Woolrec: Standpauke zum Auftakt

JUSTIZ Prozess gegen Ex-Firmenchef und Gutachter startet mit scharfer Kritik der Verteidiger

Um die Entstehung der Firma Woolrec und die Rollen, die die beiden Angeklagten Edwin F. (vorn ) und Stefan G. (hinten) dabei gespielt haben, ging es an Prozesstag zwei vor dem Gießener Schwurgericht. (Foto: Gross)

Groß war das Interesse am Prozessauftakt. Beim Eintritt in das Gießener Landgericht bildete sich eine Schlange. (Foto: Gross)
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Tiefenbacher kommen zum Woolrec-Prozessstart

Vorgeworfen werden dem früheren Firmeninhaber und dem Gutachter und Abfallexperten der unerlaubte Umgang mit Abfällen in einem besonders schweren Fall. Sie sollen aus Gewinnsucht gehandelt haben.

Allein im angeklagten Zeitraum 2007 bis 2012 soll Woolrec mit seinem aus Glasfasern und künstlichen Mineralfasern hergestellten Woolit 13,7 Millionen Euro umgesetzt haben. Stefan G. soll von der Firma monatlich 1500 Euro für Gutachten erhalten haben – insgesamt 84 000 Euro. Edwin F. und Stefan G. drohen Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Vertreter der IG Tiefenbach erhoffen sich Gerechtigkeit durch die 20-tägige Verhandlung

Das Interesse am Prozessauftakt am Dienstagmorgen war groß. Neben etwa 15 Woolrec-Gegnern von der IG Tiefenbach verfolgten zahlreiche Pressevertreter und Kamerateams die gut eineinhalbstündige Verhandlung vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Heiko Söhnel. Der Fall hatte jahrelang bundesweit als „Woolrec-Skandal“ für Schlagzeilen gesorgt.

Die Vertreter der IG Tiefenbach erhoffen sich Gerechtigkeit durch das auf 20 Verhandlungstage angesetzte Verfahren. Und sie erwarten, dass auch die Rolle des Regierungspräsidums (RP) Gießen als verantwortliche Aufsichtsbehörde aufgearbeitet wird, erklärte Tiefenbachs Ortsvorsteher Heinz Schulz (SPD). Andere IG-Mitglieder erhoben vor dem Gerichtssaal schwere Vorwürfe, sie sagten, Woolrec habe ihr Dorf und dessen Bewohner vergiftet.

Fast eine Stunde benötigte Staatsanwalt Bernd Süß für das Verlesen der Anklageschrift. Das lag vor allem an der langen Liste der Vorwürfe gegen Gutachter Stefan G.. Der 58-jährige Professor hat nach Ansicht der Ankläger zwischen April 2007 und März 2012 beinahe monatlich 56 falsche Gutachten erstellt, in denen er dem von Woolrec aus Glasfasern und Mineralwolle hergestellten Woolit Unbedenklichkeit bescheinigt habe. Tatsächlich sei die Faserfirma jedoch in dieser Zeit unerlaubt von der vom RP Gießen einzig genehmigten Woolit-Rezeptur abgewichen, so Süß. In der Folge habe es sich bei Woolit nicht mehr um ein Produkt für die Ziegelindustrie gehandelt, sondern um gefährlichen Abfall, der bei Menschen Krebs hervorrufen könnte und auch für Umwelt und Natur schädlich sei, sagte der Staatsanwalt. Vor 1996 hergestellte künstliche Mineralfasern wirkten wie Asbest, so Süß. Nach der 2003 genehmigten Woolit-Rezeptur hätte den Fasern 25 Prozent Ton beigemischt werden müssen, zusätzlich Melasse und Wasser. Tatsächlich habe der Tonanteil in den 56 Fällen nur zwischen knapp über einem und 3,6 Prozent betragen. Melasse sei häufig gar nicht beigegeben worden. Das sei beim Abgleich der Woolrec-Einkaufslisten festgestellt worden. Demnach wurden fast monatlich um die 1000 Tonnen Faserabfälle bei der Tiefenbacher Firma angeliefert.

