In Wetzlar waren Radler früh aktenkundig

Stadtradeln Ein Blick in alte Unterlagen zeugt von der bewegten Radfahrgeschichte der Region

In den Akten des Historischen Archivs findet sich auch das: Ein Katalog mit Verkehrsschildern. Die Herstellerfirma wirbt damit, dass man laufend „an tausende von Behörden, Gemeinden sowie NSDAP-Geschäftsstellen“ ausliefere. Ob die Stadt Wetzlar das Zeichen 213 „Sperrzeichen für Radfahrer“ zum Preis von vier Reichsmark (emailliert) oder 4,95 Reichsmark (Öllack) bestellt hat, geht aus den Akten allerdings nicht hervor. (Foto: Reeber)

Schon in den 1920er-Jahren hätten E-Bikes bei Radrennen keine Chance gehabt. In der Genehmigung einer Rundfahrt von Neukirchen über Oberndorf, Wetzlar und Weidenhausen nach Oberquembach gibt der Regierungspräsident die Auflage, dass nur „von Menschenkraft bewegte Fahrräder“ teilnehmen dürfen. (Foto: Reeber)

Immer diese Rowdies: Am 15. März 1926 sieht sich die Wetzlarer Polizei gezwungen, auf die „Polizeiverordnung des Herrn Oberpräsidenten“ vom 4. Juli 1908 hinzuweisen, nach der Radfahrer auf abschüssigen Straßen und in lebhaftem Verkehr so vorsichtig fahren müssen, dass „das Fahrrad nötigenfalls auf der Stelle zum Halten gebracht werden kann“. Nichts anderes gilt heute als gute Sitte im Verkehr. (Foto: Reeber)

Seit es das Fahrrad gibt, passieren Unfälle und nicht immer sind die Radfahrer Schuld: Die Polizeimeldung aus dem Jahr 1926 spricht von einem Materialfehler und betont, der Radfahrer sei „im mäßigen Tempo“ die Hausergasse hinunter gefahren. Bewusstlos blieb er nach einem Sturz dennoch – und wurde mit dem Sanitätsauto ins Krankenhaus geschafft – es befand sich seinerzeit an der Frankfurter Straße. (Foto: Reeber)

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So klagt der Wetzlarer Polizeikommissar im Mai 1925: „In letzter Zeit sind wiederholt Beschwerden über unvernünftig schnelles Radfahren in der Hausergasse eingegangen und zwar in dem abschüssigen Teil der Strasse von der Wirtschaft ,Zum grünen Laub‘ bis zur Stadtmauer am Hiepe’schen Grundstück.“ Radfahren war seinerzeit in der Krämerstraße und der Weißadlergasse untersagt. „An der Eulerschen Scheune sitzen die Radfahrer auf und fahren in rasendem Tempo die ziemlich abschüssige Hausergasse herunter, gefährden den Personenverkehr zum Rathaus und der Post, den Verkehr von und zur Domtreppe und ganz besonders den Verkehr zu dem vorstehenden Hause des Rechtsanwalts Dr. Engelmann“, fährt der Polizeikommissar fort.

Radfahren verboten – zum „Schutz des Publikums“ und „im Interesse der Sicherheit des Verkehrs“

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Wie den Akten im Historischen Archiv der Stadt Wetzlar und den Forschungen von dessen Leiterin Irene Jung weiter zu entnehmen ist, schloss sich der Bürgermeister der Einschätzung an und bat den in Koblenz ansässigen Regierungspräsidenten um Genehmigung einer neuen Polizeiverordnung. In dieser heißt es dann: „Das Radfahren (...) ist zum Schutze des Publikums und im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, der Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs auf (...) engen und abschüssigen Straßen, Plätzen und Brücken usw. verboten.“ Es folgte dann eine Liste mit Straßennamen, vor allem in der Altstadt.

Kurios wirkt dabei, dass in einigen Gassen nur das Radfahren, nicht aber das Fahren mit Autos und Motorrädern verboten wird. Doch dieses Verbot rechtfertigt der Polizeikommissar und erklärt: „Einem Auto und einem Motorrad macht jeder Fußgänger schleunigst Platz. Anders verhält es sich beim Fahrrad.“ Zudem könne die Polizei bei Kontrollen an Autos und Motorrädern leicht das Kennzeichen ablesen – beim Fahrrad eben nicht.

