Zu wenig Zeit für Flüchtlingshelfer

POLITIK  Spitzenkandidat der Hessen-AfD lässt Treffen mit Wählern vor TV-Kameras platzen

Die zwölfjährige Ayda (v.l.), ihre Mutter Maryam – beide aus Afghanistan geflüchtet und wohnhaft in Phillipstein – warten mit Renée Herrnkind und Gila Gertz von der Flüchtlingshilfe, Yazan aus Syrien sowie Bettina Twrsnick und der HR-Redakteurin Selina Rust auf Rainer Rahn. (Foto: Mohamad Osman)

Eine grüne Umweltministerin trifft auf einen konventionellen Schweinezüchter, ein Sozialdemokrat spricht mit Menschen, die seit Jahren von Hartz IV leben müssen – das eine SPD-Regierung schuf. Es sind keine einfachen Treffen mit dem Wähler, die sich der Hessische Rundfunk für die prominentesten Politiker vor der Landtagswahl ausgedacht hat. „Blind Dates“ heißt die vierstündige Konfrontationstherapie und ist derzeit – kurz zusammengefasst – allabendlich in der Hessenschau zu sehen, am Sonntag ab 19 Uhr zudem in einer etwas längeren Sendung.

Auch nach Mittelhessen hat die Suche nach Gesprächspartnern die Fernsehmacher geführt: In Wetzlar haben sie die Ehrenamtlichen der Flüchtlingshilfe Mittelhessen gewonnen – für ein Gespräch mit dem AfD-Spitzenkandidaten Rainer Rahn, Zahnarzt aus Frankfurt. „Wir waren alle etwas aufgeregt, aber unsere Geflüchteten weniger als wir Flüchtlingshelfer“, sagt Renée Herrnkind, die sich ehrenamtlich für Geflüchtete engagiert.

Man habe sich im Helferteam in der Phantastischen Bibliothek schnell einigen können, mit der Partei und ihrem Spitzenmann ins Gespräch kommen zu wollen. Und mit dem Syrer Yazan, Student bei StudiumPlus, und der Afghanin Maryam und ihrer Tochter Ayda haben sie Musterexemplare des Integrationswillen gefunden, deren Perspektive in Deutschland jedoch zumindest ungewiss ist. Yazan genießt sogenannten subsidiären Schutz und muss wohl zurück nach Syrien, wenn der Krieg irgendwann einmal vorbei ist. Und Maryam und Ayda wissen bereits, dass ihr Asylantrag abgelehnt wurde.

Wählen dürfen die Geflüchteten am 28. Oktober nicht. Wählen aber dürfen jene, die sich für sie engagieren. „Wir wollten Herrn Rahn fragen, wie es seine Partei mit dem Asylrecht und der Migration hält“, beginnt Herrnkind eine Aufzählung: mit der Sprache der AfD und deren Wirkung wollten sich die Ehrenamtlichen beschäftigen, mit den Vor- und Nachteilen geschlossener Grenzen in Europa. „Und wir wollten Herrn Rahn fragen, auf welche deutschen Werte und Philosophen sich die AfD beruft“, sagt Herrnkind.

Die Idee, außerhalb Frankfurts auf ihm unbekannte Wähler zu treffen, findet Rahn: „Scheiße“

Doch Rahn kam nicht. „Ich habe das ,Date‘ abgebrochen, nachdem ich mit dem HR-Team bereits mehr als eine Stunde unterwegs war Stau und mir mitgeteilt wurde, dass die Fahrt bis zum Ziel weitere 50 Minuten dauern würde“, begründet der Kandidat, warum er das HR-Team auf der Autobahn bei Butzbach zur Umkehr bat. Das Video der Hessenschau deutet darauf hin, dass diese Zahlen nicht ganz korrekt sind. Ihm jedenfalls sei klar geworden, dass für ein Gespräch vor Ort maximal 20 Minuten zur Verfügung gestanden hätten, so Rahn.

„Wir haben jeder mehr als einen Arbeitstag in dieses Treffen investiert“, rechnet Herrnkind für die Flüchtlingshilfe vor. Geflüchtete mussten gesucht und auf das Treffen vorbereitet werden. Die wahlberechtigten Ehrenamtler haben sich Fragen an den Kandidaten überlegt. Der HR war zu einem Vorgespräch in der Phantastischen Bibliothek – und am Drehtag gingen weitere Stunden ins Land. Zwei Kamerateams waren eingesetzt.

Was Rahn von der Idee eines Treffens mit unbekannten Wählern hält, drückt er selbst gleich zu Beginn des HR-Beitrags knapp aus: „Scheiße“. Der AfD-Landesvorstand habe ihm zur Teilnahme geraten – nur deshalb mache er mit. 35 Minuten nach Abfahrt in Frankfurt ist es ihm zu bunt: „Fahren Sie mich bitte zurück“, sagt er zu seinem begleitenden Kamerateam. Telefonische Überredungsversuche von HR-Redakteurin Selina Rust fruchten nicht.

Der Beitrag zeigt erschütterte Ehrenamtler. Und diese Erschütterung hält an: „Ich frage mich, wie man mit Menschen ins Gespräch kommen kann, die ein komplett anderes Weltbild haben“, sagt Renée Herrnkind. „Wir sind jederzeit am Austausch gerade mit solchen Bürger interessiert, die unsere Positionen bislang noch nicht teilen“, teilt Rahn auf Anfrage mit. Er sei stets erreichbar, stelle sich Fragen und Diskussionen.

Herrnkind fällt nur ein Wort zum Verhalten des promovierten und habilitierten Mediziners ein: Respektlosigkeit. Bis zur Ausstrahlung des Beitrags am Donnerstagabend wusste Rahn nicht, auf wen er hätte treffen sollen.

Die Hessenschau von Donnerstag kann in der Mediathek des HR erneut angeschaut werden. Am Sonntag, 14. Oktober, wird zudem ab 19 Uhr die Sendung „#hrWahl – Blind Date mit den Wählern“ ausgestrahlt.


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Kommentare (1)
Schuster, bleib bei deinem Leisten! Diesem Zahnarzt empfehle ich die Konsultation eines Augenarztes (von Stau war nichts zu sehen) und die eines Ohrenarztes (nicht 50 Minuten sollte die Fahrt noch dauern, sondern 24!). mehr
Es tut mir sehr leid für alle, die an den Vorbereitungen beteiligt waren, dass sie so dreist belogen wurden von einer einzelnen Person - der plötzliche Abbruch schien mir geplant gewesen zu sein. So jemandem (und allen anderen dieser Partei) darf kein Raum im Landtag gegeben werden! AfNee !!!
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