Wittes Wirken in Wetzlar

VORTRAG Historiker informiert über den Bergwerksdirektor und Politiker

Mitarbeiter und Angehörige der Buderus-Bergwerksverwaltung aus Wetzlar 1938 bei einem Ausflug zur Grube "Friedberg" am Fuße des Dünsbergs bei Fellingshausen. Mit dabei: Direktor Dr. Wilhelm Witte (hinten, Mitte, mit Hut und Fliege). (Foto/Repros: Ewert)

Dr. Wilhelm Witte auf einem zeitgenössischen Gemälde.

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Gut 50 interessierte Besucher waren der Einladung in das Foyer der Bosch-Zentrale in der Sophienstraße 30-32 gefolgt, darunter mit Jens Peter Kühle der Enkel Wittes und Sohn des Witte-Schwiegersohnes, Rechtsanwaltes und Landtagsabgeordneten Wolfgang Kühle (1920-2002) sowie mit Beatrice Kinne die Großnichte des Buderus-Bergwerkdirektors. Auch dessen Tochter Barbara Lüdemann, geborene Witte (1922-1992), Gymnasiallehrerin und unter anderem Mitglied des Deutschen Bundestages für die FDP, ist in Wetzlar in nachhaltiger Erinnerung geblieben.

1891 wurde Wilhelm Witte als Sohn des Kreisbaumeisters Wilhelm Witte und dessen Ehefrau Wilhelmine in Wetzlar geboren. Sein Studium in München und Berlin wurde durch die Teilnahme am Ersten Weltkrieg unterbrochen, danach trat er 1920 in die Bergverwaltung von Buderus in Wetzlar ein. Dort gelang ihm in kurzer Zeit ein beachtlicher beruflicher Aufstieg. Schon 1927 wurde Witte, der ein Jahr zuvor mit einer Arbeit über die Eisen- und Manganerzlagerstätten bei Ober-Rosbach (vor der Höhe) promoviert hatte, in Wetzlar Nachfolger des langjährigen Bergwerksdirektors Eugen Haasters.

In dieser Position war Witte während schwieriger Zeiten in den 1920er und 1930er Jahren an zahlreichen wichtigen Grundsatzentscheidungen und Weichenstellungen in Sachen Erzförderung einschließlich der Übernahme zahlreicher Gruben, Roheisenproduktion und Gießereiindustrie entscheidend beteiligt. Witte war kein Mitglied der NSDAP und lehnte 1937 das Angebot ab, Leitender Bergwerksdirektor der Reichswerke in Salzgitter zu werden. 1942, die Zeiten waren noch schwieriger geworden, wurde Dr. Witte Vorstandsmitglied der Buderus'schen Eisenwerke mit der Zuständigkeit für das gesamte Berg- und Hüttenwesen.

Keine Zerstörungen in den Gruben von Buderus in Mittelhessen

Auch im Bergbau von Buderus wurden während des Zweiten Weltkrieges zunehmend Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt. Es spricht für deren gute Behandlung, dass es nach Kriegsende auf den Gruben von Buderus im Raum Mittelhessen zu keinen Plünderungen und Zerstörungen kam. Während es an vielen anderen Stellen entlang der Lahn bei Kriegsende zu Brückensprengungen kam, konnte die Zerstörung der beiden Brücken in Wetzlar unter Mitwirkung von Dr. Witte erfolgreich verhindert werden.

Nach dem Krieg verblieb Witte als einziges von einst sechs Buderus-Vorstandsmitgliedern im Amt. Erst im August 1946 traten Franz Grabowski und Dr. Franz Grosser neu in den Vorstand ein. Im März und Juni 1946 waren unter der Regie von Witte die Hochofenbetriebe in Wetzlar und Oberscheld wieder angelaufen. Auch In der Zeit zwischen dem Kriegsende und dem Eintritt in den Ruhestand Ende 1956 war es Dr. Wilhelm Witte, der die Geschicke von Buderus an führender Stelle bestimmte. Im November 1956 zeichnete die Fakultät für Bergbau und Hüttenwesen der Technischen Universität Berlin Dr. Witte ob seiner Verdienste um den Bergbau im Lahn-Dill-Gebiet mit der akademischen Würde eines Doktor-Ingenieurs ehrenhalber aus.

Neben seinen beruflichen Tätigkeiten widmete sich Wilhelm Witte vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten. Schon 1920 war er der Wetzlarer Loge "Wilhelm zu den drei Helmen" beigetreten. Er gehörte viele Jahre dem Vorstand des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute an und war Vorstandsmitglied des Wetzlarer Berg- und Hüttenmännischen Vereins, war aktiv im Dillenburger Bergschulverein und im Personalausschuss der Hessischen Knappschaft. 1943 in den Beirat der seinerzeitigen Gauwirtschaftskammer, Bezirksstelle Wetzlar, berufen, wurde er 1947 nach der Wiederherstellung der Selbständigkeit der IHK Wetzlar zu deren Vizepräsidenten gewählt. Witte engagierte sich auf dem Feld der Stadt- und Verkehrsplanung in Wetzlar, setzte sich für die Lahn als Wasserstraße ein und wurde erstmals 1956 ins Wetzlarer Stadtparlament gewählt, dem er mehr als drei Legislaturperioden lang angehörte.

Im Juli 1957 ernannte die Naturwissenschaftliche Fakultät der Uni Gießen Wilhelm Witte zum Doktor der Naturwissenschaften ehrenhalber. Die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft hatte ihn bereits im November 1951 als Dank für seine Unterstützung in der Kriegs- und Nachkriegszeit zu ihrem "Ewigen Mitglied" ernannt. Auch der Landesverband Hessen der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald verlieh ihm die Ehrennadel.

Nach dem Förderer des Dombauvereins und entschiedenen Verfechter zweier unbebauter Grüngürtel um Wetzlar wurde zwölf Jahre nach dessen Tod dann im Jahre 1986 ein stadtnaher Wanderweg benannt: der "Dr-Wilhelm-Witte-Weg".


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