Auf einen ganz anderen Vorgang zwischen dem 10. und 24. September 2012 stützt sich die Anklage gegen Edwin F.. Damals soll es ein rund 25 Quadratmeter großes Loch in der Außenwand der Woolrec-Anlieferungshalle gegeben haben. Trotz der Gefahr, dass krebserregende Abfälle in die Umwelt gelangen, habe der Ex-Firmenchef den Betrieb unverändert fortgesetzt und den Schaden zunächst vor zwei Kontrolleuren vom RP Gießen verschleiert, so Süß. Erst am 21. September sei der Schaden von anderen RP-Mitarbeitern festgestellt und der Betrieb gestoppt worden.

Edwin F. und Stefan G., die sich beide durch je zwei Anwälte aus Düsseldorf, Köln und Darmstadt verteidigen lassen, wollen sich nicht zu den Vorwürfen äußern, beide machen von ihrem Schweigerecht Gebrauch.

Stattdessen gab Oliver Kipper, Verteidiger von Edwin F., eine Erklärung ab. Der Anwalt monierte eine Vorverurteilung der Angeklagten durch die Medien und Öffentlichkeit. Unter Nennung der Namen kritisierte Kipper im Gerichtssaal direkt zwei Journalisten des Hessischen Rundfunks.

Auch am Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt übte Kipper Kritik. Dessen Richter hatten im März 2017 das Woolrec-Verfahren nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft Gießen eröffnet, nachdem das Gießener Landgericht dies zuvor abgelehnt hatte. Die OLG-Richter hätten sich dabei auf falsche Tatsachen gestützt, auf „erfundene Ergebnisse von Nachgutachten, die nicht existierten und für die es aus unserer Sicht keinen Beleg gibt“, erklärte Kipper. Georg Strittmattler, Verteidiger von Stefan G., rügte zudem die Bestellung von zwei der Schöffen.

Der Prozess wird am 6. Februar, 10 Uhr, fortgesetzt.

 

