"Oma fehlt mir"

HELFT UNS HELFEN Claudia Hörbel ist eine junge Frau mit Trisomie 21, die um ihre Oma trauert

An die Zeit mit Oma erinnern: Claudia und ihr Opa schauen sich oft zusammen Fotos an. (Foto: Berns)

Die fröhlichen Gefühlsausdrücke mag Claudia am liebsten: „Emoji“-Karten helfen bei der Trauerarbeit, über Gefühle zu sprechen. (Foto: Berns)

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Fast genau ein Jahr ist es her, dass Oma Hildegard oder Oma Hörbel, wie Claudia sie auch nannte, gestorben ist. 78 Jahre wurde sie alt. Es kam nicht aus heiterem Himmel, die Großmutter hatte Brustkrebs im Endstadium. Trotzdem ist es auch nicht verwunderlich, dass für Claudia mit dem Tod der Großmutter eine Welt zusammenbrach, denn die Bindung zwischen den beiden war sehr eng. Und sie war geprägt von großem, gegenseitigem Verständnis, einem Verständnis, das oft keiner Worte bedurfte.

„Die Oma war immer ganz lieb zu mir und ich war ganz traurig“

Die Oma, so beschreiben es Außenstehende, liebte ihre Enkelin. Und das nicht obwohl, sondern gerade weil Claudia so ist, wie sie ist. Die 21-Jährige hat Trisomie 21. Laut Statistik kommt jedes 650. Kind mit dem so genannten Down-Syndrom zur Welt. Es handelt sich, das muss betont werden, jedoch nicht um eine Krankheit, vielmehr ist Trisomie 21 eine genetische Besonderheit. Claudia ist etwas Besonderes. Nur selten begegnet man im Leben wohl Menschen, die über mehr Empathie verfügen.

Und so spürt die junge Frau mit den lebhaften grün-braunen Augen und den langen, rot-blonden Haaren oft sofort, wenn etwas nicht in Ordnung ist, beziehungsweise, wenn es Menschen in ihrem Umfeld schlecht geht. Es verwundert daher nicht, dass Claudia ihre Großmutter jeden Abend besuchte, ihr vorlas und zum Schluss fast als Einzige ihre Hand streicheln durfte. Früher hatten sie oft zusammen gebastelt oder gebacken. Doch nachdem der Krebs bei Hildegard Hörbel ausbrach, verschlechterte sich deren gesundheitlicher Zustand kontinuierlich. Zum Schluss musste sie vom Team für spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) Lahn-Dill zu Hause betreut werden. In dieser Zeit entwickelte Claudia starke Ängste. „Die Oma war immer ganz lieb zu mir und ich war ganz traurig“, beschreibt die 21-Jährige selbst ihre Situation.

„Der Pflegedienst, der Frau Hörbel ambulant, palliativ versorgte, hatte mitbekommen, dass Claudia sich zurückzog, gerade auch von der Oma. Dahinter steckte die Angst, die Oma zu verlieren, und der Versuch, das Unausweichliche zu verhindern beziehungsweise nicht mitzuerleben“, erklärt Petra Gießler, hauptamtliche Koordinatorin bei „Charly&Lotte“. Die Mitarbeiter der palliativen Betreuung sprachen Claudias Mutter an und gaben ihr den Hinweis auf „Charly&Lotte“. Die nahm das Angebot an und kurz drauf besuchte Petra Gießler die Hörbels.

Doch warum kümmert sich die Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche um die 21-Jährige? Ganz einfach, Claudia trauert, bedingt durch die Trisomie 21 eher wie ein Kind. Das erlebt man vor allem, wenn sie bei ihrem Opa Heinrich zu Besuch ist. Das ist sie oft.

Auch der Großvater vermisst seine Frau sehr und so sprechen die beiden viel über Oma Hildegard. Gemeinsam erinnern sie sich an viele schöne Begebenheiten und Erlebnisse.

Und Claudias Stimmung schwankt dabei regelmäßig, das sieht man deutlich an ihrer lebendigen Mimik. „Kinder, die trauern, springen von Pfütze zu Pfütze. Im einen Moment lachen sie, dann sind sie wieder ganz in sich gekehrt oder tieftraurig“, erläutert Gießler das Trauerverhalten von Kindern.

