Zeit der Zumutungen: Wir müssen miteinander reden

„Der genialste Kniff der biblischen Weihnachtsgeschichte ist der, uns nicht auf einen vom Himmel herabsteigenden Helden schauen zu lassen, sondern in die Augen eines Kindes.“ Foto: zatletic - stock.adobe

Wir müssen miteinander auskommen - nicht nur im Privatleben und nicht nur zur Weihnachtszeit. Lars Hennemann mit einer guten Nachricht: Wir können das auch. Wenn wir es wollen...

Anzeige

REGION. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wann immer es ihm gelingt, durch Kommunikation mit anderen zu neuen Schlüssen zu kommen, kann er Ziele erreichen, die er alleine nie auch nur hätte anpeilen können. Der Erfolg ist sichtbar: Wir haben Ozeane überwunden, Krankheiten besiegt, wir fliegen ins Weltall, leben länger und - zumindest statistisch - auch besser als je zuvor. Und doch macht sich nicht erst seit dem bald abgelaufenen Jahr Unruhe breit. In manchen Teilen der Welt in Formen, für die dieses Wort eigentlich viel zu milde ist - Krieg und Verfolgung. In glücklicheren Regionen nagt das Gewissen immer spürbarer, indem es uns sagt, dass Erfolge ihre Kehrseiten haben. Soziale Kehrseiten, weil Erfolg ohne seinen mitleidlosen Bruder Konkurrenz nicht zu haben ist. Und ökologische, weil wir für alles, was wir erreichen, bislang viel zu viel Treibstoff verfeuern.

Immer mehr Menschen suchen deshalb Korrekturmöglichkeiten. Was im Jahr 2019 nicht einfach ist: Beide Grundpfeiler, auf die man sich in der Vergangenheit bei der Selbstverortung verlassen konnte - Kommunikation und ein gemeinsames Verständnis von Erfolg - werden gerade einer radikalen Neudefinition unterzogen. Wir kommunizieren so intensiv wie nie - und können doch immer öfter Märchen von Fakten nicht mehr unterscheiden. Weil wir im freien Teil der Welt freie Meinungsbildung und freie Medien fahrlässig in Frage stellen. Und uns stattdessen (nicht nur dort, aber dort besonders) in sozialen Netzen anblöken, bis wir müde sind. Aber nicht klüger. In anderen Regionen wird man gleich ganz enthirnt und gleichgeschaltet. Und wer sich nicht gleichschalten lässt, wandert in den Bau oder ins Lager.

„Wir leben in Zeiten des Stammesdenkens“

Der Mensch reagiert darauf als Individuum und in Gruppen nach einem alten Muster, das ihn immer geschützt hat: zurück in die Wagenburg. Trumps „America First“, der Brexit oder andere Politphänomene folgen deshalb der Wahlerfolg bringenden Erkenntnis, die Karl Rove, der Schattenmann hinter George W. Bush, kürzlich auf seine unnachahmliche Weise noch einmal so formulierte: „Wir leben in Zeiten des Stammesdenkens.“

Anzeige

Man kann und muss diesen Rückzug in den Nahbereich aber auch positiv beschreiben. Er ist mehr als Resignation oder Chauvinismus. Durch ihn entsteht auch viel gutes Miteinander: Soziale Initiativen kümmern sich um diejenigen, die Konkurrenz nicht mehr aushalten oder es nie konnten. Junge helfen Alten. Und auch wenn wir wissen, dass es für den Planeten eine Zumutung ist, Obst oder Gemüse über Tausende von Kilometern zu verschiffen, so wissen wir auch, dass es noch viel irrsinniger wäre, es wegzuwerfen, wenn es einmal hier ist. Also gilt unsere Hochachtung denen, die sich bei den Tafeln engagieren - und dafür, dass nicht das Containern, sondern das Vernichten von Lebensmitteln unter Strafe stehen sollte.

Bildung, Bildung und nochmals Bildung

Je mehr Druck im Großen, desto mehr Miteinander im Kleinen - die Gegenbewegung ist real. Aber sie löst größere Formen des Miteinanders nicht auf. Ob wir wollen oder nicht, egal, an welchen Gott wir glauben, ob wir Verzichts-Asketen sind oder Wälder abholzende Ego-Shooter: Wir sind über die Endlichkeit des Planeten aneinandergekettet. Endlich in Bezug darauf, was aus ihm noch herauszubaggern ist, aber auch darauf, was er aushält, ohne sich irreparabel zu verändern. Die letztlich entscheidende Frage ist, ob die Roveschen Stämme sich jemals auf ein Miteinander werden verständigen können. Aus sich selbst heraus, wie Greta Thunberg es so plakativ fordert? Der Journalist Mario Sixtus hat die Kampflinie tiefer beschrieben: Die Frage sei, wer wem moralisch überlegen sei - die westlichen Demokratien, die bislang den Planeten einfach weiter abfackelten, oder China und andere, die vielleicht ökologischere Wege fänden. Um den Preis einer Diktatur.

Gottlob schließen sich aber auch Technik und Demokratie nicht aus, und die Zukunft wird auch nur mit Technik zu gewinnen sein. Was zum zweiten Grundpfeiler führt, der uns weiter miteinander verbinden wird: unser Verständnis von Erfolg. Der technologische, digitale Wandel wird zumindest kurzfristig immer mehr Menschen produzieren, deren Fähigkeiten für die Wirtschaft keine Bedeutung mehr haben. Das kann in fragilen Regionen der Welt ganze Staaten zerreißen und in entwickelteren die Sozialsysteme. Hier müssen kurzfristig miteinander verabredete Regulative zum Einsatz kommen und danach der einzige Impfstoff, den es gegen Erfolglosigkeit gibt: Bildung, Bildung und nochmals Bildung, barrierefrei und chancengleich für alle. Nur sie garantiert nachhaltigen, weil sozialen Erfolg.

Gewaltige Herausforderungen - aber wir können ihnen begegnen. Es gibt nämlich noch etwas, das uns miteinander verbindet. Nicht die Luft, die Lieferwagen in online bestellten Paketen spazieren fahren, nicht das vierte Steak in der Woche und nicht die sechste Billigklamotten-Kollektion, die wir in Schrottläden kaufen. Es ist das, was nach uns kommt. Der genialste Kniff der biblischen Weihnachtsgeschichte ist der, uns nicht auf einen vom Himmel herabsteigenden Helden schauen zu lassen, sondern in die Augen eines Kindes. Ob man nun religiös ist oder nicht: Im Blick auf Kinder liegt eine Motivation, aus der heraus es nie eine Währung geben wird. Aber die Pflicht zum Miteinander und die, trotz aller Umbrüche nicht den Verstand zu verlieren. Wir haben auch weiter alle Chancen, wenn wir miteinander reden, es uns dabei nicht einfach machen und am Ende das Richtige tun. Miteinander, nicht gegeneinander.

Anzeige

Von Lars Hennemann