Prozess um totes Baby: Verteidigung fordert Freispruch

JUSTIZ Staatsanwalt sieht Totschlag 
an neugeborener Tochter als belegt an

Seit ihrer Festnahme im März 2016 schwieg die 23-jährige Angeklagte. (Foto: Gross)

Vom Mord, von dem noch in der Anklageschrift die Rede war, spricht er allerdings nicht mehr. Noch bevor die Plädoyers gehalten werden, bittet Faß den Vorsitzenden Richter Andreas Janisch darum, den rechtlichen Hinweis zu erteilen, dass statt Mordes auch eine Verurteilung wegen Totschlags infrage kommen könnte. Ein rein prozessualer Schritt, dem Janisch auch stattgibt – nicht ohne anzumerken: „Dies hat auf das Urteil der Kammer keinen Einfluss. Es kommen auch weiterhin ein Freispruch der Angeklagten oder eine Verurteilung wegen Mordes infrage.“

Gleichwohl ist es dann Totschlag, den Faß als vollendet ansieht und so elf Jahre Haft fordert für die 23-jährige Angeklagte aus Schöffengrund. Die für einen Mord notwendigen „niederen Beweggründe“ sieht Faß nicht erfüllt. Er sehe im Einklang mit der psychiatrischen Sachverständigen keine „krasse Selbstsucht“ bei der jungen Frau. In der Anklageschrift hieß es, das Kind sei getötet worden, weil es das „angenehme Leben“ der Frau gestört hätte.

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Der Staatsanwalt rekonstruiert, was aus seiner Perspektive am 1. Dezember 2015 geschehen sein muss: Demnach machte sich die Hochschwangere gegen 7 Uhr von Schöffengrund aus auf in eine Gießener Klinik – laut Faß, weil das anonymer sei, als eine Geburt in Wetzlar. Im Klinikum habe sie gesagt, es sei ihr erstes Kind. Der Arzt sprach später von der „Geburt des Jahres“, so komplikationslos sei sie verlaufen. Wenig verwunderlich: Zwei Geburten hatte die Frau bereits hinter sich. Ein Kind lebt bei ihr, eines gab sie zur Adoption frei.

Nach der Geburt, so Faß, habe sich die junge Frau sehr emotionslos gezeigt, Glückwünsche kaum entgegengenommen, dem Handy mehr Aufmerksamkeit als dem Baby geschenkt. Und nach wenigen Stunden sei sie wieder in Richtung der Heimat aufgebrochen. Die Bewegungsdaten des Telefons wurden ausgewertet: „Es ist nicht wahrscheinlich, dass sie auf dem Weg einen Halt einlegte, um das Kind jemandem zu übergeben“, fasst Faß zusammen. Es müsse also mit nach Hause genommen worden sein. Telefonate, die die junge Frau nachweislich nach der Geburt geführt habe, seien allein ein Mittel der Ablenkung und der Bestätigung, dass gerade niemand daheim sei.

Dort angekommen, so Faß überzeugt, habe die Angeklagte das Kind auf unbekannte Weise getötet und in Behältnissen für Jagdabfällen entsorgt. „Wie uns ein Zeuge berichtete, ist die Entsorgung ein geschlossenes System. Und die Angeklagte wusste, dass die Tonnen etwa alle zwei Wochen abgeholt werden“, sagt Faß.

Als „völligen Quatsch“ bezeichnet er die Behauptungen der Frau, eine Disko-Bekanntschaft namens JayJay sei der Vater des Kindes, er habe es mit in seine Heimat genommen. „Es gibt diesen JayJay nicht“, ist Faß überzeugt: Nicht in Wetzlar, nicht bei Menschen seiner Nationalität in der Region sei er bekannt. Auf dem Handy der Angeklagten ließen sich keine Spuren von ihm finden, im Internet ebenso wenig. Ominöse Anrufe im Büro des Staatsanwalts seien ergebnislos im Sand verlaufen. Ergo: JayJay sei eine Erfindung.

Verteidiger werten 
das Plädoyer des Staatsanwalts als 
reine Spekulation 
und frei von Fakten

Das wiederum stellen die Verteidiger Julia Nedoma und Klaus Dieter Henze als ebenso spekulativ dar, wie den Rest von Faß’ Plädoyer. „Es gibt keinen Beleg, dass das Kind nicht doch noch lebt“, sagt Nedoma und fasst so die ganze Problematik des reinen Indizienprozesses zusammen. Die Angeklagte selbst hatte zu der Tat durchweg geschwiegen und behielt dies bis zum Ende bei.

Einen impliziten Vorwurf richtet Nedoma an die Familie des Lebensgefährten der jungen Frau, bei dem diese wohnte: Sie sei auch im Herbst 2015 noch in Unterwäsche durch das Haus gelaufen. Sie habe das Bett mit ihrem Partner geteilt. Und auf einem dem Gericht vorliegenden Foto der Angeklagten auf einem Pferd könne man „mit offenen Augen“ Zeichen einer Schwangerschaft erkennen. Alle Aussagen der Familie, also auch mögliche belastende, stünden unter dem negativen Eindruck einer vorangegangenen Hausdurchsuchung und der Furcht vor einem Ansehensverlust in der Gemeinde.

Gegen die geplante Tötung, betonen die Verteidiger, spreche die Entbindung im Krankenhaus unter Angabe aller vollständig korrekter, persönlicher Daten. Henze hat einen ausführlichen Blick in ähnliche Verfahren geworfen und hält fest: Alle Fälle, in denen eine Schwangerschaft verheimlicht und das Kind nach der Geburt getötet worden ist, seien verbunden mit einer Hausgeburt. Und schließlich habe die Frau, in einer frühen Vernehmung erstmalig mit dem Tötungsvorwurf konfrontiert, entrüstet geantwortet: „Ich bin doch kein Monster.“ Schließlich sei es kein Beleg für die Nicht-Existenz JayJays, dass dieser nicht aufgefunden werden könne. Dass die Angeklagte auch hierzu schweigt, könne ganz eigene Gründe haben, die aber eben nicht in einer Kindstötung lägen.

Es könne nur einen Freispruch geben, sagt Henze. Wie die Kammer dies sieht, zeigt sich beim Urteil am Donnerstag, 20. Juli, um 15 Uhr im Landgericht.


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