Nun blieb die für Radler restriktive Verordnung von Anfang September 1925 nicht ohne Reaktion: Wenige Tage nach der Veröffentlichung schrieb der Vorsitzende des Radfahrer-Vereins von 1887 an Bürgermeister Dr. Kühn und bat, das Radeln vom „grünen Laub“ bis zum Haus Hieße, von der alten Lahnbrücke bis zur Erbsengasse und über die eiserne Brücke (heute Hausertorbrücke) erneut zu erlauben. Sicher gebe es „wilde Fahrer“, wird argumentiert, aber sie seien die Ausnahme, nicht die Regel. „Wenn unserer Bitte stattgegeben wird, so sind unsere Mitglieder gerne bereit, (...) auf geregeltes und vernünftiges Fahren zu achten und alle so genannten wilden Fahrer zur Polizei zur Anzeige zu bringen.“

Proteste gegen die neue Verordnung münden in einem Kompromiss, der nur von kurzer Dauer ist

Die Proteste mündeten in einem Treffen der Radfahrvereine und der Stadt sowie der Polizei. Und: Die Radler hatten Erfolg. Die Polizeiverwaltung teilte ihnen am 10. Oktober 1925 mit, dass man sich nach dem Treffen „in der Hauptsache in Sinne ihres Vorschlages entschieden habe.“ Und weiter: „Die Polizeibeamten haben Anweisung erhalten, dass das Radfahrverbot in der Hausergasse (...) und in der Lahnstraße (...) bis zum 1. Januar 1926 vorerst nicht gehandhabt werden soll. Auf der eisernen Brücke muss das Verbot schon im Hinblick auf den bereits stattgefundenen tödlichen Unfall bestehen bleiben.“

Doch das Problem der wilden Fahrer dauerte an. Im Wetzlarer Anzeiger vom 7. Juli 1926 heißt es: „Fortgesetzt gehen Beschwerden über zu schnelles und rücksichtloses Radfahren in den engen, abschüssigen und belebten Verkehrsstraßen ein und die Unfälle häufen sich.“ Die Meldung endet mit der Ankündigung: „Die Polizeibeamten haben Anweisung erhalten, Übertretungen der Regierungspolizeiverordnung betreffend das Radfahren rücksichtlos zur Anzeige zu bringen.“

Dabei muss man auch wissen: Die Polizeiverordnung von 1926 brachte mit dem Verbot des Radelns in weiten Teilen der Stadt keine gravierende Neuerung. Schon die Verordnung von 1898 stellte in Paragraf 1 fest: „Das Radfahren auf den Straßen des Stadtbezirks Wetzlar wird hierdurch zum Schutze des Publikums und der Radfahrer selbst verboten.“ Wobei es dann auch wiederum Ausnahmen gab, zum Beispiel für die Brühlsbach- und die Frankfurter Straße.

Welch starke Rolle das Radfahren in dieser Zeit hatte, zeigt zum Einen die Existenz von drei Vereinen: dem Radfahrverein von 1887, dem Radfahrverein Solidarität und dem Radfahrverein Germania. Andererseits ist den Akten des Historischen Archivs auch zu entnehmen, dass in und um Wetzlar zu jener Zeit regelmäßige Radrennen stattfanden. So gibt es eine Genehmigung für eine Wettfahrt zwischen Neukirchen und Oberquembach über Wetzlar und Weidenhausen am 2. August 1925, dass laut Genehmigung vor 9 Uhr morgens beendet sein muss, „damit der Hauptgottesdienst keine Störung erleidet“. Auch zwischen Wetzlar und Krofdorf werden Rennen genehmigt.

Kurios ist die in der Genehmigung für das Rennen im Südkreis enthaltene Vorgabe, dass beim Durchfahren geschlossener Ortschaften das Tempo so gedrosselt werden musste, „dass eine Gefährdung des Verkehrs und der Passanten vermieden wird“. Gefährliche Stellen der Strecke mussten markiert werden, das Rennen zu begleiten hatte ein „Bruchwagen“, der mit mindestens zwei im Sanitätsdienst ausgebildeten Personen besetzt war. Ausrichter der Rennens war der Radfahrerverein „Deutschlands Heil“ aus Niederquembach, der sich am 18. Juni an das Bürgermeisteramt in Schwalbach wandte und am 3. Juli die Abschrift der Genehmigung vom Regierungspräsidenten aus Koblenz, damals „Coblenz“ erhielt.


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