Richter mahnt: „Einigen Sie sich!“

ARCHÄOLOGIE  Erster Termin im Streit um den Pferdekopf endet mit Kompromissvorschlag

Um diesen antiken, lebensgroßen Pferdekopf  geht es: Das Landgericht Limburg verhandelt seit Freitag den Rechtsstreit um den vergoldeten Teil eines Reiterstandbildes, das 2009 in Waldgirmes gefunden wurde. (Foto: dpa)

Im August 2009 präsentierten Hessens damaliger Landesarchäologe Egon Schallmayer (l.), die hessische Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) und Friedrich Lüth, Erster Direktor der Römisch-Germanischen-Kommisssion, in Frankfurt erstmals den Pferdekopf aus Waldgirmes. (Archivfoto: Dedert/dpa)

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Nur gut 20 Minuten dauert das Spektakel am Freitag. Kamerateams drängen sich im schmucklosen Saal 22 des Gerichts. Der Raum wirkt überladen. Blitzlichtgewitter, als die Anwälte durch die Tür kommen. Auf der einen Seite das Land, vertreten von einem Anwalt, einer Archäologin des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und dem Justiziar des Landesamtes für Denkmalpflege.

Auf der anderen Seite zwei Anwälte, die den Landbesitzer aus Waldgirmes vertreten, dessen Forderung nach einer angemessenen Beteiligung am Sensationsfund das Verfahren ins Rollen gebracht hatte. Der Kläger sitzt auf einem Stuhl in der letzten Reihe im Zuschauerraum, verfolgt das Geschehen aufmerksam, sagt nichts.

Um zehn vor elf beendet der Richter Knapp den Termin und gibt den Parteien zwei Zahlen mit in die Weihnachtszeit. „Einen Betrag von 500 000 bis 530 000 Euro könnten wir uns vorstellen“, sagt er.

Es ist die Summe, die die Vierte Zivilkammer als Kompromiss im Streit um die Entschädigung für den 2009 gefundenen Pferdekopf vorschlägt. Das Gericht setzt eine Frist für die Stellungnahmen: 16. Januar 2017.

Das Gericht entscheidet nicht, macht aber klar: Hessen setzt den Wert viel zu niedrig an

Ein Urteil ist das nicht. Wohl aber ein deutlicher Fingerzeig der Kammer ans Land. Hessen nämlich, und hier das Regierungspräsidium Gießen als für die Entschädigung zuständige Behörde, hat dem Waldgirmeser Landwirt, auf dessen Grund der Pferdekopf gehoben wurde, 48 000 Euro Entschädigung geboten.

Weil zum Zeitpunkt des Fundes galt, dass ein Grundstücksbesitzer 50 Prozent des Werts eines Fundstücks zu bekommen hat, nimmt das Land den Wert des Kopfes also mit etwa 100 000 Euro an.

Zu wenig, wie der Grundbesitzer sagt und wie auch das Gericht findet. Vom Land werde offenbar der rein wissenschaftliche Wert des Pferdekopfes zu Grunde gelegt, sagt Richter Knapp in der Verhandlung. Die Höhe der Entschädigung aber bemesse sich nach dem Verkehrswert, so der Richter mit Verweis auf das Hessische Enteignungsgesetz.

Oder in anderen Worten: Das Land hat sein eigenes Gesetz nicht korrekt angewendet. Der Anwalt des Waldgirmesers nennt das Vorgehen gar „unanständig“. Durch die niedrige Schätzung wolle sich Hessen billig aus der Affäre ziehen. Was Jan Viebrock, Justiziar des Landesamtes für Denkmalpflege, anders sieht: Das Wertgutachten des Regierungspräsidiums, mit dem das Land argumentiert, stamme von einem „unabhängigen Gutachter“.
Apropos: Auch die von der Klägerseite vorgelegte Schätzung eines Wertes von 3,6 Millionen Euro hält das Gericht für falsch. Sie war vom Baseler Antikhändler Cahn angefertigt worden.

Das Gericht aber geht davon aus, dass für die Schätzung des Verkehrswertes nur der nationale Markt betrachtet werden darf, schließlich sei der Pferdekopf nationales Kulturgut und könne nicht ins Ausland verkauft werden. Und da seien nach Einschätzung der Kammer wohl „nur“ 1,8 Millionen Euro zu erlösen, mithin also eine Entschädigung für den Landwirt von 900 000 Euro.

Womit wir wieder bei den 500 000 bis 530 000 Euro wären. Bevor in Waldgirmes das Angebot von 48 000 Euro Entschädigung einging, habe das Landesamt für Denkmalpflege einmal selbst die Summe von 402 000 Euro ins Gespräch gebracht, zitiert Knapp aus den Akten. Der Betrag sei dann in Gießen reduziert worden. „Wir nehmen das zur Basis und sagen: Legen Sie noch etwas drauf und einigen Sie sich“, rief Knapp den Parteien zu.

Wenn es keine Einigung gibt, wäre ein sechstes Gutachten nötig – doch das ist beim Pferdekopf gar nicht so einfach

Wenn das nicht passiere, sei die Erstellung eines weiteren, des dann sechsten, Gutachtens nötig, so der Richter. Das sei allerdings nicht gerade leicht, da der Pferdekopf ein Unikat sei. Zudem müsse sein Wert im Fundjahr 2009 bestimmt werden. Gesucht werde also ein Gutachter, der den Wert eines Unikats auf dem deutschen Markt vor sieben Jahren angeben könne. „Uns fällt da spontan niemand ein“, sagte der Richter.

Doch vielleicht kommt es gar nicht so weit. Bertold Schmidt-Thomé, Anwalt und Kunsthistoriker, der den Waldgirmeser Grundbesitzer vertritt, ist positiv gestimmt: „Ich kann mir gut vorstellen, dass ein neues Gutachten zu einer Entschädigung deutlich höher als bei 500 000 Euro liegen würde.“ Man werde sich den Vorschlag des Gerichts „in der gebotenen Ruhe zu Gemüte führen“ und sei offen für Gespräche mit dem Land.

Einmal ist das Corpus Delicti – der mittlerweile restaurierte Pferdekopf – am Freitag im Gerichtssaal dann doch zu sehen. Richter Knapp hält zwei Bilder hoch, „damit auch die Zuschauer einmal sehen, worum es geht“. Er habe sich die Fotos besorgt, erklärt er, „weil ich ja auch neugierig bin, worum es geht“. Für die juristische Entscheidung, auch das macht der Richter klar, wird das Original in Limburg nicht gebraucht. Dafür sei letztlich auch das Risiko zu groß.

Übrigens könnte das Verfahren um den Pferdekopf eines der letzten seiner Art sein: Zwei Jahre nach dem Sensationsfund in Waldgirmes änderte das Land Hessen das Denkmalschutzgesetz und führte ein „Schatzregal“ ein. Seitdem gehören alle bedeutenden Funde automatisch dem Land.


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