Er sucht noch immer ihren Motor

STADTRADELN Die Wetzlarer "Stars" der bundesweiten Kampagne im Gespräch

Nicht nur den Dom, sondern auch den Schalk im Nacken: Dass tägliches Radfahren tatsächlich viel Freude machen kann, dafür wollen die Stadtradelstars Peter Fuess und Inga Boeck in Wetzlar werben. (Foto: Reeber)

Inga Boeck (34) und Peter Fuess (71) eint die Freude am und die Leidenschaft fürs Radfahren. Aus diesen Gründen sind die Vorsitzende des Ortsverbands Wetzlar und der Vorsitzende des Kreisverbandes Lahn-Dill des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) dann eben doch nicht so verschieden, wie es zunächst wirkt. Und: Keiner versucht, den anderen zu missionieren. Boeck fährt weiter konventionell mit dem Crossrad, Fuess mit elektrischer Unterstützung. Sie zur Arbeit und zum Einkauf, er als Tourenleiter oder zu Terminen in der Funktion des Radverkehrsbeauftragten der Stadtverwaltung.

Warum Stadtradelstar? „Weil ich sowieso kein Auto habe und es sich anbietet, dieses Leben einmal darzustellen.“

Vom 9. Juni an fahren beide ausschließlich mit dem Rad. Nicht mal als Beifahrer oder auf der Rückbank dürfen sie während des dreiwöchigen Stadtradel-Zeitraums ein Auto nutzen. So sieht es das Regularium für die beiden Stadtradelstars vor. Was Boeck und Fuess keine Angst macht. „Ich bin angesprochen worden und habe sofort zugesagt, Stadtradelstar zu werden“, sagt Boeck über ihre Premiere. „Weil ich sowieso kein Auto habe und es sich anbietet, dieses Leben einmal darzustellen.“

Schon bevor sie ihren Führerschein begann, hat Inga Boeck sich dem Rad zugewandt. „Vor allem, um von meinen Eltern unabhängig zu sein. Auch nach Parties bin ich immer Rad fahren, das war die günstigste Möglichkeit.“ Das praktiziert sie noch heute, in Kombination mit Bus oder Bahn. „Was ich in einer Stunde schaffe, das fahre ich mit dem Rad“, lautet dabei ihre Regel.

Peter Fuess hingegen machten gesundheitliche Gründe zum Radler. 2009 brachten ihn Knieprobleme zum Arzt, der ein künstliches Gelenk einsetzen wollte. Alternative: „Setzen Sie sich aufs Rad.“ Das tat der Niederbieler. Dort sitzt er noch heute, bereits das zweite Mal als Stadtradelstar.

Das E-Bike ist dabei für ihn erste Wahl, der Vorteile wegen. Steigungen werden mit der Unterstützung aus dem Akku erträglich, Berge, die man sich sonst hinauf quälte, nimmt man gelassener in Angriff. Wer um die Hilfe aus der Batterie wisse, der traue sich auch längere Touren zu, komme herum, steige eher und öfter in den Sattel.

So überzeugt ist auch Inga Boeck von ihrem konventionell angetriebenen Crossrad. „Ich habe bewusst kein E-Bike, weil mein Rad oft am Bahnhof steht. Daheim habe ich keinen gesicherten Abstellplatz. Ich möchte kein teures Rad draußen stehen haben.“ Und konditionell hat die junge Ärztin ohnehin keinen Bedarf für ein „E“ unterm Hintern: Der Arbeitsweg zum Krankenhaus auf dem Berg hat die Kondition gestärkt. „Ich kenne sie schon länger und suche immer noch den Motor bei ihr“, scherzt Peter Fuess.

Konkurrenz zwischen E-Bikern und normalen Fahrern? „Wir haben insgesamt wenig Probleme“, sagt Fuess über die Situation im ADFC. Bei Touren gelte ohnehin der Grundsatz: Keiner fährt vor dem Tourenleiter. Und: Bei den Ausfahrten seien jetzt neue Leute dabei, die sich früher wegen ihrer Kondition nicht getraut haben. Auch geübte Radler stiegen um. Allerdings nur in eine Richtung, sagt Fuess. „Dass jemand vom E-Bike wieder auf ein konventionelles Rad gewechselt ist, habe ich noch nie erlebt.“

Ob E-Bike oder nicht: Beim Stadtradeln dürfen alle mitmachen. Inga Boeck wünscht sich, dass die Aktion fürs Radfahren wirbt und Akzeptanz schafft. Und: In Wetzlar wünscht sie sich eine bessere Rad-Infrastruktur, zum Beispiel Abstellmöglichkeiten am Bahnhof. Dort gebe es zwar Fahrradboxen, aber eben keine Möglichkeit, ein Rad mal für einen Tag oder eine Nacht gesichert oder bewacht zu parken. „In Nordrhein-Westfalen wird insgesamt mehr gefahren“, stellt sie fest. „Und es ist auch nichts Besonderes, dass Leute kein Auto haben.“ (pre)


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