Revolution

Alltagssorgen prägen in Wetzlar das Leben auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs

 

 

Vor 100 Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Denkmäler wie dieses in Niedergirmes erinnern an die Millionen Toten. (Foto: Reeber)

(Quelle: Stadtarchiv Wetzlar)

Ein Extrablatt des Arbeiter- und Soldatenrates lud die Bürger für den 13. November zu einer Kundgebung auf dem Domplatz ein. (Foto: Tauer)

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Der Umbruch, der als Novemberrevolution in die Geschichte einging, wurde vorangetrieben durch die Ereignisse in den Großstädten – mit Massendemonstrationen, Streiks und Befehlsverweigerung unter den Soldaten. Abseits der Metropolen ging der Wandel erstaunlich ruhig vonstatten. „Der Übergang von den alten in die neuen Verhältnisse hat sich bei uns bis jetzt ohne alle Störung vollzogen. Es ist nicht die geringste Unordnung vorgekommen und die Arbeit in den Werken und Geschäften geht ihren gewohnten Gang“, schreibt der Wetzlarer Anzeiger am 11. November. Bereits am 10. November hatte sich der Soldatenrat unter der Leitung von Hauptmann Heinrichshofen gebildet und übernahm die Überwachung von Stadt, Bahnhof und Kriegsgefangenen. Dem Soldatenrat schlossen sich Vertreter der Arbeiterschaft an. Die Räte kooperierten mit der Stadtverwaltung. Wenige Tage später am 15. November signalisierte auch die Wetzlarer Stadtverordnetenversammlung einstimmig ihren Willen zur Zusammenarbeit, wie das Sitzungsprotokoll vermerkt

Am 13 November, einem Mittwoch, strömten auf dem Domplatz Hunderte von Bürgern zusammen. Der Arbeiter- und Soldatenrat hatte zur Kundgebung eingeladen. „Dichtgedrängte Massen umgaben die mit Tannengrün ausgeschlagene Rednertribüne, vor welcher ein rotes Band flatterte, während aus den Fensterreihen ringsum die Blicke zahlreicher Zuschauer auf das ungewohnte Schauspiel gerichtet waren.“ So beschreibt es der Reporter des Wetzlarer Anzeigers. Fast schon im Geiste künftiger Sozialpartnerschaft hatte die Arbeitgeberseite in der Arbeitsgemeinschaft für Übergangswirtschaft in Wetzlar den Beschäftigten am Nachmittag freigegeben, – um der Bürgerschaft eine allgemeine Feier der veränderten Verhältnisse zu ermöglichen“. Das Ganze bei vollem Lohnausgleich.

Sozialdemokrat Albrecht Fauth versprach baldige Wahlen zur Nationalversammlung, rief zur Ruhe auf und sprach die prekäre Ernährungslage an. An den folgenden Tagen appellierte Landrat Dr. Wilhelm Sartorius via Zeitung an die Landwirte des Kreises Wetzlar: „Versagt diese Versorgung, so drohen uns Allen, nicht zum geringsten der Landwirtschaft, die schlimmsten Folgen ... was in den Städten keine Nahrung mehr findet, wird sich auf das Land ergießen, um dort seinen Hunger zu stillen.“ Sartorius kündigte harte Strafen gegen „Schleichhandel“ und „Wucherpreise“ an. Postwendend konterte Wilhelm Lenz aus Hörnsheim im Wetzlarer Anzeiger: „Unwahr ist, dass die Landwirte die Kartoffeln zurückhalten. Die Ortsvorsteher können auch beweisen, wenn ein Waggon verladen wird, dass immer mehr Angebote da sind, als sie für den Waggon brauchen.“

Behörden überwachten die Lebensmittelausgabe und mahnten: „Deshalb benutze jeder, und besonders jede Hausfrau, die jetzt gebotene Gelegenheit. Es kann nicht dringend genug empfohlen werden: Schneidet möglichst viel Weißkraut selbst ein! Macht Rote Beete in großen Mengen ein!“

Das Problem eines drohenden Versorgungsengpasses war real. Durch die Demobilisation der Truppen und die erwartete Rückkehr Zehntausender Soldaten von der Front kamen große Herausforderungen auf die Städte zu. Auch Wetzlar gehörte zu den Durchgangsorten dieses gewaltigen Heeres. Fotos von der Ankunft der Soldaten zeugen indes von strikter Disziplin, betont Irene Jung, Leiterin des Stadtarchivs Wetzlar.

