Über Männer, Frauen und Verlage

Interview  Zoë Beck ist Verlegerin, schreibt Thriller und engagiert sich für Autorinnen

Als Autorin ist Zoë Beck auch am Stand des Suhrkamp-Verlages richtig. (Foto: Heiland)
Als Verlegerin ist sie am „CulturBooks“-Stand im Einsatz, wo sie unter anderem die Autorin Amanda Lee Koe aus Singapur vertritt. (Foto: Heiland)
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Damit nicht genug arbeitet sie als Synchronregisseurin, fungiert auf Lesereisen internationaler Autoren als deren deutsche Stimme, zum Beispiel für Denise Mina, Val McDermid und Carl Nixon, ist Mitglied im PEN-Zen-trum, Mitbegründerin des feministischen Schriftstellerinnennetzwerks „Herland“, Mitinitiatorin des Aktionsbündnisses #verlagegegenrechts. Und sie ist selbstverständlich auf der Frankfurter Buchmesse, die noch am Samstag und Sonntag geöffnet ist. Gleich mehrere gute Gründe für ein Gespräch; nicht am Stand, wegen des Trubels, sondern am Stehtisch eines Asia-Restaurants. Nette Portionen, hohe Preise, Messe eben.

Apropos Messe, Tausende von Menschen, es ist warm und laut. Nervt das nicht?

Zoë Beck: Es ist zumindest wahnsinnig anstrengend, wenn man sich den ganzen Tag den Gerüchen, dem Lärm und der schlechten Luft aussetzen muss. Man merkt es eigentlich erst richtig Sonntagabend oder in der Woche drauf, dann werden nämlich die meisten von uns krank.

Nach dem Erfolg deines Thrillers „Die Lieferantin“: Woran arbeitet Zoë Beck gerade und wann kann man es lesen?

Beck: Ich schreibe derzeit am zweiten Buch für Suhrkamp das wäre dann mein insgesamt 18. Roman...

So viele sind es schon?

Beck: Ja, ich habe ja unter verschiedenen Namen geschrieben... Es wird keine Fortsetzung der „Lieferantin“ sein. Vielleicht gibt es thematische Verbindungen, vielleicht kommen Figuren wieder vor, aber ich wollte etwas anderes machen.

Mehr wird nicht verraten?

Beck: Nein, noch nicht, es wird aber natürlich wieder ein Kriminalfall sein, wieder etwas utopisch und dystopisch sein. Erscheinen soll das Buch im September 2019.

Du hast den Glauser-Preis bekommen, das Krimistipendium für Wiesbaden, die „Goldende Auguste“. Wie wichtig sind solche Preise?

Beck: Sie sind auf unterschiedliche Weise wichtig. Wenn sie dotiert sind, versteht es sich von selbst, man kommt zu Geld. Das ist das eine. Allerdings sind Literaturpreise, bis auf die großen, so gut wie nie dotiert. Daher sind Preise für die Pressearbeit und das Marketing wichtig. Dann kennen mehr Buchhandlungen deinen Namen, wird mehr Presse auf einen aufmerksam. Dafür sind Preise auch da.

Wie wichtig sind die Preise der Krimiautorin Beck für die Verlegerin Beck?

Beck: Das hat keine Auswirkungen. Denn die Bücher, die ich als Verlegerin mache, müssen für sich selbst sprechen. Da ist es egal, wie viele Preise ich habe. Da ist es eher wichtig, ob meine Autorinnen und Autoren Preise gewonnen haben.

Du und Jan Karsten haben 2013 CulturBooks gegründet, ein Verlag für deutsche und internationale Gegenwartsliteratur. „Wir machen, was uns gefällt“, heißt es auf der Homepage. Was gefällt euch?

Beck: Das heißt, dass wir verstärkt seit zwei Jahren – da sind wir richtig ins Printgeschäft eingestiegen, vorher waren wir ein Digitalverlag Texte aussuchen, für die wir brennen, die wir gerne bewerben und die wir selbst privat gerne lesen würden.

Zum Glück haben Jan und ich einen fast identischen Geschmack. Wir können uns schnell auf Autorinnen und Autoren wie Helen Oyeyemi und Amanda Lee Koe einigen und bei anderen waren wir uns ebenfalls schnell einig, sie nicht zu vertreten. Da fällt viel Streitpotenzial weg, deshalb haben wir viel Energie, uns auf die Sachen zu konzentrieren, die wir auch wirklich machen wollen.

Euer Verlag bietet sowohl E-Books als auch echte Bücher an. Ist das E-Book, wie gerne gesagt wird, auf dem Rückzug?

Beck: Das stimmt so nicht, denn bei den Verkaufszahlen wird nicht unbedingt alles erfasst, zum Beispiel ist der Selfpublishing-Bereich nicht erfasst und, soweit ich weiß, auch Sachen nicht, die Amazon als E-Book Only anbietet. Man kann sich also nicht auf diese Zahlen verlassen. Grundsätzlich ist es aber so, dass der Anstieg der E-Book-Leserschaft nicht so steil war, wie man das noch vor fünf Jahren gedacht hat. Damit der nächste Anstieg kommt, braucht es neue Software.

