Ein Edelstahl-Koloss auf 16 Achsen

REKORD Das größte Edelstahlbauteil aus dem Hause Buderus rollt durch Wetzlar

Aufsehenerregender Schwertransport: Um 4.30 Uhr am Freitagmorgen traf das Rekordteil zurück im Werk von Buderus Edelstahl ein. (Foto: Plaul)

Riesenbauteil wird transportiert

Unser Video bietet einen kurzen Eindruck des Transports im Bewegtbild.

Ein echtes Schwergewicht wird derzeit im Werk von Buderus Edelstahl, eine Gesellschaft der Special Steel Division des österreichischen Voestalpine Konzerns, produziert. Im fertigen Zustand wiegt das sogenannte Schlaggewicht aus legiertem Stahl 101 Tonnen und bildet das Herzstück eines gewaltigen Unterwasser-Hammers. Der Schmiederohling brachte es gar auf 140 Tonnen.

Mit dem Unterwasser-Hammer werden Bodenpfeiler mit bis zu sieben Metern Durchmesser für Windparks oder Bohrinseln in den Meeresboden  getrieben. "Es ist das größte je bei Buderus Edelstahl in Wetzlar geschmiedete Bauteil", sagte Geschäftsführer Roland Newe. Das knapp 13 Meter lange Schlaggewicht mit einem Durchmesser von gut anderthalb Metern muss später einiges aushalten. In bis zu 300 Metern Tiefe fällt das Gewicht bis zu 40 Mal pro Minute auf eine Stahlplatte.

Um die erforderliche Qualität liefern zu können, habe Buderus Edelstahl nahezu die gesamte Produktionskette im eigenen Haus behalten: Im Elektro-Lichtbogenofen wurde Stahlschrott eingeschmolzen und im Anschluss im Pfannenofen veredelt. Danach brachte die größte der drei Freiformschmiedepressen den glühenden Stahlblock mit einer Presskraft von 8000 Tonnen in seine Form.

Normalerweise gehe es nach Schmieden und Vorwärmebehandlung im eigenen Haus auf eine der Großdrehbänke zur weiteren Bearbeitung. Der 140-Tonnen-Schmiederohling war dafür jedoch zu schwer und musste bei einer Spezialfirma in Osnabrück vorgedreht werden. Zur abschließenden Veredelung kommt der Stahl nochmal in den Ofen um - je nach Anforderung - noch stabiler, elastischer oder haltbarer zu werden. Für den letzten Schliff geht es erneut auf die Drehbank.

Auf 152 Rädern mit zweimal 600 PS im Schubverband die Bergstraße hinauf

Für den Transport des Kolosses nach Osnabrück Mitte Januar und dessen Rückkehr nach Wetzlar am Freitagmorgen war auch eine rekordverdächtige Logistik nötig. Dafür zeichnete die Gießener Firma Kreiling in Zusammenarbeit mit der Wetzlarer Spedition Strieder verantwortlich. "Diese Aufträge sind auch für uns zwar nicht alltäglich, aber bereits mehrfach erfolgreich durchgeführt", berichtete Volker Kreiling.

Besonders spektakulär gestaltete sich die Tour Mitte Januar, die schon kurz nach dem Start die Wetzlarer Bergstraße hinaufführte. Für die Steigung war ein Zug/Schubverband nötig: eine Vier-Achs-Sattelzugmaschine mit einem 16-Achs Spezialsatteltieflader und einer Vier-Achs-Schubmaschine im Schlepptau. Das Gesamtgewicht betrug 254 Tonnen, die Gesamtlänge 51 Meter - auf 152 Rädern, jedes Fahrzeug hat 600 PS.

Der Grund für die mühsame Bergauffahrt war, dass die meisten Brücken - nicht zuletzt die maroden Autobahnbrücken der A 45 - unter dem Schwertransport in die Knie gegangen wären.

Wie schon die Hinfahrt nach Osnabrück führte deshalb auch die Rückkehr des Schlaggewichts nach Wetzlar zwangsweise über zahlreiche Bundes- und Landestraßen. Ab Gießen-Bergwerkswald dann allerdings über die B 49 bis nach Dalheim, dann über die B 277 Richtung Aßlar und die Hermannsteiner Straße zum Ziel um 4.30 Uhr am Morgen in der Buderusstraße.

Die rund 1550 Mitarbeiter bei Buderus Edelstahl fertigen neben solchen Großschmiedestücken vor allem Werkzeugstähle zur Herstellung von Kunststoff- und Aluminiumteilen, hochbeanspruchte Walzprodukte, belastbare Achsteile für Lkw und Landmaschinen sowie Getriebeteile von Windkraftanlagen und hin und wieder sogar Stahlskulpturen.

Der Edelstahl aus Wetzlar kam unter anderem einst in der Bohrmaschine beim Bau des Gotthard-Tunnels zum Einsatz, verhilft den Elektroautos von BMW zu ihrer Form und ist die Basis von extrascharfen Küchenmessern, die nicht rosten.


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