Chronik des Woolrec-Skandals

  • 2002 wurde die Firma Woolrec gegründet. Zusammen mit der Uni Gießen wurde ein Verfahren zur Verarbeitung von Dämmstoffabfällen zu Woolit, einem Zuschlagstoff für die Ziegelherstellung, entwickelt. Die künstlichen Mineralfasern gelten seit 2002 als gefährlicher Abfall. Bevor sie bei Woolrec verarbeitet wurden, mussten sie als Sondermüll auf Deponien entsorgt werden. Woolit wurde im Juli 2003 vom Regierungspräsidium (RP) Gießen als Produkt genehmigt. Der Aufbau der Anlage wurde aus dem Umweltinnovationsprogramm der Bundesregierung gefördert. Das Betriebsgelände befand sich im Tiefenbacher Gewerbegebiet in direkter Nähe zu Wohnhäusern.
  • Ende April 2009 erhielt die Woolrec GmbH 370 000 Euro aus dem Innovationsprogramm des Bundesumweltministeriums für ein Pilotprojekt mit dem Ziel, die bei der Mineralfaserverwertung ebenfalls anfallenden Plastikfolien und Metalldrähte zu verwerten.
  • Im Dezember 2010 erteilt das Beselicher Parlament dem seit 2008 geplanten Umzug der Firma Woolrec in den Nachbarlandkreis eine Absage. Vorausgegangen waren eine Bürgerversammlung und die Auseinandersetzungen mit einem hartnäckig nachforschenden Bürgerforum.
  • Im April 2011 spitzt sich der Konflikt zwischen Woolrec und den Anwohnern in Tiefenbach zu: Unter Protest ziehen 60 Bürger der Interessengemeinschaft Tiefenbach vor das Firmentor. Sie fürchten Krebs durch die Verarbeitung der künstliche Mineralfasern.
  • Wie gefährlich ist das aus alten künstlichen Mineralfasern hergestellte Woolit wirklich? So lautet abermals die Frage im Februar 2012. Nach der Uni Gießen kommt auch das renommierte Fresenius-Institut in einer Analyse zu dem Ergebnis, dass Woolit stark krebserzeugend ist.
  • Auf besorgniserregende Befunde, nach denen die Fasern Krebs erzeugen, in Woolit nicht komplett gebunden seien und sogar nach dem Ziegelbrennen eine Gefahr darstellen sollen, reagiert Mitte März 2012 die Bezirksregierung in Münster und verhängt sofortige Auflagen gegen eine Ziegelei in Olfen, die Großabnehmer ist. Woolit darf bis zur vollständigen Klärung des Gefahrenrisikos weder angeliefert noch verarbeitet werden. Auf dem Ziegelleigelände lagern 3000 Tonnen Woolit auf Halde, die fachgerecht auf einer Deponie entsorgt werden müssen.
  • Ebenfalls im März 2012 beantragt eine Frankfurter Rechtsanwaltskanzlei im Namen der Tiefenbacher die Stilllegung von Woolrec beim RP Gießen. Zugleich demonstrierten 250 Bürger im Stadtteil.
  • Ein erneutes vom RP Gießen in Auftrag gegebenes Gutachten bescheinigt dem umstrittenen Woolit Ende April 2012 absolute Unbedenklichkeit. Wörtlich heißt es: „Von Woolit geht keine Gefahr aus.“ Weitere massive Proteste der IG Tiefenbach sind die Folge, die Mitglieder misstrauen dem Gutachten.
  • Wegen des Vorwurfs der Luftverunreinigung nimmt die Staatsanwaltschaft Limburg Anfang Mai 2012 Ermittlungen gegen Woolrec auf. Vorausgegangen waren mehrere Anzeigen von Tiefenbacher Bürgern.
  • Obwohl die Faserfirma fünf Jahre lang gegen Vorschriften verstoßen haben und eigenmächtig ohne Genehmigung von der Woolit-Rezeptur abgewichen sein soll, scheut das RP Gießen die sofortige Betriebsstilllegung. Stattdessen gibt die Aufsichtsbehörde dem Unternehmen eine letzte Chance. Woolit, das nicht nach der Ur-Rezeptur hergestellt wird, darf nicht mehr vertrieben werden. Woolrec soll für die Entsorgung der 3000 Tonnen Woolit in Olfen aufkommen.
  • Ende Juni 2012 nimmt die Staatsanwaltschaft Gießen Ermittlungen gegen Woolrec-Gutachter Stefan G. auf. Luftverunreinigung durch Unterlassen lautet der erste Vorwurf. Dafür drohen bis zu fünf Jahre Haft oder Geldstrafe.
  • Nach einer unangemeldeten Kontrolle von RP-Mitarbeitern auf dem Betriebsgelände stoppt das RP am 21. September 2012 den Betrieb vorübergehend. Offenbar mit einem Radlader wurde ein 25 Quadratmeter großes Loch in die Außenwand der Anlieferungshalle gefahren, das Loch wurde angeblich zunächst vor den Kontrolleuren vertuscht. Die Behörde nimmt Ermittlungen auf und entzieht dem Betreiber kurz darauf die immissionsschutzrechtliche Genehmigung der Anlage wegen persönlicher Unzuverlässigkeit.
  • Nachdem weitere Gutachter sowohl in der Filteranlage der Produktionshalle als auch im umstrittenen Woolit erhebliche Schadstoffmengen an Dioxin und Schwermetallen festgestellt haben, legt das RP den Betrieb mit sofortiger Wirkung vorläufig still. Aus der vorläufigen wird schließlich die endgültige Stilllegung. (gro)

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Kommentare (2)
Hoffentlich gibt das ein gerechtes Urteil, nach all diesen Jahren. Dank an die Wetzlarer Neue Zeitung für die vielen, gut recherchierten Berichte zum Woolrec-Skandal.
oh neuer Ortsvorsteher
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