Zentrale Aufgabe der Arbeiter – und Soldatenräte in Wetzlar und in den Nachbarstädten wie Gießen, Dillenburg, Marburg oder Weilburg war die Aufrechterhaltung der Ordnung. In Wetzlar wurde die Polizeistunde von 9 Uhr abends bis 7 Uhr morgens verkündet. Ausgenommen waren nur Schichtarbeiter. Unmissverständlich machte der Arbeiter- und Soldatenrat klar: „Wer beim Rauben und Plündern angetroffen wird, wird standrechtlich erschossen.“ Alle ließen sich nicht abschrecken: Der Gießener Anzeiger warnte etwa vor Wäsche- und Hühnerdieben im Raum Wetzlar. Bei Tiefenbach wurden Eisenbahnwaggons ausgeraubt. Die Beute: Feldpostpakete und Wein.

Trotz der Erleichterung, dass das große Sterben in den Schützengräben an der Front ein Ende hatte – das Leben war nicht einfach im Spätjahr 1918. Zum knappen Angebot an Lebensmitteln kam der Mangel an Kohle und Gas. Sparappelle ergingen, das Stadtbad Wetzlar wurde geschlossen. Gegen die Wohnungs- und Arbeitsnot bewilligte die Stadtverordnetenversammlung 500 000 Mark.

Ausdruck der grassierenden Unsicherheit war das „Hamstern“ von Geld. Das brachte die Banken an den Rand einer Existenzkrise, Notgeld wurde ausgegeben. Und noch immer erhielten Eltern traurige Gewissheit vom „Heldentod“ ihres Sohnes, wie Todesanzeigen belegen. Insgesamt starben rund 450 Männer aus Wetzlar im Ersten Weltkrieg – bei einer Einwohnerzahl von damals 13 000 Bürgern.

Der Not zum Trotz gab es ein Bedürfnis nach Ablenkung: Das Lichtspielhaus Gießen etwa zeigte „Das Himmelsschiff“ – angekündigt als „das gewaltigste Filmwerk aller Zeiten“ mit 50 000 Mitwirkenden. Wer es vorzog, statt politischen Vorträgen zu lauschen, einfach mal Lachen zu können, der kam in der Gaststätte „Alt-Reichsstadt“ bei „ Humoristischer Unterhaltung“ auf seine Kosten.

Die evangelischen Pfarrer des Kreises Wetzlar verlangten hingegen: „Suchet nicht dem Gericht des Allmächtigen Euch zu entziehen, sondern erkennet seinen ernsten Ruf zu rechtschaffener Buße und Lebenserneuerung!“

Und auch die politischen Gegner des Neubeginns regten sich schon. So verweist ein nicht namentlich gekennzeichneter Beitrag im Wetzlarer Anzeiger auf die sogenannte Dolchstoßlegende. Darin heißt es: „Während unsere Brüder draußen im letzten Kampfe stehen, während unsere Friedensunterhändler sich anschicken, mit dem Feinde in Verbindung zu treten, sehen wir in unserem Vaterlande einen Zustand der Auflösung und Disziplinlosigkeit einreißen... Russische Verhältnisse sollen wir bekommen, wenn es nach dem Wunsch und Willen der Agenten des Auslandes geht, die in Schafskleidern unter uns herumlaufen.“

Der Waffenstillstand mit seinen harten Bedingungen, all das hat wohl dazu beigetragen, dass ausgelassene Freude über das Kriegsende – zumindest in der Zeitung – nicht auftaucht. An der Zensur konnte es nicht mehr liegen. Die war am 12. November aufgehoben worden. Isabelle Berens vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde an der Philipps-Universität Marburg hat dafür diese Erklärung: „Die Kriegshandlungen waren zwar beendet. Aber die Menschen wussten nicht, was der Frieden mit sich bringen würde.“

 

AUCH FRAUEN DÜRFEN WÄHLEN

Das Kriegsende und die Revolution brachten auch wesentliche Veränderungen für die gesellschaftliche Stellung der Frau. Der Rat der Volksbeauftragten, der am 9. November 1918 mit dem SPD-Reichskanzler Friedrich Ebert an der Spitze die vorläufige Regierung bildete, verkündete als eine seiner ersten Entscheidungen die Einführung des Frauenwahlrechts. Das Reichswahlgesetz trat am 30. November 1918 in Kraft.


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