinder ein Leben lang. Wir helfen, dass solche Abschiede gelingen", erklärt sie ihre Motivation.

Vielen Kindern haben sie und das Team von "Charly & Lotte" mittlerweile geholfen. "Jeder hat Träume, aber wenn viele gemeinsam träumen, dann wird es Wirklichkeit", sagt Monika Stumpf heute über "Charly & Lotte".


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