Gießerei-Belegschaft fühlt sich "erpresst"

KUNDGEBUNG Schwierige Verhandlungen mit Duktus über den Kauf der Spezialguss Wetzlar GmbH

Bei einer Kundgebung auf dem Werksgelände in der Sophienstraße machten die Spezialguss-Mitarbeiter am Montagvormittag ihrem Ärger über den Verlauf der Verkaufsverhandlungen Luft. (Foto: Gross)

Will die Spezialguss und ihre Mitarbeiter noch nicht aufgeben: Berthold Burzel. (Foto: Gross)

Bild 1 von 3

Nachdem die Spezialguss Wetzlar fünf Jahre in Folge erhebliche Verluste gemacht und auch ein dreimonatiges Schutzschirmverfahren bis zum Schluss kein tragfähiges Sanierungskonzept gebracht hatte, ist am 1. März das Insolvenzverfahren unter der Eigenregie der Geschäftsführung angelaufen.

Parallel wurden erste Verkaufsgespräche mit Duktus und deren vonRoll hydro-Gruppe geführt. Noch am Mittwochabend habe „alles danach ausgesehen, dass wir auf einem guten Weg sind,“ berichtete Spezialguss-Betriebsratschef Vassilios Gampouris. Zwischenstand zu diesem Zeitpunkt sei gewesen, dass Duktus/vonRoll hydro die Eisengießerei und 35 der 138 Mitarbeiter übernimmt und es für die Übrigen eine Transfergesellschaft gibt. Doch am Freitag habe Duktus/vonRoll hydro plötzlich den Kauf an vier Bedingungen geknüpft. „Das war wie ein Schlag ins Gesicht“, sagte Gampouris.

Beschäftigte fordern Sicherheiten für die Zukunft und Gespräche unter fairen Bedingungen

Dazu gehöre eine Negativliste mit Spezialguss-Beschäftigten, die nicht in die neue Gesellschaft übernommen werden. Zudem solle die Arbeitszeit von 35 auf 40 Wochenstunden steigen und die Belegschaft auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichten. Unterm Strich bedeute das einen Lohnverzicht von 25 Prozent, rechnete der Betriebsratschef.

Der Betriebsrat habe daraufhin mit Unterstützung seines Anwalts und der IG Metall die Gespräche abgebrochen, berichtete Gampouris: „Das machen wir nicht mit. So kann man mit uns nicht umgehen. Hinter den 138 Mitarbeitern stehen Familien.“ Schon jetzt lägen die Löhne bei Spezialguss 15 Prozent unter Tarif. Das Unternehmen war 2013 aus dem Tarif ausgestiegen. Scharf kritisierte der Betriebsratschef, dass sich die Muttergesellschaft DIHAG (Essen) bislang bei der Rettung der Gießerei weitgehend herausgehalten habe. Deutliche Kritik ging an die Adresse des Managements der Spezialguss, das für die Misere verantwortlich gemacht wurde. Vermisst wurde bei der Kundgebung die Unterstützung durch Politiker, allen voran durch Landrat und Oberbürgermeister.

Kurz vor Schluss, als vieles klargewesen sei, sei Duktus plötzlich mit einem Angebot gekommen, das keines sei, sagte IG-Metall-Sekretär Mario Wolf. Fraglich sei, ob überhaupt ein Kaufinteressiert bestehe, oder ob es sich um „ein charmantes Ausstiegsszenario“ handele. Die beiden Unternehmen, die bis 2007 zusammen als Buderus Guss GmbH firmierten, seien voneinander abhängig. Spezialguss nimmt dem Nachbarn Duktus jährlich 12 000 Tonnen Roheisen ab, auch Energie bezieht die Gießerei von Duktus. Wichtig, um über ein Konzept reden zu können, wären Sicherheit und faire Bedingungen, sagte Wolf. Doch Gegenleistungen von Duktus seien bislang nicht erkennbar. „So nicht, das ist Erpressung“, sagte Wolf.

Duktus/vonRoll hydro würde allein den Maschinenformguss von Spezialguss übernehmen. „Weil wir grundsätzlich an den Industriestandort glauben“, sagte Duktus-Geschäftsführer Stefan Weber. Erzwingen aber werde er den Kauf nicht. Duktus/vonRoll hydro sei auf die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern angewiesen, um die Gießerei wieder auf Kurs zu bringen. Er sei optimistisch, dass das gelingt, aber es werde Zeit brauchen. Zunächst sei mit weiteren Verlusten zu rechnen, Spezialguss verfüge derzeit über nur einen nennenswerten Großkunden. Deshalb seien größere Zugeständnis nicht möglich. Die Bedingung der 40-Stunden-Woche sei von Anfang an kommuniziert worden, sagte Weber. Der Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld sei nach genauerer Prüfung der Spezialguss-Geschäfte hinzugekommen. Es habe sich herausgestellt, dass mit den von Spezialguss angegeben Margen nicht zu rechnen sei, weil die Kunden nicht bereit seien, entsprechende Mengen abzunehmen.

Richtig sei, dass es eine „Positiv-Liste“ mit Mitarbeitern gebe, die übernommen werden sollen. Abgestimmt mit der Spezialguss-Leitung sei ein Querschnitt der Belegschaft herausgekommen.

Eine Beschäftigungsgarantie könne er nicht geben, sagte der Duktus-Chef, aber eine „sehr hohe Sicherheit“. Die Beschäftigten, die in die neue Gesellschaft wechseln, würden ihre Betriebszugehörigkeit mitnehmen.

Für den Erhalt des 1731 gegründeten Traditionsunternehmens und möglichst vieler Arbeitsplätze kämpft auch Berthold Burzel, von 1963 bis 1998 Gesamtbetriebsrat bei Buderus. Wenn es heiße, dass es keine Lösung gebe, sei das eine Lüge“, sagte der 79-Jährige. Und: „Wer eine Gießerei leiten will, muss Gießereigeruch an sich haben, der muss etwas davon verstehen“, sagte Burzel. Damit spielte er auf einen zweiten Kaufinteressenten für die Spezialguss an. Dessen Konzept sieht offenbar die Übernahme von 90 Beschäftigten vor. Allerdings soll noch kein Finanzierungskonzept vorliegen.

Im Anschluss an die Kundgebung wurden die Gespräche mit Duktus/vonRoll hydro fortgesetzt. „Sachlich-konstruktiv“, sagte Weber. Nächste Woche sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein. Klar ist den 138 Spezialguss-Beschäftigten: Platzt der Verkauf, dann wird die Eisengießerei endgültig Geschichte sein.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2017
Mehr zum Thema
Kommentare (1)
Solidarität mit den Beschäftigen!
In dem Artikel steht: "Vermisst wurde bei der Kundgebung die Unterstützung durch Politiker, allen voran durch Landrat und Oberbürgermeister". Weder Landrat noch Oberbürgermeister mehr
Manfred Wagner hatten Kenntnis von der Kundgebung. Wir hatten auch keine Einladung erhalten.
Ein kurzer Anruf hätte genügt und wir wären da gewesen. Wir werden zeitnah mit IG Metall und Betriebsrat ein Gespräch führen.
Unsere Solidarität gilt den Beschäftigten und ihren Familien.
Wolfgang Schuster, Landrat Manfred Wagner, Oberbürgermeister
Mehr aus Region Wetzlar