Immer schön skeptisch bleiben

GESELLSCHAFT Skeptiker wie Frank Mignon setzen sich für faktenbasiertes Miteinander in Alltag und Politik ein

Frank Mignon ist Skeptiker und warnt vor gefährlichem Aberglauben. (Foto: Keller)

Die Menschheit wird mit Chemtrails vergiftet. Die UNO plant den Bevölkerungsaustausch in Europa. Zahlencodes heilen Krebs. Die CIA hat die Twin-Towers gesprengt. Deutschland ist eine GmbH. Adolf Hitler lebt noch heute in Argentinien – oder nicht doch in einer unterirdischen Nazi-Basis in der Antarktis?

Es gibt Ideen, die sind so absurd, dass gesunder Menschenverstand ausreicht, um sie als das zu entlarven, was sie sind: Verschwörungstheorien oder Geldmacherei. Manchmal beides. Und doch gibt es Menschen, die bereitwillig glauben, was ihnen aufgetischt wird.

„Jeder glaubt irgendeinen Mist“, ist Frank Mignon überzeugt. Auch er selbst, er fährt etwa die Gummitiere vom Wetzlarer Entenrennen stets in seinem Auto mit herum. Quasi als Talisman. Er weiß, dass das kein Glück bringen kann, ein gutes Gefühl aber hat er damit trotzdem. Und dieses Gefühl möchte er auch niemandem nehmen. Was Menschen wie Frank Mignon höchstens nehmen wollen, ist der Gedanke, solch ein gutes Gefühl habe irgendetwas mit nachprüfbaren Fakten zu tun.

Mignon ist Skeptiker. „Skeptiker gehen der Sache auf den Grund“, sagt Mignon. Das mag der Grund sein, warum der Anteil der Akademiker unter den Skeptikern so groß ist – in der meist in Gießen tagenden Ortsgruppe für Mittelhessen ist Mignon sogar der Einzige ohne Uni-Abschluss. Als „ungewöhnlicher Skeptiker“ bezeichnet sich der Kolumnist, Moderator und Musiker selbst, ergänzt dann aber: „Kaum eine Szene ist so mit Esoterik und Aberglauben durchsetzt, wie die Musikszene.“

Skeptiker gehen der Sache auf den Grund

Und über die ist er auch zum Skeptiker geworden. Im Internet stolperte er 2008 bei einem ihm bekannten Musiker über einen Link auf eine Anti-Zensur-Konferenz und von dort auf einen „Reichsbürgerrundbrief“ – zu einem Zeitpunkt, als noch niemand von den Reichsbürgern wusste, die die rechtliche Legitimation der Bundesrepublik anzweifeln und an den Fortbestand des Deutschen Reiches glauben. „Dieser Brief war voller Rassismus und Antisemitismus, aber hochwissenschaftlich formuliert“, erinnert sich Mignon.

Den Brief bewahrt er bis heute auf – Hunderte Seiten Hass und für Mignon ein erster Weckruf.

Als dann vor drei Jahren in Friedberg der „Querdenken“-Kongress mit Udo Ulfkotte, Nigel Farage, Eva Hermann und anderen stattfinden sollte, fand sich bald ein breites gesellschaftliches Bündnis, Mignon war unter den Zuschauern „Verhindert werden konnte dieser Kongress leider nicht“, sagt der Skeptiker. Ein noch radikalerer ein Jahr später in Gießen hingegen schon – Geburtsstunde der mittelhessischen Skeptiker. „Die Aufklärungsarbeit zu den Hintergründen hat Spaß gemacht, also bin ich dran geblieben“, sagt Mignon. Seither trifft man sich einmal im Monat, diskutiert, hört manchmal einen Vortrag, isst und trinkt gemeinsam.

Dass die Skeptiker gesellschaftlich auch mal anecken, ist ihnen durchaus bewusst. Wo die Grenzen ziehen?

  • Homöopathie heilt
  • Impfen ist gefährlich
  • Sternzeichen sind wahr
  • Bio ist gesünder
  • Glyphosat tötet
  • Steine haben Energien
  • Deutschland ist besetzt
  • Chemtrails vergiften uns
  • die Erde ist eine Scheibe

Bei mindestens einer dieser Behauptungen wird der eine oder andere Leser empört weggeklickt oder zumindest gedacht haben: „Ja, natürlich!“ – möglicherweise zurecht. „Viele von uns sind etwa Atheisten oder Agnostiker, ich bin das nicht“, sagt Frank Mignon. Auch Spektiker sind nicht immer einig. Was sie eint: Sie hinterfragen Dinge, sie diskutieren offen.

Und sie setzen sich für eine ebenso diskursfähige wie tolerante Gesellschaft ein. „Wir wollen nicht immer nur gegen etwas sein“, sagt Mignon.

Und deshalb veranstalten die Skeptiker ab Sonntag in Gießen und Wetzlar Aktionstage, die sich mit Esoterik, Schwurbelei, Fake News und dem Zusammenhang zwischen Leichtgläubigkeit und rechtem Gedankengut auseinandersetzen (siehe Kasten).

Aktionstage in Gießen und Wetzlar über Nazis, Schwurbler und üble Geldmacher

Mignon besonders am Herzen liegt dabei die Veranstaltung, die er moderiert: am Dienstag, 13. November, in der Alten Aula unter dem Titel „Bunter Abend – Nazis, Schwurbler, Scharlatane“. Der Physiker und Unternehmensberater Holm Gero Hümmler erklärt, wo Esoterik und Rechtsextremismus Berührungspunkte haben. Die Bioinformatiker und Science-Slammer Jochen Blom spricht über die Verschwörerszene in Mittelhessen, etwa die Gruppe „Blauer Himmel“ aus Heuchelheim. Und Blogger und Student Sebastian Schmalz klärt darüber auf, wie tödlich die Strahlung aus der Mikrowelle tatsächlich ist.

Warum so viele Menschen so viel Unsinn glauben, wird der Abend wohl kaum beantworten können.

Mignon ist überzeugt, dass es die Suche nach Halt in einer immer unsichereren Welt ist. „Die Wissenschaft versucht, Licht ins Chaos zu bringen“, sagt er. Und die Skeptiker wollen dieses Licht in den Alltag tragen.

 

DAS PROGRAMM:

- Sonntag, 11. November, 20 Uhr, Irish Pub, Walltorstraße 27, Gießen: „Sceptics in the Pub: Heilsteine – Naturprodukte mit magischen Kräften oder dekorativer Schotter?“ mit dem Diplom-Geologen Sascha Staubach von der Goethe-Universität in Frankfurt.

- Dienstag, 13. November, 19.30 Uhr, Alte Aula, Obertorstraße 20, Wetzlar: „Bunter Abend – Schwurbler, Nazis, Schalratane“ mit Holm Gero Hümmler, Jochen Blom und Sebastian Schmalz.

- Samstag, 17. November, 19.30 Uhr, Margarete-Bieber-Saal, Ludwigstraße 34, Gießen: „Fake News – Wie Trump bist du?“mit dem Psychologen Sebastian Bartoschek.

- Mittwoch, 28. November, 19.30 Uhr, Ulenspiegel, Seltersweg 55, Gießen: „Lesung: Der Arsch sitzt immer in der Mitte“ mit Satiriker Jörg Schneider. (red)


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