Ganz ähnlich ist es bei Claudia. Im einen Moment lacht sie herzlich, die Augen strahlen. Dann wird sie nachdenklich, wenn sie über ihre Oma spricht und hat bisweilen sogar Tränen in den Augen. „Wenn ich ein Bild von der Oma sehe, dann werde ich wieder traurig. Die Oma fehlt mir“, sagt sie. Viel geweint habe sie, als die Oma gestorben ist, erzählt die 21-Jährige. Das ist jetzt schon besser. Trotzdem vermisst sie ihre Großmutter immer noch sehr. So sehr, dass sie manchmal aufsteht, durch die Wohnung der Großeltern läuft und nach der Oma ruft.

Vor einem Jahr war die Trauer noch so schlimm, dass Claudia sich komplett zurückzog. „Sie wollte noch nicht mal mit auf die Beerdigung“, sagt ihr Großvater. „Ich war einfach zu traurig“, erklärt Claudia das heute. Gerade in dieser Zeit war es wichtig, dass Petra Gießler da war, zu der Claudia mittlerweile eine enge Bindung aufgebaut hat. „Sie hat mich in den Arm genommen und getröstet“, erzählt die 21-Jährige.

Petra Gießler hat allerdings noch mehr getan. In einer großen Tasche, ihrer Notfalltasche, hat sie allerlei Dinge, die beim Verarbeiten der Trauer helfen können. Diese Tasche nimmt sie immer mit, wenn sie einen ambulanten Termin hat. Claudia hat sie vor einem Jahr eine Baumscheibe mitgebracht, in deren Mitte ein Teelicht ist. Das zündet Claudia für ihre Oma an.

Wenn Claudia mit Petra Gießler spricht, dann kommen auch Dinge wie der „Stimmungswürfel“ oder „Emoji“-Karten zum Einsatz. Rituale und Symbole sind in der Trauerarbeit wichtig. „Wenn Claudia ihre Gefühle nicht ausdrücken kann oder es ihr schwerfällt, darüber zu sprechen, dann kann sie sie so kommunizieren“, erklärt Gießler. Bei den „Emojis“ mag Claudia am liebsten das fröhliche Gesicht.

Ihre Offenheit hilft auch Petra Gießler: „Es gibt Tage, da strengt sie mein Besuch einfach zu sehr an, auch körperlich. Das sagt sie dann ganz offen und dann dauert die Sitzung halt nur eine halbe Stunde. Sie sagt auch immer, wenn ihr etwas zu weit geht, sie über etwas nicht sprechen möchte. Sie trägt keine Maske und das ist sehr erfrischend.“

„Manchmal ist Claudia sorgenvoll und macht sich viele Gedanken über den Opa, weil der jetzt ganz alleine ist“

Die Gespräche, aber auch das Besuchen des Grabs der Oma auf dem Friedhof, das Basteln eines Holzengels oder eines Erinnerungsarmbands gehören zu den Dingen, die Claudia geholfen haben, ihre Trauer bisher gut zu verarbeiten. Dennoch ist nicht alles rosarot, denn Trauern ist bisweilen ein langwieriger Prozess. „Manchmal ist Claudia sorgenvoll und sie macht sich viele Gedanken über den Opa, weil der jetzt ganz alleine ist“, berichtet Gießler. Um ihren Opa kümmert sich Claudia seit dem Tod der Oma intensiv und der ist ihr dafür dankbar: „Sie ist so feinfühlig, wenn ich traurig bin. Sie passt auch immer auf, dass ich meinen Stock mitnehme, den ich seit meinem Schlaganfall brauche.“

Claudia sitzt neben ihrem Opa und umarmt ihn. Sie reden über die Zeit, als die Oma noch lebte, das gemeinsame Waffelbacken, den Hochzeitstag der Großeltern und noch vieles mehr. Wenn sich der Opa an etwas nicht richtig erinnert, dann klopft Claudia ihm freundlich, aber bestimmt auf die Schulter und korrigiert ihn. „Oma und ich haben viel mit Blumen gebastelt, weißt du noch?“, fragt sie ihn.


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