Welsch läuft gegen seine Krankheit

Fitness  Griedelbacher absolviert 250 Läufe trotz Epilepsie

Schnürt zwei Mal die Woche die Laufschuhe: Michael Welsch aus Griedelbach. (Foto: Keller)
In Aktion: Michael Welsch bei einem seiner Läufe. (Foto: privat)
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„Sportlich war ich schon immer“, erzählt der Griedelbacher im Gespräch. Allerdings bis dahin eher im Fußball. Dass er mittlerweile seinen 250. Lauf absolviert hat, liegt vor allem an seiner Epilepsie-Erkrankung, die vor fast genau zehn Jahren diagnostiziert wurde.

Vier bis sechs Anfälle hat er in der Woche. Entweder morgens oder abends, schildert der 58-Jährige, der seinen früheren Beruf bei der Post seit 2009 nicht mehr ausüben kann. Allerdings verlaufe ein Anfall nicht so, wie man es sich landläufig vorstellt mit Zusammenbruch und Krampfanfällen.

„Morgens kann ich plötzlich die Zeitung nicht mehr richtig lesen, dann verschwimmen die Buchstaben“, schildert er. Was hilft? Raus an die frische Luft. „Dann geht es auch relativ schnell wieder“, sagt er.

Heftiger seien die Anfälle hingegen am Abend. Er fange dann plötzlich an, Dinge von einem Zimmer in das nächste zu räumen. „Daran kann ich mich dann aber auch gar nicht mehr erinnern“, berichtet Welsch über die Ausfälle, die bis zu zehn Minuten dauern können. Medikamente helfen ihm dabei, dass die Ausfälle nicht heftiger werden, aber irgendwann würden die Medikamente auch eine Grenze erreichen, erklärt er.

Über das Rausgehen an die frische Luft ist Welsch dann zum Laufen gekommen. „Ich musste ja irgendetwas machen und konnte mich nicht zu Hause verkriechen“, erzählt er.

Trainiert wird zwei Mal in der Woche, von mehr Übungen raten die Ärzte ab

Der Apfellauf 2008 in Laubuseschbach – ein Hobbylauf an dem jeder teilnehmen kann – war dann im Grunde der Startschuss für mittlerweile 250 absolvierte Läufe. Darunter Volksläufe, Halbmarathons und 2012 auch der erste Marathon für Welsch in Frankfurt.

Allein läuft der 58-Jährige aber nicht. Als „Griedelbacher Läufer“ sind sein Schwiegervater (77) und sein Sohn (27) häufig mit dabei. Und selbst der fünfjährige Enkel ist schon einmal mitgelaufen. „Mit vier Generationen sind wir unterwegs“, sagt Welsch und freut sich. Das nächste große Ziel der drei Läufer: der Allgäu Panorama Marathon bei Sonthofen im August.

Trainiert wird allein. Zwei Mal die Woche, mehr sollte es nicht sein, haben die Ärzte ihm geraten. Von seinem Haus im Ortskern von Griedelbach hat es der passionierte Läufer nur wenige Meter weit in den Wald. Zur Sicherheit meldet er sich bei seiner Frau immer ab und sagt ihr auch, wo er laufen will. Denn zumindest einmal hatte er beim Training einen Anfall. Eine angebrochene Schulter in Folge eines Sturzes war das Ende vom Lied. „Ich musste operiert werden, aber das ist alles wieder in Ordnung“, sagt Welsch und nimmt es, wie soll es auch anders sein, sportlich. An diesem Tag habe er seine Medikamente vergessen, dass passiere ihm nicht nochmal.

Unterwegs ist Welsch – aber nicht nur auf etlichen Volksläufen – aufgrund seiner Epilepsie nutzt er ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel – auch das Ehrenamt gehört zu seinen Leidenschaften.

Bei „Campus für Christus“ in Gießen packt er dienstags Schulranzen für Kinder in ärmeren Ländern. Jeden Mittwoch hilft er außerdem in der Gießener Bahnhofsmission. Spendet dort Trost, schenkt Kaffee aus und hört zu. Und donnerstags ist er als Begleitperson für Ausflüge der Alzheimergesellschaft Mittelhessen im Einsatz. „Jetzt im Winter fahren wir häufig ins Forum, im Sommer sind wir unter anderem in Braunfels oder auch mal Gießen unterwegs“, berichtet er. Dabei stelle er immer wieder fest, dass es ihm auch mit seiner Epilepsie-Erkrankung immer noch sehr gut gehe. „Da ist meine Krankheit doch gar nix dagegen“, sagt er. Allein für diese wöchentlichen Termine sei er mehrere Stunden mit Bus und Bahn unterwegs, er müsse jetzt ja aber nicht mehr genau auf die Minute achten. Das Laufen hat natürlich auch seinen festen Platz im Wochenplan von Michael Welsch. „Am Samstag steht entweder Training oder ein Lauf an.“

Weitere Mitglieder beim derzeitigen Läufertrio der „Griedelbacher Läufer“ sind übrigens willkommen. Am meisten würde Welsch sich freuen, wenn er Menschen, die auch an Epilepsie leiden, Mut machen könnte. Mut, die Laufschuhe zu schnüren und mit ihm zu loszulaufen.


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