Unheilbar krank – na und?

ENGAGEMENT Der in Wetzlar gegründete Verein "Lebensmut leben" hilft

Der Verein "Lebensmut leben" ist jederzeit auf der Suche nach Förderern, Mitgliedern und aktiven Unterstützern. (Foto: Kleinschmidt/dpa)

Begleitete Spaziergänge im Wald stehen auf dem Programm des Vereins „Lebensmut leben“. (Foto: Kahnert/dpa)

Sie ist eine der Gründerinnen von "Lebensmut leben": Andrea Lapp-Schreiber. (Foto: privat)

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Vier Operationen später strotzt die heute 50-Jährige, die selbst als Heilpraktikerin arbeitet, vor Lebensfreude – und steht damit sinnbildlich für den Verein „Lebensmut leben“. Den rief sie im August in Wetzlar mit weiteren Mitstreitern ins Leben. Auch, um anderen Menschen mit unheilbaren Krankheiten oder in Lebenskrisen Mut zu machen.

„Es hieß, dass ich im besten Fall noch 15 Monate leben werde“, berichtet die Wetzlarerin. Eine Prognose, mit der sie sich – das ist schnell klar – ganz und gar nicht abfindet. „Eine lebensbejahende Einstellung kann bei Therapien sehr helfen“, betont sie.

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Lapp-Schreiber verliert damals neben den Eierstöcken und der Gebärmutter auch einen Teil ihrer linken Brust und ein großes Stück Darm. Von all dem lässt sie sich ihre Lebensfreude, ihr Selbstbewusstsein und ihren Humor aber nicht zerstören. Im Bikini zum Strand? Darauf will sie trotz aller Narben am Körper auf keinen Fall verzichten. „Man darf dem Tumor keine Chance geben zu gewinnen“, sagt sie.

Doch der große Mut allein reicht nicht. Während der Therapie stellt sie sich allerlei Fragen: Wie geht es weiter? Und ist sie ohne Eierstöcke, Gebärmutter und vollständiger Brust überhaupt noch eine Frau?

Antworten bekommt sie damals dank ihres großen Netzwerks an Therapeuten und Freunden. Diese und viele weitere Kontakte sollen nun auch dem neu gegründeten Verein helfen.

Der Verein macht mit allerlei Aktivitäten Mut und bietet Coachings und Patenschaften an

Ansprechen möchte „Lebensmut leben“ Menschen mit vermeintlich unheilbaren Krankheiten. Aber auch solche in Krisen, die ihr Leben gehörig auf den Kopf stellen. Ob Menschen, die an Depressionen leiden oder ein Bein verloren haben – Grenzen sollen ganz bewusst nicht gezogen werden.

„Zu jedem Problem gibt es mindestens drei Lösungen“, sagt Lapp-Schreiber. Der Verein hilft Menschen dabei, diese zu finden oder das Beste aus dem Problem zu machen. Er will dort ansetzen, wo in der klassischen Medizin oft die Zeit fehlt: beim Umgang mit Patienten in einer Krise.

Derzeit laufen bereits verschiedene Aktionen, viele weitere sind in Planung. Oft geht es um schlichte zwischenmenschliche Hilfe. „Rausgehen ist zum Beispiel ganz wichtig. Waldluft ist gesünder als die muffige in der Wohnung und fördert das Immunsystem“, erklärt die Vorsitzende. In der Praxis sieht das so aus: Aktive des Vereins holen Betroffene ab, begleiten sie in den Wald und bringen sie nach Hause.

Möglich sind auch Spaziergänge, Ausflüge oder Tierbesuche, die zur Aufmunterung dienen sollen. Solche Aktivitäten seien für das Wohlbefinden enorm hilfreich, betont Lapp-Schreiber. Durch Kontakte im Sport sei es auch machbar, ein Treffen mit einem Fußballprofi zu arrangieren. Die Liste der Aktivitäten ist lang: Mit biologischen Baustoffen können Wände selbst gestaltet werden. Dazu kommen Theater-Workshops, Bodypainting, Foto-Sessions und ein Segelflug.

Ein Coaching-Angebot soll den Betroffenen gezielt helfen: Es reicht von Klangtherapie über Entspannungsverfahren bis hin zu Trauerarbeit und findet in kleinen Gruppen oder individuell statt. Dazu bietet der Verein Familienbetreuungen an und vermittelt auch Patenschaften. Menschen mit der gleichen oder einer ähnlichen Krankheit haben ein offenes Ohr für die Vielzahl an Fragen, die in diesen Krisen aufkommen und viele überfordern.

Zuletzt können beim Vorstand auch finanzielle und rechtliche Hilfen beantragt werden. Angestrebt sind Kooperationen mit Kliniken, gesetzlichen Krankenkassen, Hospizen, Ärzten und Unternehmen.

Seit der Gründung im August hat Lapp-Schreiber jede Menge Zuspruch bekommen – nicht nur aus Mittelhessen. Das Projekt soll aber zunächst einmal ein regionales bleiben – zumindest so lange, bis die Strukturen gewachsen sind.

„Ich habe noch niemanden getroffen, der das Leben überlebt hat“

Um möglichst viele Menschen auf seine Arbeit aufmerksam zu machen, plant der Verein in den nächsten Monaten einige öffentliche Aktionen. So soll es in der Weihnachtszeit etwa im Zentrum von Wetzlar, Gießen und Herborn Flashmobs geben. Ab dem nächsten Jahr erscheinen im offiziellen Mitteilungsorgan „coach!n/AKOM leben“ außerdem Fallbeschreibungen, Werdegänge und Geschichten von Erkrankten, Helfern und Förderern.

All die Arbeit wird Andrea Lapp-Schreiber so angehen wie immer: mit Lebensfreude und jeder Menge positiver Energie. Sie selbst lebt trotz immer wiederkehrender Bauchfellmetastasen und dem Gendefekt BRCA1 gut und fühlt sich gesund. Auch, wenn es immer mal wieder Behandlungsbedarf gibt.

„Ich bin laut Schulmedizin unheilbar krank – na und?“, sagt sie und hält fest: „Wir alle leiden von Geburt an an derselben unheilbaren Krankheit: das Leben. Ich habe noch niemanden getroffen, der es überlebt hat.“

 

DER VEREIN "LEBENSMUT LEBEN"

Seit August diesen Jahres besteht der gemeinnützige Verein „Lebensmut Leben e.V.“. Der Zweck des Vereins ist, Personen selbstlos zu unterstützen, die infolge ihres emotionalen und seelischen oder körperlichen Zustandes auf Hilfe anderer angewiesen sind. Dazu zählt insbesondere die Förderung des Lebensmutes von erkrankten Personen und deren Angehörigen.

Der Verein vermittelt Hilfe und Beratung, koordiniert Unterstützung von Krankheiten und Lebenskrisen und übernimmt Patenschaften für Kranke. Zum Angebot zählen auch Gruppenaktivitäten und Trauerbegleitung. Der Verein sucht jederzeit Förderer, Mitglieder und aktive Unterstützer.(hog)

Weitere Informationen gibt es auf www.lebensmut-leben.de.


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