"Der Teufel hol den Assessor"

Götz-Vortrag in Wetzlar
Stephan Scholz präsentierte neue Erkenntnisse über Goethes Verhältnis zur Justiz und zum Reichskammergericht.

35 Besucher hatten sich im Hof des Reichkammergerichtsmuseums eingefunden, um dem Historiker und Journalisten, der in diesem Jahr den Vorsitz der Wetzlarer Goethegesellschaft übernahm, zu lauschen. Unter dem Titel "Der Teufel hol den Assessor Sapupi" erläuterte Scholz nicht nur den aktuellen Wissensstand um das Goethedrama, sondern präsentierte überraschende eigene Forschungsergebnisse.

In seinem Drama "Götz von Berlichingen" thematisiere Goethe den Wandel vom mittelalterlichen Faust- und Fehderecht zur modernen unabhängigen Rechtsprechung. Mit dem vom Wormser Reichstag 1495 eingeführten Landfrieden sei das Rechtsmittel "Fehde" durch ein objektives allgemeines römisches Recht abgelöst worden. Mit der Einrichtung des Reichskammergerichts, das ab 1689 in Wetzlar angesiedelt war, sei ein Überwachungsinstrument geschaffen worden, das die Rechtssicherheit gewährleisten sollte.

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Mit der Figur des Sapupi, einem Anagramm, das für Papius stehe, also für den Reichskammergerichtsassessor Hermann Franz von Pape, werde der deutlichste Bezug zu Wetzlar hergestellt. Papius wurde 1771 im Zuge der Visitation wegen Bestechlichkeit suspendiert und aus Wetzlar verjagt.

Die von der Literaturforschung daraus geschlossene Rückwärtswendung Goethes, dem unterstellt werde, er habe das mittelalterliche Recht wieder herstellen wollen, lasse sich aus der Verwendung der Affäre Papius für das Drama aber nicht ableiten, so Stephan Scholz weiter. Vielmehr nutze Goethe den Skandal um zu zeigen, dass ein modernes Recht in den Händen einer Aristokratenkaste nicht unabhängig und objektiv sei, sondern in höchstem Maße von Herrschaftsinteressen geleitet.

Mit dem Götz, der in der Literaturgeschichte als das erste moderne deutsche Drama gilt, breche Goethe radikal mit den drei Grundregeln des Dramas. Die Einheit des Ortes wird von häufigen Ortswechseln abgelöst, die Einheit der Zeit, die 24 Stunden nicht überschreiten soll, wird auf ein Jahr ausgedehnt und die Einheit der Handlung ist zumindest im Ur-Götz durch viele zusammenhanglose Szenen weitgehend aufgehoben.

Scholz: Götz ist bis heute ebenso wichtig wie Forschung

Die Einheit der Handlung habe Goethe in späteren Überarbeitungen wieder hergestellt, da der Ur-Götz als unspielbar galt. Goethe habe die historische Gestalt des Götz von Berlichingen gewählt, um an ihr motivisch die Rechtsentwicklung vom Faustrecht zum objektiven, professionellen Recht darzustellen. Dabei habe Goethe die Judikative und Exekutive als Kennzeichen eines modernen Staats in einem frühen Stadium beschrieben, zu seiner Zeit noch stark als Lieblingskinder der Fürsten konnotiert. Deshalb sei der Götz bis heute ebenso wichtig wie die Reichskammergerichtsforschung. Die Entwicklung unseres Rechtssystems und damit unseres Weltbildes sei ablesbar. Nach dem Vortrag stand Scholz noch für Nachfragen zur Verfügung, was viele Besucher nutzten.


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