Vor allen Dingen hat sich herausgestellt, dass die Sachen, die es nur als E-Book gibt, dann erfolgreich sind, wenn sie reines Genre sind und genau die Erwartungen eines bestimmten Publikums erfüllen, zum Beispiel wenn es um Erotik oder um Aliens geht, da weiß der Leser, was kommt.

In Deutschland hat man nach wie vor eine eher patriarchalische Struktur

Bücher, bei denen er mehr Zeit braucht, um sich darauf einzulassen, um festzustellen, ob es überhaupt sein Thema ist, da wird es schwieriger. Diese Bücher brauchen Vermittlung und Vermittlung findet meistens in Buchhandlungen statt.

Ihr seid auch im Aktionsbündnis „Verlage gegen Rechts“ aktiv. Ist die Buchbranche zu unpolitisch?

Beck: Nein, es gibt viele politische Verlage, gleich, wo sie stehen, und es gab und gibt immer Menschen in der Branche, die politisch sind, und auch Verlage, die sich auf die Fahne schreiben: Wir sind ein politischer Verlag. Schwieriger wird es bei Verlagen, die sich raushalten wollen aber genau das tun sie nicht, weil sie bestimmte Autoren verlegen, von denen sie sich erhoffen, dass sie durch sehr populistische Bücher viel Geld verdienen. Ist das Zynismus oder geht es nur ums Geld oder steht der Verlag wirklich dahinter? Und falls nicht: Warum positioniert sich der Verlag dann nicht? Gut, es ist eben ein Geschäftsmodell und manche sagen: Ich halte mich da raus und verdiene Geld mit Büchern, die ich gut verkaufen kann. Andere sagen: Nein, ich schaue mir die Dinge sehr genau an und will in der Literatur oder im Sachbuch eine klare politische Aussage, gerne auch streitbar. Die einen tun’s, die anderen eben nicht.

Auch im Projekt #frauenzählen bis du engagiert. Es dokumentiert die Sichtbarkeit von Frauen in Rezensionen und Literaturkritiken. Ist das ein deutsches Phänomen?

Beck: Absolut nicht! Ich kenne das vor allem aus westlich geprägten Ländern, weil wir dort die meisten Kontakte haben. Es kommen jetzt aber viele tolle Stimmen aus Asien, aus Lateinamerika, aber hier in Deutschland hat man nach wie vor eine eher patriarchalische Struktur.

Zum Beispiel werden sämtliche Abiturprüfungen im Deutschunterricht mit Literatur von Männer bestritten, es sind kaum Frauen auf den Leselisten. In den Universitäten müssen sich die Fachschaften mit meist männlichen Professoren auseinandersetzen und sagen: Bitte nehmt mehr Frauen auf die Liste. Natürlich ist das auch unsere Prägung: Was relevant ist, kommt meist von Männer. Wir kennen es nicht anders. Und wir wollen vor allen Dingen darauf aufmerksam machen, dass man den Blick auch woandershin richten kann, dass Literatur von Frauen nicht gleich „Frauenliteratur“ ist, in der es nur um Liebe, Landschaft und ums Kochen geht.

Und wie soll die Lösung aussehen, eine Quotenregelung ist eher keine, oder?

Beck: Eine Quotenregelung ist in vielen Bereichen eine schöne Sache. In der Literatur ist es insofern schwierig, weil natürlich Bücher auch über die Personen, die sie geschrieben haben, verkauft werden. Und da kann man als Verlag nicht einfach sagen, wir verraten das Geschlecht nicht. Das kann man auch der Leserschaft nicht vermitteln. Wir versuchen zu sensibilisieren, dass ein Umdenken stattfindet, dass in den Schulen mehr Bücher von Frauen gelesen werden, dass man weiß, dass nicht nur Männer über die großen Themen schreiben und Frauen nur über Liebe.

Eigentlich sind ja in der Verlagsbranche schon viele Frauen, etwa 80 Prozent, auf den Führungsebenen ist es anders, aber eigentlich sind viele Frauen da. Es ist oft ein Wahrnehmungsproblem. Denn Bücher von Männern erscheinen schneller als Hardcover, das heißt, man wird in den Medien eher besprochen und bekommt mehr Aufmerksamkeit und es ist leichter, Preise zu bekommen; es ist eine ganz lange Kette...

Zoë Becks Texte sind aber auch auf Netflix zu finden, und zwar in der deutschen Übersetzung der US-Erfolgsserie „Orange is the new black“.

Beck: Ja, Stimmt. Ich habe die vierte Staffel übersetzt und lippensynchron getextet. Da führt aber ein anderer Regie und ich mache ehrlich gesagt lieber Sachen, bei denen ich die Dialogregie führen kann. Das habe ich zum Beispiel bei „The Terror“ gemacht, das läuft auch auf Amazon Prime.

Letzte Frage: Welches Buch liegt auf deinem Nachttisch?

Beck: Ich lese nochmals Aldous Huxleys „Brave New World“ und von Constanze Kurz und Frank Rieger „Cyberwar die Gefahr aus dem Netz“, ein Sachbuch.

Papierbuch oder Reader?

Beck: Die beiden Bücher lese ich, da ich derzeit viel unterwegs bin, digital, weil ich sonst zu viele Bücher schleppen müsste und ich muss derzeit schon genug Bücher schleppen.


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