"Nur in Europa hatten wir eine Chance"

Migration Flüchtlinge in Braunfels als Beispiel gelungener Integration / Mit Workshops Vorurteile abbauen

Heres (v.l.), Haroon, Reham und Ahmad haben in Braunfels ein neues Zuhause gefunden. Ahmad hat inzwischen eine Festanstellung im Freibad 
bekommen, seine Freundin Reham und die beiden Brüder aus Afghanistan besuchen ihn gerne dort. (Foto: Jung)

Reham (v.l.), Ahmad, Heres und Haroon haben in Braunfels ein neues Zuhause gefunden. Ahmad hat inzwischen eine Festanstellung im Freibad 
bekommen, seine Freundin Reham und die beiden Brüder aus Afghanistan besuchen ihn gerne dort. (Foto: Jung)

Reham (v.l.), Ahmad, Heres und Haroon (unten)  haben in Braunfels ein neues Zuhause gefunden. Ahmad hat inzwischen eine Festanstellung im Freibad 
bekommen, seine Freundin Reham und die beiden Brüder aus Afghanistan besuchen ihn gerne dort. (Foto: Jung)

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Dass ihm das gelingt, stellt der 28-Jährige immer wieder unter Beweis – und das vor allem dann, wenn es um die Menschen geht, mit denen er sich am besten identifizieren kann: Flüchtlinge.

So seien im vergangenen Jahr einige von ihnen in das Braunfelser Schwimmbad gekommen, Deutsch konnten sie allerdings kaum: „Ich wurde angesprochen, ob ich dort als Dolmetscher aushelfen könne, dem bin ich natürlich gerne nachgekommen“, erzählt Ahmad. Sofort hat er angepackt, unterstützt und die Kommunikation miteinander ermöglicht: „Die Regeln konnte ich ihnen in ihrer Heimatsprache einfach besser erklären“, sagt Ahmad. Heute weiß er aber auch, dass ihm sein Engagement zu einer Festanstellung verholfen hat. Er arbeitet in Vollzeit im Braunfelser Freibad – und ist zufrieden, dass er diesen Job bekommen hat: „Es macht mir Spaß und es ist schön, zu erfahren, dass mich die Leute hier gerne haben.“

Unter ihnen sind häufig auch die afghanischen Brüder Heres und Haroon Farzan. Die drei haben sich über die Angebote der Braunfelser Flüchtlingshilfe kennengelernt und unter anderem einen Schwimmkurs absolviert. Gerne sind Haroon und Heres mit Ahmad unterwegs oder besuchen ihn im Schwimmbad. Heute sprechen sie alle sehr gut Deutsch, doch vor eineinhalb Jahren, als Heres und Haroon nach Deutschland kamen, war das noch anders: „Wir sprachen Persisch, Ahmad Arabisch. Vieles ging nur über Zeichensprache oder auf Englisch“, sagt Heres. Dass sie in Deutschland die Sprache sprechen, die hier heimisch ist, scheint ihnen fast selbstverständlich: „Das ist ein gutes Training für uns, wir brauchen diese Kenntnisse“, davon ist Heres überzeugt. Zur Zeit besuchen er und sein Bruder noch einen Sprachkurs, schließlich wissen sie, dass das mit Blick auf die Jobsuche ein ausschlaggebendes Argument ist: „Ich habe mich beworben und Praktika gemacht. Leider setzen viele voraus, dass wir perfekt sind und schon alles können. Dabei sind wir doch hier, um zu lernen“, findet Heres. Bislang sind er und sein Bruder auf der Suche nach einer Anstellung. An der Bildung mangelt es ihnen jedenfalls nicht: Haroon hat Bauingenieurwesen studiert, Heres war im journalistischen Bereich unterwegs. „Wir sind momentan auf der Suche nach einer Ausbildung, viele Arbeitgeber haben aber einfach zu hohe Anforderungen und zu wenig Vertrauen in uns, das macht es uns schwer“, schildert Heres. Haroon glaubt: „Wenn du in einem Unternehmen einsteigen willst, brauchst du dort einen Bekannten, der dir weiterhilft.“

Die Hoffnung aufgeben wollen die beiden aber nicht. Schließlich wissen sie von ihrem älteren Bruder, der einige Zeit vor ihnen nach Deutschland kam: „Wenn du etwas erreichen willst, musst du dich dafür starkmachen.“ Und das glaubt auch Ahmad: „Ihr könnt das schaffen, wenn ihr es wirklich wollt“, sagt er – schließlich ist er der beste Beweis dafür.

Am Ziel angekommen ist Ahmad allerdings auch noch nicht: „Bademeister ist mir nicht genug“, sagt er. Denn Ahmad war in seiner Heimat im IT-Bereich tätig und hat ein Wirtschaftsstudium begonnen: „Da mir mein Abitur hier nicht anerkannt wurde, müsste ich das erst noch nachholen. Dann noch studieren – das würde alles zu lange dauern“, glaubt Ahmad. Stattdessen bewirbt er sich gerade bei der Stadt Wetzlar und dem Lahn-Dill-Kreis um eine Stelle und hofft, dass er diese Chance bekommt.

Bis dahin wird Ahmad weiter im Schwimmbad aktiv sein. Doch nicht nur das: Er ist zudem Mitglied im Braunfelser Partnerschaftsring und hat dort unter anderem Workshops angeboten: „Ich möchte, dass die Leute wissen, warum wir nach Deutschland gekommen sind. Viele Deutsche denken, wir sind wegen dem Geld hier. Ich sage ihnen: Wir hatten keine andere Wahl. Wir hätten in unserer Heimat sterben müssen. Unsere letzte Chance war eine lebensgefährliche Flucht über das Meer. Nur in Europa hatten wir noch eine Chance.“

„Die Leute sind so nett, dass ich mein Heimweh oft vergesse“

Ahmad ist sehr dankbar, dass er in Braunfels eine neue Heimat gefunden hat, wo die meisten Leute Verständnis für seine Situation haben. Und das sind Heres und Haroon auch: „Natürlich sind wir glücklich darüber“, bekräftigt Haroon. Bruder Heres sagt: „Die Leute sind so nett, dass ich mein Heimweh oft vergesse.“

Während Ahmad gerne Breakdance tanzt und auch dafür schon einen Kurs angeboten hat, engagieren sich Haroon und Heres im Braunfelser Volkstanzkreis – recht ungewöhnlich für zwei junge Männer Mitte 20. Ihnen macht es trotzdem Spaß, und sie glauben: „Wenn wir uns an vielen Stellen einbringen und in Kontakt mit den Leuten treten, fällt uns die Sprache leichter – und es öffnen sich neue Türen.“

Ahmads Engagement hingegen hat sich auch schon auf ganz andere Weise gelohnt. In seiner Funktion als Dolmetscher hat er seine heutige Freundin Reham kennengelernt, die ebenfalls aus Syrien stammt: „Ich habe mich für viele Flüchtlinge eingesetzt und ihnen bei verschiedenen Dingen geholfen. Zum Glück war unter ihnen irgendwann auch Reham.“


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