Wenn der Ofen aus ist

ÜBUNG  Katastrophenschutz und Feuerwehr simulieren siebentägigen Stromausfall

(Foto: Stratenschulte/dpa)

Till Heller (v.l.) und Thomas Henke besprechen sich mit Feuerwehrleiter Erwin Strunk in der Leitstelle der Feuerwehr Wetzlar, während im Hintergrund der stadtinterne Krisenstab tagt. (Foto: Feuerwehr Wetzlar)
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„Zwei Tage kann man handhaben“, sagt Wetzlars Stadtbrandinspektor Erwin Strunk. Zwei Tage ohne Strom – für die meisten Menschen kaum vorstellbar. Was aber mindestens sieben Tage ohne Strom bedeuten, haben Strunks Kameraden, dazu die Stadtverwaltung, der Katastrophenschutzstab des Lahn-Dill-Kreises und neben Wetzlar auch die Städte Aßlar und Herborn sowie die Gemeinde Breitscheid am Wochenende geübt – ganz ohne Blaulicht, ohne Kameraden auf den Straßen, ohne Aufsehen. Sondern an Bildschirmen und hinter Telefonen, unter wachsamen Augen auch der Bundeswehr.

Wenn der Strom ausfällt, macht man Kerzen an, kuschelt sich in eine Decke und scherzt über den angeblichen Baby-Boom, der neun Monate später auf solch ein Ereignis stets folgen soll. „Sie haben kein Licht, Sie können in der Regel nicht heizten, Sie können nicht kochen, es fließt kein Wasser mehr, es wird auch kein Abwasser mehr entsorgt, Sie können nicht telefonieren, nicht ins Internet – am Strom hängt alles“, sagt Strunk. Die Wirklichkeit ist keine romantische Fantasie, vor allem nicht über Tage hinweg.

In Wetzlar stellen 28 Notbrunnen die Versorgung mit Trinkwasser sicher – doch wo liegen die?

Das Szenario: Schwere Stürme haben in ganz Deutschland und dem nahen Ausland Hochspannungsleitungen umkippen lassen, Kraftwerke mussten aus Sicherheitsgründen heruntergefahren werden, die Stromversorgung ist flächendeckend ausgefallen. Es kann also nicht mal eben aus Gießen oder Frankfurt der Katastrophenschutz zur Hilfe anrücken – denn die haben selbst genug zu tun. „Das ist eine Herausforderung, die man sich kaum vorstellen kann“, sagt Wetzlars oberster Feuerwehrmann.

Der Katastrophenschutzstab des Lahn-Dill-Kreises tagte im Stabsführungsraum in der Spilburg mit rund 70 Übungsteilnehmern aus Kreisverwaltung, Hilfsorganisationen, Bundeswehr und Polizei. Und in den Rathäusern steckten die Verantwortlichen der beteiligten Kommunen die Köpfe zusammen – in Wetzlar neben Strunk auch Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) und Dezernent Norbert Kortlüke (Grüne), der für die Wasserversorgung und die Stadthallen verantwortlich ist – beides von zentraler Bedeutung für den Ernstfall.

Am wichtigsten: Treibstoff. „Es ist schwierig, den Nachschub aufrechtzuerhalten“, sagt Strunk. Doch ohne Strom aus dem Netz ist Flüssiges das einzig Wahre. Doch ein Regie-Stab konfrontierte die vielen Stellen mit Anweisungen – und da geht natürlich nicht alles rund: „Wir mussten beispielsweise planen, daheim lebende, beatmete Patienten zu retten“, sagt Strunk. Auch Bewohner von Alten- und Pflegeheimen mussten evakuiert werden.

Und nicht zuletzt: Selbst Funkgeräte brauchen Strom. Also musste auf die Busse von Gimmler zurückgegriffen werden. „So ein Reisebus ist in der Regel immer vollgetankt und hat starke Batterien“, sagt Strunk – eine „Tankstelle“ für Funker. Hinzu kamen ebenfalls simulierte Randalierer vor dem Rathaus, Unfälle, Brände und medizinische Notfälle – und auch ein echter, wenn auch unkritischer Einsatz: Die Wehren der Kernstadt und Büblingshausen löschen einen Kleinbrand in der Ernst-Leitz-Straße.

Und über allem schwebte die Frage: Wie kommt die Bevölkerung an Wasser? „Es gibt in Wetzlar 28 Notbrunnen, die Versorgung ist also immer sichergestellt“, sagt Erwin Strunk, schiebt aber die entscheidende Frage hinterher: „Woher soll die Bevölkerung jedoch wissen, wo die Brunnen sind?“

Fragen wie diese gehören zu den Erkenntnissen der Übung. „Wir arbeiten jetzt Pläne zu diesen Notbrunnen aus, die an den Bürgerhäusern und den Feuerwehrgerätehäusern hinterlegt werden“, sagt Erwin Strunk. Dabei hat die eigentliche Nachbesprechung der Übung „Blackout“ noch gar nicht stattgefunden. „Wir wollen insgesamt noch schnellere Wege finden, die Menschen zu informieren und zu versorgen“, sagt Strunk. In der Hoffnung, diese Wege dann niemals gehen zu müssen.


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