Das Interesse an Kommunalwahlen ist gering – woran liegt es?

LANDRATSWAHL  Wir stellen die drei Kandidaten zur Wahl am 27. Mai im Lahn-Dill-Kreis vor / Frage drei im Kandidaten-Check

WolfgangSchuster
Lothar Mulch
Dominic Harapat
Bild 1 von 3

Unsere dritte von neun Fragen an die drei Kandidaten: Das Interesse an Kommunalwahlen und auch an der Direktwahl des Landrats im Lahn-Dill-Kreis war zuletzt sehr gering. Woran liegt es? Wie sollte es geändert werden? Die Antworten:

Wolfgang Schuster (SPD): Über Kommunalpolitik kann man sich normalerweise nicht in Funk und Fernsehen informieren. In der Lokalzeitung konkurriert sie mit dem übrigen Lokalgeschehen um die Aufmerksamkeit der Leserschaft. Also stehen kommunalpolitische Themen nicht im Mittelpunkt. Erst recht nicht die Kreispolitik in einem großen Flächenlandkreis. Nur wenige Kreisthemen betreffen Menschen in Dietzhölztal genauso wie in Waldsolms.

Ich denke, dass bei der Kommunalwahl viele den Kreistag huckepack mitwählen, das Interesse aber auf der örtlichen Ebene liegt. Deshalb ist die Wahlbeteiligung bei Bürgermeisterwahlen höher als bei Landratswahlen. Es gibt nachvollziehbare Gründe, warum man mit Kommunalpolitik weniger Leute ins Wahllokal lockt als bei der Bundestagswahl.

Parteien und Wählergruppen sind gefordert, interessante Ideen zu entwickeln. Ich habe Vieles umgesetzt und auf den Weg gebracht, was erst heiß umstritten war. Weil es funktioniert, sind hinterher alle dafür. So war es bei den Entlastungen der Bürger durch die 2013 beschlossene neue Müllgebühr genauso wie beim Breitbandausbau. Die großen Parteien, bei uns SPD und CDU, müssen im Wettbewerb um die besten Ideen stehen. Wer nicht zur Wahl geht, der stärkt rechts und könnte sich am Wahlsonntagabend fragen, wie so etwas passieren kann siehe der Brexit der Engländer. Jeder von uns hat eine Stimme. Von der sollten wir alle Gebrauch machen am 27. Mai 2018!

Lothar Mulch (AfD): Eine Wahlbeteiligung von unter 30 Prozent wie bei der Landratswahl 2012 liegt an einem allgemeinen Trend, einigen Kommunen, den Themen und den Kandidaten.

Wahlen und Wasser haben nicht nur die beiden Anfangsbuchstaben gemeinsam. Wir haben verlernt, den Wert von sauberem Wasser zu schätzen, einfach weil es für uns selbstverständlich ist, dass es zur Verfügung steht. So ist das auch mit den Wahlen. Den Wert, die Wahl zu haben, schätzen die Menschen am höchsten, die diese Wahl nicht haben. Und davon gibt es leider mehr als genug. Dazu verwehren es einige Kommunen den Parteien, während des Wahlkampfes Wahlplakate aufzuhängen. Aus angeblicher Sorge um das Erscheinungsbild des Ortes stellen sie Wahlwände auf, die teilweise noch schlecht einsehbar sind. Und doch strotzen die Straßen dieser Gemeinden vor Plakatwerbung für Mallorcapartys, das Wilde Island und den stets beliebten Wanderzirkus. Aber dafür gibt‘s vermutlich Geld. Wahlplakate sind eine effektive Möglichkeit, den Bürger darauf aufmerksam zu machen, dass er die Wahl hat wenn man sie anbringen darf.

Wolfgang Schuster sagte nach seiner letzten Wahl: „Den Wahlkampf hat sicher geprägt, dass es keine kontroversen Themen gab. Ich habe mich mit dem Gegenkandidaten auch nicht gerieben, er hat sein Ding gemacht, ich hab meins gemacht.“ Da wundert es mich nicht, dass Viele in 2012 nicht wählen gegangen sind. Aber diesmal ist es grundlegend anders. Diesmal haben die Wähler eine Alternative die Alternative.

Dominic Harapat („Die Partei“): Gehen Sie doch einmal raus und fragen Passanten, was ein Landrat ist, was er macht und wer ihn wählt. Trotz der mittlerweile eingegangenen Wahlbescheide und der geklebten Plakate werden die meisten wohl keine umfassende Antwort geben können. Den Wählern kann man das aber nicht anlasten. Der scheidende Landrat Schuster war zuletzt auch nur wegen seiner Aussagen über das Bundesverfassungsgericht in den regionalen Medien präsent.

Hände schütteln, Blumen überreichen

Gelegentlich ist er auf Fotos bei repräsentativen Aufgaben zu sehen: Hände schütteln, Blumen überreichen, Danke sagen. Genauso verhält es sich mit der Kommunalpolitik im Ganzen. Alle Augen sind auf Berlin gerichtet. Beim Blick vor die eigene Haustür heißt es jedoch oft „Bringt doch eh naud!“ Ob Müll- oder Wassergebühren, Ausstattung der Schulen oder falsch geschriebene Straßenschilder („Hermannsteinerstrasse“), dass all das vor Ort geregelt, behandelt und entschieden wird, scheint aus dem Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger verloren gegangen zu sein.

Wir sagen: Schluss damit! Politische Bildung gehört nicht länger in die Schule – politische Bildung gehört dahin, wo sie jeder sieht: ins Internet! Das Smartphone von morgen wird mit Wissensfragen entsperrt; Youporn-Videos starten nur noch, wenn man vorher ein Lehrvideo über Gender-Studies angesehen hat, und Instagram bewirbt verstärkt die Beiträge kommunaler Politiker, damit man ein Gesicht zum Straßenbeitrag hat. Das kann ein Landrat zwar alles nicht entscheiden, aber ich werde mich dafür einsetzen. (jli)


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2018
Mehr zum Thema
Kommentare (0)
Mehr aus Region Wetzlar