Ikea Wetzlar hat eröffnet

HANDEL  Run und Rückblicke zum Start für das 52. Einrichtungshaus

Blick von oben: Der Ansturm auf die neue Filiale war groß. (Foto: Neul)

Jede Menge Betrieb: Ikea hat am Donnerstagmorgen seine neue Filiale in Wetzlar eröffnet. (Foto: Reeber)

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Schweden sind in Wetzlar angekommen

Zehn Monate Baggern und Montieren, eine missglückte und eine gelungene Sprengung, ein Fliegerbombenfund, Straßenbauarbeiten – und dann geht alles ganz schnell. Mehr als 200 Mitarbeiter im gelbblauen Dress stehen Spalier, zählen den Countdown herunter. Die Tür geht auf und eine Menschenmenge strömt ins Wetzlarer Ikea-Einrichtungshaus. Die Menschenschlange nimmt kein Ende. Wie viele es in den ersten Minuten sind? Kaum zu sagen. Normalerweise zähle eine Lichtschranke die Besucher, sagt Unternehmenssprecherin Chantal Gilsdorf. „Wenn aber zehn Leute auf einmal durchlaufen, funktioniert das nicht richtig.“

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Schon kurz nach der Eröffnung schiebt eine Frau einen hoch mit Kartons beladenen Wagen durch die Kasse. Einkauf beendet. Die Dame kommt aus Beselich im Nachbarkreis Limburg-Weilburg, war extra um punkt 10 Uhr in Wetzlar und wusste genau, welche Möbel sie haben wollte. „Zum Gucken komme ich dann in ein paar Wochen noch mal“, sagt sie. Wenige Minuten später die erste Durchsage: Sara, vier Jahre alt, vermisst Mama und Papa in der Küchenausstellung.

Einrichtungshauschef Detlef Boje eilt hin und her, wischt sich den Schweiß von der Stirn, aber lacht. Er schüttelt Hände, telefoniert, erklärt Wetzlars Oberbürgermeister Manfred Wagner und Bürgermeister Harald Semler, wie die Scanner an der Kasse funktionieren. Das Duo aus dem Rathaus kassiert eine halbe Stunde lang für den guten Zweck, die Summe der Einkäufe kommt dem Trauerbegleitungsprojekt „Charly & Lotte“ zugute. Auch für die Geschwister-Scholl-Schule gibt es zur Eröffnung eine Spende. Schulleiter Hans Martin Felber nimmt 20 000 Euro von der Ikea-Stiftung entgegen.

„Eigentlich müssten an meiner Stelle 600 Mitarbeiter und Bauarbeiter hier stehen“, hat Boje kurz zuvor in seiner Ansprache vor den geladenen Gästen der Eröffnungsfeier gesagt. Zu diesem Zeitpunkt, anderthalb Stunden vor Öffnung der Türen, sitzen Vertreter aus Politik und Wirtschaft im Kundenrestaurant bei Kaffee, Brötchen und Orangensaft zusammen. Boje blickt auf den Stress der letzten Tage zurück. Noch vor Kurzem hätten bei einem Testlauf über die Hälfte der EDV-Systeme nicht funktioniert. „Ich habe fast nicht geglaubt, dass wir fertig werden.“

Deutschland ist einer der wichtigsten Märkte für Ikea, sagt Vize-Geschäftsführerin 
Jutta Iskalla

Aber jetzt: Die Eröffnung. In Wetzlar steht das 52. deutsche Möbelhaus des Konzerns mit schwedischen Wurzeln. Damit sei die Bundesrepublik der wichtigste Markt überhaupt, sagt Jutta Iskalla, Vizegeschäftsführerin von Ikea Deutschland. „In keinem anderen Land haben wir so viele Einrichtungshäuser.“

Expansionschef Johannes Ferber spricht von der 50-Millionen-Euro-Investition in Wetzlar, dankt allen Nachbarn für ihre Geduld während der Bauarbeiten. Im Februar 2014 hatte Ferber gemeinsam mit dem damaligen Oberbürgermeister Wolfram Dette (FDP) verkündet, dass Ikea nach Wetzlar kommt. Spekulationen, dass der Konzern in Mittelhessen einen Standort sucht, gab es davor schon länger. Die Entscheidung für Wetzlar fiel, weil hier die 70 000 Quadratmeter große Industriebrache des Zementwerks zur Verfügung stand.

Auch Wetzlars Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) erinnert an den Weg bis zur Eröffnung. Von Anfang an sei es „ein gemeinsamer Weg“ gewesen, Ikea habe „einen beispielhaften Beteiligungsprozess angestoßen“. Wagner hebt auch die Rolle seines Magistratskollegen Harald Semler (FW) hervor. Der Wirtschaftsdezernent hatte den Grundstücksdeal zwischen Ikea und Heidelberg Cement eingefädelt.

Neben Wagner sitzt seine Gießener OB-Kollegin Dietlind Grabe-Bolz (SPD), auch für sie gibt es ein Dankeschön. „Kollegial und freundschaftlich“ seien die Gespräche mit Gießen gewesen, sagt Wagner. Es gab reichlich Konfliktpotenzial zwischen den Nachbarstädten, weil Wetzlar für Ikea ohne Beteiligung der mittelhessischen Regionalversammlung und damit auch ohne die Nachbarkommunen plante. Gießen und Wetzlar einigten sich auf einen Vertrag, der Bedingungen für die Ansiedlung regelt. „Eine Vereinbarung, mit der alle leben können“, bemerkt im Gespräch Regierungspräsident Christoph Ullrich (CDU).

Ikea sein kein Wetzlarer Projekt, sondern ein mittelhessisches, sagt OB Wagner. Und ja, Ikea sei auch ein neuer Steuerzahler in Wetzlar, „allen Unkenrufen zum Trotz.“ Damit sind wohl die Kritiker der Ansiedlung gemeint, allen voran das globalisierungskritische Bündnis Attac. Dessen Mitglieder protestieren während der Eröffnung mit einem Banner an der Einfahrt gegen die Geschäftspolitik von Ikea und verteilen Flyer, in denen sie auf die Kritikpunkte hinweisen: Internationale Steuervermeidung, Verkehrs- und Lärmzuwachs, nicht absehbare Folgen für Handel und Gastronomie in Wetzlar.

Derweil füllt sich der Parkplatz von Ikea. Auf der Hermannsteiner Straße steht ein Wagen der Ordnungspolizei mit blinkendem Blaulicht. Für den Abend ist eine Besprechung zwischen Ikea und dem Ordnungsamt geplant. Denn mit dem ganz großen Ansturm rechnen alle erst noch – spätestens am langen Himmelfahrtswochenende in der kommenden Woche.


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Kommentare (2)
Willkommen blöde Kommentare!

Tolle Berichterstattung über die Eröffung und den kompletten Bau.
willkommen in der sekte