Da steckt Humor in jeder Note

Die "MozART Group" unterhält in der Stadthalle 550 Festspielbesucher
Auch mit Tischtennis-Ball und -Schläger lässt sich es trefflich musizieren. Foto: Deck

Denn wenn zum Auftakt zunächst nur drei Streicher auf der Bühne Platz nehmen und bereits ohne ihren vierten Mann zu musizieren beginnen, steht fest: Hier hat der Slapstick ein Wörtchen mitzureden. Und schon poltert der Cellist gehetzt dazu, um seinen Part in dreifachem Tempo nachzuholen und sich dennoch als Erster zu feiern.

Doch bei allem Klamauk stellten Filip Jalar (1. Violine), Michał Sikorski (2. Violine), Paweł Kowaluk (Viola) und Bolesław Błaszczyk (Cello) klar, dass sie hochvirtuose, versierte, erfahrene und bestens ausgebildete Musiker sind, die vor diesem sicheren Hintergrund auch kabarettistisch überzeugen können und dürfen, ohne lächerlich zu wirken.

Thematisches Zentrum des Abends war, um bei der Klassik und dem Namensgeber zu bleiben, Wolfgang Amadeus Mozart. So erklang dessen Serenade Nr. 13 (KV 525), besser bekannt als "Eine Kleine Nachtmusik". Doch was kann man nicht alles mit dem Allegro der Serenade anstellen? Warum soll diese mozartsche Unterhaltungsmusik nur in die Kategorie "Ernste Musik" passen? Warum soll die Symmetrie und strenge Form des bekannten Anfangsmotivs nicht aufgebrochen werden?

Ohne Umschweife deklinierte das Quartett das Hauptthema des Allegro – nach dem Motto "Eine kleine Weltmusik" – nacheinander im Country-und-Western-Stil, als alpenländischen Jodler, in jiddischer Folklore und als Flamenco durch – und trug dazu stets einen passenden Hut.

In diesem Kosmos, der doch mit dem vierten Satz der "Kleinen Nachtmusik" adrett beschlossen wurde, taten sich immer wieder die Lachmuskeln der 550 Zuhörer strapazierende kleine Galaxien der leichten Klassik auf. Die sind nicht nur von Mozart bewohnt; auch Komponisten wie Beethoven, Brahms, Ravel, Chatschaturjan, Pachelbel, Gershwin und Tschaikowsky haben bekannte Werke geschrieben, die mal so richtig mit anderen Stilen gekreuzt, in anderem Kontext betrachtet oder ausgereizt werden wollten.

Da verkündete eine Stimme aus dem Off, der Rock ’n’ Roll sei ein Kind des 18. Jahrhundert. Und schon scheinen in Bachs d-Moll-Toccata der "Jailhouse Rock" von Elvis und in Strauß’ "An der schönen blauen Donau" Bill Haleys "Rock around the clock" durch.

Tierstimmen bei Grieg und der Klang des Nebelhorns bei "Titanic"

Die Musiker kommen auch gut ohne viele Requisiten aus. Vor allem nutzen sie ihre Instrumente in voller Bandbreite aus. Zur Ouvertüre aus dem "Barbier von Sevilla" wird rhythmisch auf den Instrumenten geklopft und mit den Füßen gesteppt. Bei Zitaten aus Rodrigos "Concerto de Aranjuez" und dem "Speedy Gonzales"-Schlager werden die Streichinstrumente zu spanischen Gitarren oder bei "Kalinka" zu Balalaikas umfunktioniert.

Mit Edvards Griegs "Morgenstimmung" erwachten auch so manche Tiere. Der Kuckucksruf erklingt, Enten ziehen schnatternd vorbei, eine Kuh muht und die Schweine grunzen – und alle zusammen bilden die Begleitung der "Tritsch-Tratsch-Polka". Die "Titanic"-Persiflage, bei der zum instrumental angespielten Song "My heart will go on" krächzende Möwen (auf der Violinsaite) und Nebelhörner (auf der Glasflasche) ertönen, wurde von der berühmten Bugszene gekrönt: Sikorski lehnt mit ausgebreiteten Armen an die Brüstung (Kowaluk und Błaszczyk).

Frauen sollen angeblich beim Prellen des "The Entertainer"-Rhythmus mit der Ping-Pong-Kelle und dem melodischen Quietschen des Luftballons bei der Elvis-Schnulze "Can’t help falling in love" beeindruckbar sein.

Ein Pfeifenkonzert zur "Rhapsody in Blue" und der Königin-der-Nacht-Arie, Tanzeinlagen mit funkelnden Rollschuhen zu "Dancing Queen" oder einer Michael-Jackson-Performance zum auf "Mo- zart" umgetauften "Beat it" bildeten weitere komische Momente.

Das begeisterte Publikum forderte nach dem zunächst pausenlosen eineinhalbstündigen Konzert mehrere Zugaben ein – und bekam einen mehrfachen Nachschlag, so dass es auf zwei volle Stunden kam. So demonstrierte das Quartett etwa, dass es trotz Gips-Handicap fähig ist, zu musizieren.

Publikumskandidat Harald Sandleben aus Staufenberg hatte es bei einem Bühnengag schwer, seinen "O sole mio"-Part nach den astreinen Playback-Vorlagen seiner Vorsinger live fortzuführen; aber er tat es überzeugend, belohnt von herzlichem Applaus.

Fazit: Eine lobenswerte Weiterempfehlung hat die "MozArt Group" sicher. Und Freunde komödiantischer Musik-Ensemble haben neben Genrekollegen wie den "Blechharmonikern" und dem "Ukulele Orchestra of Great Britain" einen Stern mehr am Himmel.


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